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Uri sorgt für Motivationsspritze

OP-Pfleger Oliver Naujoks hat einem deutschen Krankenhaus den Rücken gekehrt – und in Uri neue Erfüllung gefunden.
Claudia Naujoks*
Oliver Naujoks, OP-Pfleger in Altdorf. (Bilder: Urs Hanhart)

Oliver Naujoks, OP-Pfleger in Altdorf. (Bilder: Urs Hanhart)

7.20 Uhr, irgendwo im Süden Baden-Württembergs, Deutschland: Oliver Naujoks verabschiedet sich von seinen drei Kindern und seiner Frau, schliesst die Tür der Doppelhaushälfte und macht sich wie jeden Tag zu Fuss auf den Fünf-Minuten-Weg in die Arbeit, den Operationssaal einer Klinik.

Seit er 1994 seine Ausbildung begonnen hat, fühlt er sich dort wohl. Das Haus beherbergt drei Disziplinen: die Unfallchirurgie, die Neurologie und die Urologie. Die anderen Bereiche sind dezentral auf andere Häuser in der Region verteilt.

Fast zwanzig Jahre verdient Oliver Naujoks seinen Lebensunterhalt dort, wird sesshaft, gründet eine Familie, baut ein Haus und denkt eigentlich, dass er hier alt wird. Auch den Bau des zentralen Grossklinikums, unter dessen Dach alle Disziplinen vereint werden sollen, verfolgt er noch mit regem Interesse und zieht zusammen mit seinen Kollegen unvoreingenommen und voller Neugier und Tatendrang in die neue Arbeitsstätte ein. Anfangs beruhigt er sich noch mit: «Ja, das sind die Kinderkrankheiten, das wird besser, wir geben dem Ganzen noch etwas Zeit.» Nach einem halben Jahr jedoch sind die Arbeitsabläufe immer noch chaotisch und das Arbeitspensum extrem hoch.

Ein grosser Teil des Lohns geht flöten

Patienten, die schon Tage in der Klinik liegen, werden kurzerhand zum Notfall erklärt und mitten in der Nacht oder an Sonn- und Feiertagen operiert. In OP-Sälen, die für die Unfallchirurgie eingerichtet sind, werden gynäkologische Operationen eingeplant. Geräte müssen dafür mühsam aus einem Operationssaal in den anderen gebracht werden. Das bedeutet einen erheblichen Mehraufwand für die OP-Pfleger.

Zu allem Überfluss werden sogenannte Bereitschaftsdienstzeiten (Pikett) unter der Woche nicht mehr wahlweise in Geld oder Freizeit vergolten, sondern nur noch in Freizeit. Dadurch fällt von einem Tag auf den anderen ein erheblicher Teil vom Lohn weg. Jeder kann sich vorstellen, was das für eine fünfköpfige Familie mit nur einem Verdiener bedeutet.

All diese Missstände in der Summe führen zu einer schlechten Stimmung im gesamten OP-Team. Auch die Tatsache, dass sich die Klinikleitung bei der Kommunikation dieser Kritikpunkte durch alle alteingesessenen Mitarbeiter nicht hat erweichen lassen, trägt noch mehr dazu bei. Oliver Naujoks beobachtet eine beispiellose Kündigungswelle, die in den darauffolgenden Wochen und Monaten durch den OP rollt. In diesem Moment verstärkt sich auch der Eindruck der Anonymität, die in diesem OP durch seine Grösse zwangsläufig sowieso schon herrscht, noch mehr, da viele neue Mitarbeiter, oft auch Honorarkräfte, eingestellt werden. «Ich bin ein halbes Jahr lang jeden Tag Mitarbeitern begegnet, die ich vorher noch nie gesehen hatte», erinnert sich der 49-Jährige. Er wird immer unzufriedener. Auch seine Familie leidet darunter.

Ein schlimmer Anlass zwingt ihn dazu, innezuhalten und über seine berufliches Situation gründlich nachzudenken: Er bricht sich den Oberschenkel, als er an einem kalten Morgen Anfang Februar mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und stürzt. Wochenlang ans Bett gefesselt, entdeckt er während seiner Recherchen im Internet die Möglichkeit, als Honorarkraft im Ausland anzuheuern. Denn in eine kleine Klinik in der näheren Umgebung zu wechseln, stellt für den erfahrenen und engagierten OP-Pfleger keine Option dar.

