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URI: Uri will keine «grossen Männer»

Auf fast 1400 Seiten hat Hans Stadler-Planzer die «Geschichte des Landes Uri» neu aufgearbeitet. Was steckt in diesem Jahrhundertwerk? Die Antwort eines Luzerner Historikers.
Pirmin Meier*
Mitte September 1942: Auf dem Urnerboden wird Vieh kontrolliert. Dies, nachdem die Schweizer Armee in Uri Senfgas testete und die Böden verseuchte. Rund 14 000 Kühe mussten in der Folge notgeschlachtet werden. (Bild: Staatsarchiv Uri)

Mitte September 1942: Auf dem Urnerboden wird Vieh kontrolliert. Dies, nachdem die Schweizer Armee in Uri Senfgas testete und die Böden verseuchte. Rund 14 000 Kühe mussten in der Folge notgeschlachtet werden. (Bild: Staatsarchiv Uri)

Pirmin Meier*

Unter den Kantonsgeschichten der Innerschweiz kommt der «Geschichte des Landes Uri» eine Sonderstellung zu: Ein verantwortetes Lebenswerk mit überraschenden Durchblicken ist es geworden. Rund 40 Jahre Arbeit haben sich für Uris Kantonshistoriker Hans Stadler-Planzer (70) gelohnt. Er schuf mit drei dicken und doch handlichen Bänden ein Gesamtporträt des Alpenkantons – und damit die kompakteste neuere Kantonsgeschichte in der Innerschweiz.

In Schweizer Geschichte integriert

Zum Vergleich: Bei den sieben Bänden des Kantons Schwyz (2012) sowie bei den zwei Bänden «Geschichte des Kantons Nidwalden» (2014) fehlt trotz einzelner ausgezeichneter Beiträge der Anspruch, die Geschichte des Kantons wirksam in die Schweizer Geschichte zu integrieren. Dies ist Hans Stadler, als einer von wenigen Kantonshistorikern der Schweiz, nun gelungen.

Nur der Schluss mit der zwar informativen Darstellung des Kirchenwesens im Kanton Uri will angesichts des Bedeutungsverlustes des Christlichen für die heutige Alpenrepublik mit Ausblicken auf das 21. Jahrhundert nicht so recht passen. Eher schon hätte ein Blick auf die Verwandlung der Landschaft in Andermatt und anderswo im Kanton – Stichwort Samih Sawiris – als Symbol der Moderne gepasst. Der ägyptische Unternehmer ist, nebst dem ebenfalls ausgeklammerten «olympischen Pistenbauer» Bernhard Russi, bereits eine historische Figur in Uri. Erst recht der Politiker Franz Steinegger in seiner Rolle als Modernisierer der Schweizer FDP und Präsident der schweizerischen Landesausstellung «Expo 2002».

Aktuelle Charakterköpfe fehlen

Dass Charakterköpfe der Gegenwart, so etwa auch die erste Urner Nationalrätin und einstige Fraktionspräsidentin Gabi Huber (FDP) und der ehemalige Landammann und CVP-Ständerat Hansruedi Stadler, in Uris neuester Kantonsgeschichte fehlen, hängt damit zusammen, dass die zeitgenössische Prominenz nicht auf dem Niveau zu porträtieren gewesen wäre, wie es etwa bei Gotthard­strassenpionier Carl Emanuel Müller (1804–1869) vorbildlich erreicht ist. Ebenso spielt wohl eine Rolle, dass Uri «grosse Männer» anscheinend nie gebrauchen konnte. Dies wird am Beispiel von Landammann Franz Peregrin Zwyer deutlich, der es wegen seiner obrigkeitsstaatlichen Haltung im Bauernkrieg (1653) mit den kleinen Leuten nicht konnte. Dass er 1648 mit Basels Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein beim Westfälischen Frieden die katholische Schweiz vertrat, macht ihn wohl zum bedeutendsten damaligen Staatsmann der Innerschweiz. Seine Aufgeschlossenheit den Städten gegenüber trug ihm Prädikate wie «Verräter» und «Gessler» ein.

Gotthard wurde Schicksalsberg

Doch nun ein Blick aufs Gesamtwerk: Nach Hans Stadler-Planzer führten Klimaveränderungen, nach der Erwärmungsphase ab dem Jahr 1000, zu neuen Rodungsbedingungen. Das Abholzen, dem Andermatt 1397 mit Vorschriften abhelfen wollte, bewirkte eine Senkung der Waldgrenze. Eine Folge daraus: Der Viehtrieb auf die Alpen führte zu Konflikten der Bergler mit den von Habsburg und ursprünglich von den Grafen von Rapperswil geschützten Klöstern wie Einsiedeln und Engelberg. Weil der Fressbedarf des Rindviehs, das sogenannte Kuhessen, das Achtfache des Heuvorrates für ein Schaf oder eine Ziege ausmachte, musste es im Winter über den St. Gotthard nach Bellinzona, Mailand und Como getrieben werden. So wurde der Pass zum Schicksalsberg.

In der «Geschichte des Landes Uri», in drei Bänden auf 1385 Seiten dargestellt, lässt der Gesundheitszustand des Viehs noch für die Darstellung zur Zeit des Zweiten Weltkrieges aufhorchen. Damals mussten gegen 14 000 Stück Weidevieh notgeschlachtet werden, mit einem Gesamtschaden von weit über sieben Millionen Franken. Hintergrund dieser von Mitautor Romed Aschwanden packend aufbereiteten Geschichte waren Übungskurse der Schweizer Armee für 200 Mann – sogenannte «Nebeltruppen». In einer Geheimaktion mussten die Armeeangehörigen das Senfgas Perchlornaphtalin ausprobieren. Die Nachwirkungen auf das Gras waren verheerend.

