URI: Urner Sport-Ass trifft Nobelpreisträger

Die Biochemie-Studentin Priska auf der Maur hat es in ein Talentcamp eines Pharmakonzerns geschafft. «Den Ehrgeiz dafür habe ich aus dem Lauftraining», sagt sie.

Interview Anian Heierli
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Priska auf der Maur studiert Biochemie und macht Sport auf Höchstniveau. (Bild: PD)

Priska auf der Maur studiert Biochemie und macht Sport auf Höchstniveau. (Bild: PD)

Interview Anian Heierli

Der lateinische Spruch mens sana in corpore sano (Gesunder Geist in gesundem Körper) trifft bei Priska auf der Maur voll zu: Die 23-jährige Altdorferin ist Mittel- und Langstreckenläuferin auf Spitzenniveau und gehört gleichzeitig zu den viel versprechendsten Nachwuchsakademikern. Die Biochemie-Masterstudentin der Universität Bern hat es ins Talentcamp des Pharmakonzerns Novartis geschafft. Das dazu notwendige Auswahlverfahren haben nur 70 von über 1000 Bewerbern aus 24 Ländern bestanden. Im Rahmen des Camps traf auf der Maur in der vergangenen Woche führende Wissenschaftler wie etwa den Zürcher Nobelpreisträger Kurt Wüthrich und erhielt Einblicke in die privatwirtschaftliche Forschung.

Sie sind 18-fache Schweizer Meisterin in diversen Laufdisziplinen und haben schon an Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen. Ist Spitzensport überhaupt mit dem Biochemie-Studium vereinbar?

Priska auf der Maur: Bis jetzt funktioniert es. Ich habe das Studium wegen des Sports aber um ein Jahr verlängert. So habe ich etwas Zeit gewonnen, in der ich trainieren konnte. Nachträglich betrachtet, ist das ein sehr guter Entscheid gewesen. Aufgrund meiner Masterarbeit studiere ich momentan aber Vollzeit. Das heisst: Ich bin täglich zu normalen Arbeitszeiten im Labor und habe nicht mehr Ferien als jeder Angestellte. Daneben absolviere ich wöchentlich 60 bis 75 Trainingskilometer. Ich muss mich deshalb schon sehr organisieren, um genügend Zeit für Studium und Sport zu haben. Das Training ist aber kein Hindernis – ich profitiere bei der Arbeit respektive im Studium vom Sport.

Inwiefern?

Auf der Maur: Wie beim Langstreckenlaufen braucht es auch in der Wissenschaft Ehrgeiz und Durchhaltewillen. Gerade in der Forschung kann es sein, dass etwas nicht wie gewünscht klappt. Ich muss mit Misserfolgen umgehen können. Das lernt man im Sport.

Hat Ihnen dieser Durchhaltewille die Tür ins Novartis-Talentcamp geöffnet?

Auf der Maur: Ich habe mich lange gefragt, weshalb gerade ich die Auswahl geschafft habe (lacht). Für die Anmeldung musste man als Schweizer nur einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben beilegen. Aus mehreren hundert Schweizer Bewerbern wurden dann 20 ausgewählt. Die Selektion war also nicht ganz so hart wie für Studenten aus anderen Ländern. Es ist für mich aber dennoch unglaublich, dass ich teilnehmen darf. Ich denke schon, dass mich die Doppelbelastung, die ich wegen meines intensiven Sports habe, etwas herausgehoben hat. In einem Unternehmen wie der Novartis werden sicher talentierte Leute gesucht, aber auch solche, die Ausdauer besitzen und intensiv arbeiten können.

Was bringt Ihnen das Camp?

Auf der Maur: Es ist eine grosse Chance. Das Camp bietet mir die Gelegenheit, mit aussergewöhnlichen Studenten aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen. Wenn ich meine wissenschaftlichen Leistungen mit denen einiger anderer Teilnehmer vergleiche, fühle ich mich manchmal als kleiner Fisch (lacht). Meine Camp-Arbeitsgruppe besteht aus acht Studenten, die alle aus verschiedenen Ländern kommen – unter anderem Japan, Portugal, Finnland und Brasilien. Zudem darf ich tolle Vorlesungen besuchen und kann besonderen Menschen Fragen stellen.

An wen denken Sie?

Auf der Maur: Etwa an den Chemie-Nobelpreisträger Kurt Wüthrich aus Zürich, der die Vorlesung «Habe Spass mit Erfolg beim wissenschaftlichen Arbeiten» gehalten hat. Oder an Joseph Jimenez, den CEO von Novartis. Ganz wichtig ist für mich auch der Einblick in die Pharmaindustrie, den mir das Camp ermöglicht.

Sie wollen also nach dem Master in der Pharmaindustrie Fuss fassen?

Auf der Maur: Voraussichtlich schliesse ich mein Studium im Februar ab. Vielleicht hänge ich dann noch einen Doktortitel an. In Zukunft sehe ich mich aber schon eher im privatwirtschaftlichen Umfeld als an der Akademie. Das kann durchaus die Pharmaindustrie sein.

Was spricht für die Privatwirtschaft und gegen die Akademie?

Auf der Maur: Ich finde Forschung generell spannend – das trifft auf die Industrie und auf die Universität zu. Ausschlaggebend sind für mich jedoch die Auswirkungen meiner Arbeit. Ich brauche einen Grund, weshalb ich forsche. Und dieser Impact ist in der Privatwirtschaft ein anderer. An der universitären Forschung fehlt mir manchmal der Bezug zur Realität. Das darf man jetzt aber nicht falsch verstehen. Es braucht Leute, die an der Akademie forschen. Ihre Resultate sind oft auch für die Privatwirtschaft von Nutzen. Manchmal aber erst nach Jahrzehnten.

Welche Forschungsrichtung interessiert Sie besonders?

Auf der Mauer: Die Onkologie. Für meine Masterarbeit untersuche ich ein neues Brustkrebsmedikament, das sich in der Entwicklung befindet. Das Medikament wird bereits in grossen Studien getestet, ist aber auf dem Markt noch nicht erhältlich. Im genauen versuche ich herauszufinden, wie das Medikament gezielt die Krebszellen zerstört. In einem zweiten Teil studiere ich, wie der Krebs dagegen resistent werden kann.

Ihre Familie – Mutter und Vater arbeiten als Ärzte – lebt in Altdorf. Sie sind im Kanton Uri gross geworden. Gibt es in Ihrer Heimat überhaupt eine Karrieremöglichkeit, die Ihren Wünschen entspricht?

Auf der Maur: Ehrlich gesagt, kann ich mir das kaum vorstellen. Zwar hat das Pharmaunternehmen Merck & Cie in Altdorf einen Standort, soweit ich weiss, liegt der dortige Schwerpunkt aber im Bereich Chemie und Prozess. Biotechnologische Forschung gibt es im Kanton Uri keine. Das erwarte ich aber auch nicht. Ich überlege mir deshalb, nach dem Master nach Basel zu ziehen. Auch wenn ich einen Doktor mache. Denn in Basel gibt es im biotechnologischen Bereich viele Möglichkeiten.