Geburten beflügeln den OP-Pfleger in Altdorf

Oliver Naujoks macht Operationsutensilien parat.

Oliver Naujoks macht Operationsutensilien parat.

Oliver Naujoks’ erste Teilzeitstelle, die er – von einer in der Schweiz ansässigen Jobvermittlung vorgeschlagen – antritt, befindet sich im Kantonsspital Uri in Altdorf. Nach rund einem halben Jahr bietet man ihm dort eine Vollzeitstelle an, die er – in Absprache mit der Familie – annimmt. Alle stellen fest, dass der Vater und Ehemann wieder ausgeglichener nach Haus kommt. Ihm gefällt das kleine Team, in dem jeder jeden kennt, und ihm sagt die Abwechslung zu, die in diesem OP geboten wird, weil hier viele verschiedene Disziplinen bedient werden müssen. Zu den Highlights gehört zweifelsohne, wenn er einem neuen Erdenbürger auf die Welt helfen darf.

Nach ungefähr einem Jahr nach dem ersten Einsatz im Spital Altdorf tritt Oliver Naujoks seine Vollzeitstelle an und führt nun gute zwei Jahre eine Fernbeziehung zur Familie in Deutschland. Als Wochenaufenthalter kommt er am Wochenende nach Hause, wenn er keinen Wochenend-Pikettdienst macht, was selbstverständlich auch zu diesem Job dazugehört. Für die Familie wird diese Zeit allerdings zur Zerreissprobe. Entfremdung und Anstrengung bestimmen immer mehr die Wiedersehen am Wochenende. Nach einem Vollzeitjahr beginnt der Prozess, der am Ende dazu führt, dass der Familiennachzug umgesetzt wird. Vom Entschluss bis zum Umzug vergehen eineinhalb Jahre. «Am liebsten hätten wir das Haus mitgenommen und hier wieder irgendwo aufgestellt», fasst Naujoks zusammen.

Die Ablösung war für die Familienmitglieder ein ganzes Stück Arbeit – physisch wie psychisch –, aber nun hier angekommen, arbeiten alle mit bei der Integration und sind auf einem guten Weg. Auch wenn vor allem die Kinder in Schule und Kindergarten anfangs mit dem ein oder anderen Vorurteil zu kämpfen hatten und sich auch manches anhören mussten, erleben alle insgesamt eine herzliche Willkommenskultur, die Oliver Naujoks und seiner Familie entgegengebracht wird. In sehr guter Erinnerung ist beiden Erwachsenen kurz vor dem Umzug die Begrüssung eines zuvorkommenden Nachbarn auf dem Wohnquartier und das Willkommensgespräch im Migrationsamt. Beeindruckend ist das reichhaltige kulturelle Angebot und Vereinsleben in der Region, bei dem man gar nicht anders kann, als sich irgendwo anzumelden und mitzumachen. Kontakte zu bekommen werde einem hier wahrlich leicht gemacht. Nicht zuletzt ist es die traumhafte Landschaft, in die sich alle Familienmitglieder schon bei den Ferien- und Besuchsaufenthalten vor dem Umzug verliebt haben. Kurz und gut – Oliver Naujoks mitsamt Familie bereut nichts und würde jederzeit wieder so entscheiden.

Oliver Naujoks bei seiner Arbeit als Operationspfleger.

Oliver Naujoks bei seiner Arbeit als Operationspfleger.

Die Rituale werden in die Schweiz transplantiert

6.30 Uhr, irgendwo in Schattdorf, Schweiz – Oliver Naujoks verabschiedet sich von seinen drei Kindern und seiner Frau, schliesst die Tür der Doppelhaushälfte und macht sich wie jeden Tag auf dem Velo auf den 3,5 Kilometer langen Weg in die Arbeit, den OP des Kantonsspitals Uri in Altdorf.

*Claudia Naujoks ist studierte Germanistin und Verlagslektorin und seit 2018 für die Urner Zeitung tätig und schreibt unter anderem in einer losen Serie über Menschen, die in den Kanton Uri zugezogen sind und neu Fuss gefasst haben. In diesem Beitrag porträtiert sie ihren eigenen Ehemann Oliver.

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