URI: Urner Jäger wollen die Gämsen retten

Die Jäger möchten den Luchsbestand dezimieren. Ihr Argument: «Die Raubkatze setzt den Gämsen massiv zu.» Nun klären die Behörden, ob ein Abschuss gerechtfertigt ist.

Anian Heierli
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Nun soll ermittelt werden, wie viele Luchse im Kanton Uri leben. (Bild: KEYSTONE/Dominic Favre)

Nun soll ermittelt werden, wie viele Luchse im Kanton Uri leben. (Bild: KEYSTONE/Dominic Favre)

Anian Heierli

Heute haben die Urner Jäger ihren grossen Tag. Am Abend zeigen sie im Altdorfer Winkel an der Trophäenschau die schönsten Geweihe und Hörner von Tieren, die im vergangenen Jahr geschossen worden sind. Am Samstag findet dann der Pelzfellmarkt statt. Dort wird gehandelt und gefeilscht: Jeder Jäger will seine Fuchs-, Marder- und Dachsfelle zum bestmöglichen Preis an den Händler bringen. Doch trotz des geselligen Treffens ist die Stimmung der Jäger getrübt. Denn aktuell steht es schlecht um die Gämsen im Kanton Uri. So ist die Trophäenschau mehr als eine Ausstellung, sie ist auch ein Indiz dafür, wie es um den lokalen Wildbestand steht. Ein Blick in die Jagd- und Trophäenstatistik zeigt, der Gämsbestand sinkt seit Jahren rapide. Für 2007 präsentierten die Urner Jäger stolze 219 Gämstrophäen (30 Prozent der Jagdstrecke). 2015 waren es nur noch 133 Trophäen.

«Auch an der Trophäenschau heute Abend wird es nicht besser», sagt Bruno Planzer, Präsident des Urner Jägervereins, und warnt: «Wenn jetzt nichts gemacht wird, gibt es mittelfristig in einzelnen Urner Regionen fast keine Gämsen mehr.» Laut Planzer setzen in Uri die zu grosse Luchspopulation und die Freizeitaktivitäten im Gebirge den Gämsen zu. Für Planzer ist klar, der Luchsbestand muss verkleinert und die Bevölkerung sensibilisiert werden.

«Uri ist zu klein für 15 Luchse»

Jäger unterscheiden in Uri zwischen zwei Hauptgebieten: östlich und westlich der Reuss. Östlich der Reuss – von Sisikon über Bürglen bis Urnerboden – ist der Gämsbestand laut Planzer noch «vernünftig» und habe sich in den vergangenen Jahren im Rahmen gehalten. «Dagegen haben wir westlich der Reuss zu viele Luchse», sagt Planzer. «Unter anderem ist deshalb die Zahl der Gämsen markant zurückgegangen, und auch das Rehwild leidet.» Der Jägerverein schätzt, dass in Uri zurzeit 15 Luchse leben oder zeitweise umherstreifen. Die Raubkatzen bewegen sich im Kanton Uri in einem geeigneten Lebensraum von 600 bis 700 Quadratkilometern. «Dieses Gebiet ist für 15 Luchse zu klein.» betont Planzer. Dabei stützt er sich auf das neue Luchskonzept des Bundesamts für Umwelt (Bafu), das seit Januar 2016 Vollzugsbehörden als Wegleitung dient (siehe Kasten).

Bund macht Abschuss möglich

So schreibt das neue Schweizer Luchs­konzept vor, dass ein regulativer Eingriff in den Luchsbestand möglich ist, wenn bei einem intensiven Fotofallenmonitoring eine ­Dichte von 1,5 selbstständigen Luchsen – das heisst jährig und älter – pro 100 Quadratkilometer geeignetem Lebensraum festgestellt wird. Anhand dieser Rechnung hätten in Uri maximal 9 bis 10 Luchse Platz. Noch ist unklar, ob die Jäger mit ihrer Schätzung von 15 Luchsen richtig liegen. Deshalb soll im kommenden Dezember/Januar in Uri ein umfassendes Luchsmonitoring starten. Die Jagdverwaltung, der Urner Jägerverein und die Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora) werden rund 40 Fotofallen im ganzen Kanton aufstellen. «Dann wird man sehen, wie viele ­Luchse tatsächlich in Uri unterwegs sind», so Walker. «Ich hoffe, dass ortskundige Jäger beim Monitoring mitmachen.»

Nach Österreich umsiedeln

Unter Regulierung des Luchsbestands versteht Planzer nicht zwingend Abschüsse: «Luchse könnten eingefangen und andernorts ausgesetzt werden», sagt er. «Etwa in Österreich.» Eine Idee, die keinesfalls aus der Luft gegriffen ist: Damit die kleine Luchspopulation im österreichischen Nationalpark Kalkalpen gesichert wird, wurden zwischen 2011 und 2013 drei Luchse aus der Schweiz (Wildfänge) umgesiedelt. Aktuell werden im Nationalpark Kalkalpen erneut männliche Luchse zur Auswilderung gesucht. Zudem sollen laut dem Südwestdeutschen Rundfunk auch im Rheinland-Pfalz Schweizer Luchse angesiedelt werden.

Der Präsident des Urner Jägervereins gibt aber nicht allein dem Luchs die Schuld am Rückgang des Urner Gämsbestands. Auch der wachsende Freizeitsport werde zum Problem: «Im Sommer stören neu im Gebiet Gitschen Basejumper das Wild», sagt Planzer. Diese waghalsigen Extremsportler springen in ihren Wingsuits (Flügelanzüge) den Berg hinunter und sausen in hohem Tempo wenige Meter über dem Boden durch die Luft. Das verursacht Lärm und verängstigt das Wild. «Im Winter gibt es immer mehr Schneeschuhläufer und neu auch Fatbiker, die mit ihren dicken Reifen durch den Schnee fahren», sagt Planzer. «Gerade im Winter, wenn das Wild weniger Nahrung hat, ist das schädlich.» Dann flüchten die gestressten Tiere in höhere Regionen. Dort finden sie weniger Nahrung, verhungern oder stürzen in den Tod. Deshalb appelliert der Präsident des Jägervereins an die Vernunft der Sportler, sich von Wildruhezonen und Wintereinstandsgebieten fernzuhalten.

Luchskonzept 2016

Im Januar hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) das Konzept Luchs Schweiz veröffentlicht. Ziel des Luchskonzepts ist es, Rahmenbedingungen für den Umgang mit dem wachsenden Bestand der Raubkatze in der Schweiz zu schaffen. Es geht insbesondere darum, den Schutz der Wildtiere zu gewährleisten und gleichzeitig die Anliegen der Bevölkerung zu berücksichtigen. Eingriffe in die Bestände sollen nur erfolgen, wenn die Schadenverhütungsmassnahmen ausgeschöpft sind. Das Konzept dient vorab den Kantonen bei der Umsetzung der rechtlichen Vorgaben.

Das Konzept Luchs Schweiz 2016 ist auf der Webseite (www.bafu.admin.ch) über die Suchfunktion vollständig einsehbar.

Hinweis

Heute um 18 Uhr beginnt im Altdorfer Winkel die Trophäenschau. Bis 1 Uhr spielt das Trio Schiltbüabä Ländlermusik. Am Samstag zwischen 8 und 12 Uhr findet dann der Pelzfellmarkt statt.