Vieh fast so wichtig wie der Mensch

Für die ältere Geschichte der Eidgenossenschaft sind Kühe und weitere Nutztiere fast so wichtig wie Menschen. So gehörte Uris Hühnerbestand im Jahre 1317 beispielsweise zu den steuerrelevanten Daten. Es besteht somit auch ein Zusammenhang zur Freiheitsgeschichte der Schweiz. Bei Hans Stadler lesen wir eine Antwort auf das wichtigste Fachbuch der letzten Jahre – «Urschweiz ohne Eidgenossen» (4. Auflage 2013) von Roger Sablonier. Ohne den Errungenschaften des 2010 in Zug verstorbenen Historikers Abbruch zu tun, wird er in Stadlers Werk sachte korrigiert. Sablonier ging – vereinfacht gesagt – davon aus, dass es eine Urschweiz, eine eigentliche Gründungszeit mit alten Eidgenossen, real nicht gab.

Stadler wiederum sagt, die zur Gemeinde vereinigten «Landleute von Ure», die seit 1243 ein eigenes Siegel führten, wussten so gut als Schweizer von heute, wer sie waren. Bei Grenzkonflikten traten sie mit eigener Identität als solidarisch handelnde Talgenossen in Erscheinung. Zwar nicht als Bürger im modernen Sinne. Noch beim russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) wird der letzte Satz von «Böse Geister» falsch verstanden: «Da hing der Bürger des Kantons Uri», heisst es übersetzt. Wenn schon hätte es «Landsmann» heissen müssen. Dennoch: Mag es schon Wilhelm Tell nicht gegeben haben: Die Urner waren als Eidgenossen von keinem historischen Föhnsturm wegzublasen.

Löst Werk von 1862 ab

Zusammengefasst kann man sagen: Das dreibändige Opus von Hans Stadler-Planzer überzeugt durch eine unaufgeregte orientierungsstarke Darstellung. Geschichte wird sozusagen als Grundnahrungsmittel präsentiert. Zur Schlacht bei Marignano (1515) beispielsweise hat Stadler jenseits von Ideologie mutmasslich mehr zu sagen als fast jeder heutige Historiker. Und am Beispiel der Region Leventina wird die Verklammerung Uris mit dem Tessin gezeigt. Die «Geschichte des Landes Uri» gewinnt zudem mit ihren Ausführungen zur Verkehrsgeschichte sowie zur Geschichte der Neutralität europäische Dimensionen.

Stadlers Kantonsgeschichte ist die insgesamt dritte nach Vinzenz Schmid (1788) und Franz Anton Lusser (1862).

40 Jahre Arbeit stecken drin

Seit 1862 hat sich niemand mehr an ein historisches Gesamtwerk der Urner Kantonsgeschichte gewagt. Hans Stadler-Planzer (70) aus Attinghausen hat diese zeitliche Lücke in der Urner Geschichtsschreibung geschlossen. Zusammengefasst in drei Bänden ist die «Geschichte des Kantons Uri» auch zu seinem eigenen Lebenswerk geworden. Rund 40 Jahre lang hat Stadler daran gearbeitet. Abgehandelt wird die Zeitspanne von der Steinzeit bis in die Gegenwart.

Für seine Arbeit ausgezeichnet

Hans Stadler-Planzer erhielt für seine Arbeit dieses Jahr den Goldenen Uristier verliehen. Die Auszeichnung ist eine Anerkennung für langjährige kulturelle Verdienste und ehrenamtlichen Einsatz im Kanton Uri. Sie wird vom Regierungsrat des Kantons Uri und der Kunst- und Kulturstiftung Heinrich Danioth jährlich vergeben.
Hans Stadler war von 1972 bis 1988 als Staatsarchivar und Kantonsbibliothekar in Uri tätig. Danach gründete er das «Büro für Geschichte und Archiv» und arbeitet als freischaffender Historiker und Publizist.
Neben Stadler haben an den drei Bänden auch die Autoren Pascal Stadler – der Sohn von Hans Stadler – und Romed Aschwanden mitgewirkt. Ebenso hat die Schweizer Historikerin Brigitte Degler-Spengler Beiträge verfasst. Sie ist vergangene Woche, wenige Tage vor der Vernissage der neuen Urner Geschichtsbände, im Alter von 74 Jahren gestorben.

Hinweis

Die «Geschichte des Landes Uri», Uranos Verlag, kann bei der Gisler Druck AG bestellt (Telefon 041 874 16 16 oder mail@gislerdruck.ch) oder im Buchhandel gekauft werden. Band 1 kostet 89 Franken, die Bände 2A und 2B zusammen auch 89 Franken. Alle Bände zusammen sind für 168 Franken erhältlich.

*Pirmin Meier (68) ist Innerschweizer Autor und Historiker. Er lebt in Rickenbach LU und hat unter anderem «Sankt Gotthard und der Schmied von Göschenen» neu geschrieben – ursprünglich ein Roman von Robert Schedler, der zu den Klassikern der Schweizer Jugendbuchliteratur zählt.

Urner Wappenscheibe von 1501 aus dem Tagsatzungssaal Baden. (Bild: pd)

Urner Wappenscheibe von 1501 aus dem Tagsatzungssaal Baden. (Bild: pd)

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