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URI: Schritt für Schritt zu mehr Selbstvertrauen

Demenz ist eine gefürchtete Diagnose. Obwohl die Krankheit nicht heilbar ist, muss Isolation nicht sein. Im Urner Reussdelta wandern Betroffene gemeinsam ein Stück ins Leben zurück – dank eines bislang einzigartigen Projekts in der Zentralschweiz.
Franziska Herger
Einfach nur den Moment geniessen: Wanderer mit Demenz gönnen sich am Urnersee eine kleine Pause. (Bild: Roger Grütter (Flüelen, 5. Juli 2017))

Einfach nur den Moment geniessen: Wanderer mit Demenz gönnen sich am Urnersee eine kleine Pause. (Bild: Roger Grütter (Flüelen, 5. Juli 2017))

Franziska Herger

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

«Eigentlich gehe ich lieber richtig ‹z Bärg›», tönt es von der Spitze der kleinen Kolonne, die sich langsam durch das flache Urner Reussdelta bewegt. Die bergbegeisterte Dame ist 90 Jahre alt, körperlich fit wie ein Turnschuh – und dement. Sie erzählt mehrmals, wie sie als junge Frau den Urirotstock gleich dreimal erklommen hat.

Priska Herger kennt das: «Viele Teilnehmer sind früher oft gewandert», erklärt die Wanderleiterin. «Unsere Ausflüge zeigen ihnen, dass sie das auch heute noch können. Das gibt Selbstvertrauen.» Das Angebot der Andermatterin ist in der Innerschweiz einmalig. Bereits zum dritten Mal leitet sie Sommerwanderungen für Menschen mit Demenz. «Betroffene sollen ihren Bewegungsdrang ausleben können», sagt Herger. «Die Gemeinschaft mit anderen bringt zudem viel Lebensfreude.»

Geduld und Offenheit sind am wichtigsten

Acht rüstige Wanderer haben sich an diesem heissen Mittwochnachmittag in Flüelen auf den Weg gemacht. Viele sind schon zum zweiten oder dritten Mal dabei. Die älteste Teilnehmerin ist 94 Jahre alt und stark sehbehindert. Doch am Arm Ihrer Begleiterin geht sie sicheren Schrittes. «So komme ich auch noch etwas herum», sagt die alte Frau und lächelt. Auch für die anderen Teilnehmer ist je eine Begleitperson dabei. Es sind Mitarbeiterinnen des Flüeler Altersheims und Freiwillige vom Roten Kreuz. Vor jeder Saison werden die Freiwilligen im Umgang mit demenzkranken Personen geschult. «Wir gehen das nicht blauäugig an», sagt Margrit Zgraggen, Begleiterin aus Altdorf. «Das Wichtigste ist, offen auf die Betroffenen zuzugehen und Geduld zu haben.»

Probleme können sich auf der Wanderung jederzeit ergeben, sagt Priska Herger. «Es ist schon vorgekommen, dass jemand einfach nicht mehr weiterwollte», erinnert sie sich. «Auch Aggressionen könnten vorkommen, bei uns jedoch noch nie. Oder es läuft jemand davon.» Prompt entfernt sich auch an diesem Wandertag eine der älteren Damen von der Gruppe. Weit kommt sie jedoch nicht; ihre Begleiterin holt sie sofort zurück.

Petra Marschke vom Vorstand der Alzheimervereinigung Uri/Schwyz sieht die Stärke des Projekts vor allem da drin: «Durch die Eins-zu-eins-Betreuung kann voll auf die Bedürfnisse der dementen Menschen eingegangen werden. Die Betroffenen haben zudem Freude, dass jemand wirklich nur für sie da ist und ihnen zuhört.»

Der einzige Herr in der Gruppe steigt nun wacker die Treppe zur Reussbrücke hinauf, der Schweiss stand ihm auf der Stirn. «Jetzt ist bald Zeit für ein kaltes Bier», sagt er. Zuerst aber gibt es Sirup und Guetzli, während die Wanderer im Fluss nach Fischen Ausschau halten. Bis sich alle auf der Brücke eingefunden haben, dauert es. Für die knapp drei Kilometer lange Strecke sind drei Stunden eingeplant. «Wir lassen uns Zeit», sagt Priska Herger.

Nachfrage hält sich in Grenzen

Die Wanderleiterin hat für das Projekt im Jahr 2015 den Fokuspreis der Alzheimervereinigung Uri/Schwyz gewonnen. Dank der Trägerschaft des Vereins Urner Wanderwege kann sie die Wanderungen samt Betreuung kostenlos anbieten. «Ein tolles ­Angebot», sagt Herger, «auch für Angehörige von Betroffenen, die so einmal einen Nachmittag für sich haben.» Trotzdem: Die Nachfrage hält sich in Grenzen. «Oft haben wir nur wenige Teilnehmer», sagt Herger. «Besonders selten kommen Betroffene mit, die zu Hause betreut werden.» Auch bei den Altersheimen sei das Projekt nicht auf grosse Resonanz gestossen, so die 37-Jährige. «Anscheinend besteht hier eine Hemmschwelle. Viele Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen haben Angst, sich auf Neues einzulassen – das ist auch verständlich.» Trotzdem will sie die Wanderungen auch nächstes Jahr wieder anbieten. «Die Teilnehmer sind immer so stolz, wenn sie die Strecke geschafft haben.» Tatsächlich wird die Stimmung in der kleinen Wandergruppe immer ausgelassener, je näher sie dem Ziel kommt. Bei der Schiffanlegestelle in Flüelen stimmen die Frauen sogar «Zoogä-n-am-Boogä» an. Der einzige Mann sitzt derweil vor seinem wohlverdienten Bier. Am Ende wollen zwei Damen gar nicht mehr Aufhören mit dem Wandern und machen sich zu Fuss auf den Weg Richtung ­Altersheim. Zwei Begleiterinnen folgen ihnen sofort.

Hinweis:Weitere Informationen unter: www.alzheimerurischwyz.ch

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