URI: Schweiz - Deutschland 1:1

Lokale Firmen holen qualifiziertes Personal aus dem Ausland. Gleichzeitig wandern gut ausgebildete Urner ab. Zwei Kaderleute sprechen über ihre Arbeit fernab von daheim.

Anian Heierli
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Patrik Müller bei seinem Ferienaufenthalt zu Hause in Uri.

Patrik Müller bei seinem Ferienaufenthalt zu Hause in Uri.

Viele junge Berufsleute mit solider Ausbildung verlassen Uri. «Qualifizierte Arbeitskräfte sind unser Exportschlager», sagte Bildungsdirektor Beat Jörg am vergangenen Arbeitgeberanlass der Volkswirtschaftsdirektion Uri etwas sarkastisch (siehe unsere Zeitung vom 18. April).

Einer dieser qualifizierten Auswanderer ist Patrik Müller. Der Altdorfer leitet seit gut einem Jahr im ostdeutschen Waltershausen die Finanz- und IT-Abteilung der Dätwyler Sealing Technologies Deutschland GmbH, einer Tochterfirma der Urner Dätwyler Schweiz AG (DAG). Das kleine Städtchen Waltershausen liegt mitten in Thüringen nahe bei Erfurt. Bis heute hat der 38-jährige Müller die Zeit in Deutschland fast immer genossen. Trotzdem gibt es hin und wieder Kommunikationsprobleme mit den Nachbarn aus dem Norden: Die ehemaligen DDR-Bürger haben ihre ganz eigene Mentalität.

Denken Ihre deutschen Mitarbeiter, sie könnten alles besser?

Patrik Müller: (lacht) Nein. Von diesem Vorurteil halte ich gar nichts. In der Schweiz heisst es ja vielerorts, die Deutschen seien arrogant. Diese Erfahrung blieb mir bisher erspart. Aber unsere Nachbarn haben ihren ganz eigenen Stolz. Möglicherweise ist so das Bild des hochnäsigen Deutschen entstanden.

Was ist das Spezielle am deutschen Stolz?

Müller: Ein Grossteil meiner Kollegen in Waltershausen möchte keine Hilfe annehmen. Aus Stolz fragen sie nicht danach. Sie versuchen lieber, einzelne Arbeitsschritte immer und immer wieder selber durchzuführen. Vom Unternehmensstandpunkt gesehen ist das unsinnig. So gehen Zeit und Geld verloren.

Woran muss sich ein Schweizer Chef in Deutschland gewöhnen?

Müller: An den plötzlichen Feierabend. Spätestens um 16 Uhr schliessen die meisten Abteilungen. In Waltershausen hält man sich strikt an die Zeiten im Arbeitsvertrag. In der Regel bleibt keiner auch nur eine Minute länger. Die typisch schweizerische Überstundenmentalität kennt man in Ostdeutschland nicht. Das strikte Arbeiten nach der Uhr stammt vermutlich noch aus der DDR-Zeit.

Wie kommen Sie darauf?

Müller: Von einem Angestellten weiss ich, dass man in der DDR Überstunden nicht kannte. Damals sah es die Geschäftsleitung nicht gerne, wenn eine Person länger arbeitete als vorgesehen. Wer Überstunden geleistet hatte, musste sich am nächsten Tag beim Chef rechtfertigen.

Kommunizieren unsere Nachbarn anders?

Müller: Sie sind viel direkter als Schweizer. Es wird nicht lange am Thema vorbeigeredet. Ein Schweizer erkundigt sich, ob er eine Frage stellen darf. Die Deutschen hingegen fragen direkt. Ich selber finde das gut.

Hat jemand aus dem deutschen Umfeld Vorurteile gegen Sie gehegt?

Müller: Nein, überhaupt nicht. Aber als Chef bin ich klar im Vorteil. Meine Autorität schützt mich am Arbeitsplatz vor Anfeindungen. Einzig denken die meisten Deutschen, dass jeder Schweizer reich sei. Doch damit liegen sie ja gar nicht völlig daneben. Das Lohnniveau in Ostdeutschland ist spürbar tiefer.

Also haben Sie auch neben dem Beruf Freunde gefunden?

Müller: Ja. Doch in Deutschland ist mein soziales Umfeld klein. Das liegt aber nicht an den Einheimischen. Während meiner ersten acht Monate in Waltershausen habe ich fast nur gearbeitet. An manchen Tagen vermisse ich meine Urner Freunde. In Altdorf habe ich 15 Jahre Badminton im Klub gespielt. Heute fehlt mir das Training mit den Kollegen.

Kommen Sie also bald wieder zurück nach Uri?

Müller: Irgendwann sicher. Doch das war mir von Anfang an klar. Ich bleibe noch mindestens bis Ende Jahr in Waltershausen. Dann möchte ich in eine andere Niederlassung der DAG wechseln. Doch wohin, wird sich noch klären. Vielleicht nach Mexiko. Trotzdem bleibe ich ein Heimweh-Urner.

Weshalb sind Sie dann ins Ausland gegangen?

Müller: In Uri hatte ich nicht die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten. Bereits seit der KV-Lehre habe ich für die DAG gearbeitet. Sprich: zwei Jahrzehnte. Ich habe berufsbegleitend die Höhere Fachschule für Wirtschaft besucht. Als ich die Chance bekam, in Waltershausen mein eigenes Team zu leiten, habe ich sie am Schopf gepackt.

Warum hat die DAG diese Position mit Ihnen und nicht mit einem Deutschen besetzt?

Müller: Die DAG hat die Phoenix Dichtungstechnik Gmbh in Waltershausen Ende 2011 übernommen. Meine Aufgabe ist es, Schweizer Standard aufzubauen. Zudem habe ich die Kommunikation mit der Schweiz sichergestellt.

Würden Sie nochmals auswandern?

Müller: Klar. Ich kann diese wertvolle Erfahrung jedem nahelegen. Es muss ja nicht für immer sein. Gute Fachkräfte aus der Schweiz sind weltweit gefragt.