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URI: Was für und was gegen die Fasnacht spricht

Für die einen ist die Narrenzeit der Höhepunkt des Jahres, für die anderen bloss eine lästige Party. Gedanken eines Katzenmusikfanatikers und eines Fasnachtsmuffels.
Die Fasnacht scheidet die Geister: Trommler Elias Bricker (links) blickt den närrischen Tagen voller Tatendrang entgegen. Sven Aregger hat sich derweil schon mal den Ohrenschutz aufgesetzt. (Bilder Florian Arnold)

Die Fasnacht scheidet die Geister: Trommler Elias Bricker (links) blickt den närrischen Tagen voller Tatendrang entgegen. Sven Aregger hat sich derweil schon mal den Ohrenschutz aufgesetzt. (Bilder Florian Arnold)

Endlich: Die Fasnacht 2015 ist eröffnet. Startschuss war gestern das Eintrommeln in Altdorf. Ich habe immer wieder Gänsehaut, wenn die über 500 Fasnächtler gemeinsam den Katzenmusikmarsch anstimmen und Richtung Dorf marschieren. Einfach einzigartig. Seit Wochen fieberte ich mit meiner sechsköpfigen Fasnachtsgruppe «Diä Giftigä» auf die Fasnacht hin. Während einer Woche werden wir nun tüchtig feiern, die Trommelstöcke wirbeln und jeweils danach zu Schlager- oder Ländlermusik über das Tanzparkett der Urner Beizen schwirren. Wer will da nicht dabei sein?

Eigentlich wäre es ja für alle Urner Pflicht, an die Fasnacht zu gehen. In Artikel 42 der Kantonsverfassung heisst es: «Der Kanton und die Gemeinden pflegen das heimatliche Kulturgut.» Da sind wir als Einwohner des Kantons natürlich mitgemeint. Als pflichtbewusster Bürger drücke ich mich also nicht vor der Fasnacht und möchte es auch nicht. Schliesslich ist die Fasnacht der grösste Urner Kulturanlass im Jahr. Zudem leistet die Katzenmusik mit ihrem immer gleich tönenden Marsch, bei dem alle mitspielen können, einen wichtigen Beitrag zur Integrationsförderung. Selbst Musikbanausen ohne jegliches Taktgefühl wie ich sind willkommen.

Ich gebe zu: Die Fasnacht und ich, das war nicht Liebe auf den ersten Blick. Als Kind nervten mich die kratzenden Perücken. Später in der Schule mussten wir Mond- und Hexenkostüme basteln («doofes Mädchenzeugs»). Und seit ich als 4-jähriger Cowboy am Andermatter Kinderumzug meine Pistole im Schnee verlor, litt ich ohnehin unter einem Fasnachtstrauma.

So richtig interessant wurde die Fasnacht erst, als wir ohne Eltern und Lehrer an die Katzenmusik durften. Nach dem Katzenmusiktouren zechten wir dann jeweils nächtelang im «Bären» in Altdorf. Noch interessanter war es für uns Pubertierende aber meist im Treppenhaus. Denn der «Bären» war damals eine der wenigen Altdorfer Beizen, dessen Toilette man aufsuchen konnte, ohne dass man die ganze Gaststube queren musste. Logisch, dass man da reihenweise wartende junge Frauen traf.

Inzwischen ist mein Interesse an den «Polizistinnen» und «Krankenschwestern» nicht mehr so gross. Viel wichtiger ist die Fasnacht für mich heute wegen meiner Gruppe. Unter dem Jahr treffen wir uns nur selten vor allem auch, weil inzwischen nicht mehr alle von uns im Kanton Uri leben. Doch zwischen dem Eintrommeln und Aschermittwoch sehen wir uns umso intensiver. Und das möchte ich auf gar keinen Fall missen – egal wie gross mein Schlafmangel danach sein wird.

Die Fasnacht darf man also nicht verpassen. Aber vielleicht ist es für die Stimmung besser, wenn bestimmte Miesmacher (siehe rechts) zu Hause bleiben.

Die Bürokollegen warnen mich: Schreibe ja nicht zu böse gegen die Fasnacht, das ist ein Sakrileg in Uri! Ich winke lässig ab. So ein paar bissige Kommentare mögen die Fasnächtler doch wohl vertragen, schliesslich teilen sie selber jedes Jahr kräftig aus. Vorausschicken muss ich, dass die Fasnacht für mich nicht fremd ist. Ich war als Musketier, Sensemann oder Monsteraffe unterwegs. Ich habe getrommelt, geknutscht, gebechert. Ich habe wilde Partys gefeiert und üble Kater auskuriert. Alles gesehen, alles erlebt. Jetzt ist genug.

Die angefressenen Fasnächtler werden nun dagegenhalten, dass es nicht bloss um die Party geht. Und es stimmt, die Fasnacht ist ein schöner alter Brauch, der genauso zum Kanton Uri gehört wie die Viehschau und die Kilbi. Ich habe hohe Achtung vor den Leuten, die mit viel Kreativität und Engagement ihre Kostüme und Umzugswagen basteln, die mit träfen Sprüchen und witzigen Nummern Urner Ereignisse aufs Korn nehmen, die tagein und tagaus durch die Gassen ziehen und mit dem Katzenmusikmarsch den Winter vertreiben. Nur: So einer bin nicht, und so einer werde ich nie sein. Denn Fasnacht bedeutet für mich auch: klirrende Kälte in den Strassen (samt Grippe als Mitbringsel), lästiger Small-Talk und überfüllte Beizen. Fasnacht bedeutet Schnapsflecken auf dem Gwändli, Guggen mit den ewig gleichen Songs und Festlokale, die Helene Fischer rauf und runter spielen. Apropos Kakofonie: Spätestens nach dem fünften Durchlauf wird für mich der Katzenmusikmarsch zum Katzenjammer. Ehrlich, das muss ich alles nicht (mehr) haben.

Mein CousinJannis (11) aus Winterthur sieht das anders. Er ist begeistert von der Urner Fasnacht, er mag die lauten Klänge und die lustigen Verkleidungen. So etwas kennt er aus dem Kanton Zürich nicht. Dieses Jahr will er als Hobbit an den Umzug in Altdorf kommen. Dazu hat er sich übergrosse Füsse gebastelt. Am Telefon erzählt er eifrig von seinen Plänen. Das erinnert mich an die eigene Kindheit. Als Knirps in einem rot-weissen Clownkostüm begleitete ich meine Eltern an Guggen-Auftritte im Luzerner Hinterland. So richtig Spass hat es mir offenbar nicht gemacht, wie Fotos von damals bezeugen. Darauf zu sehen ist ein eher trauriger als fröhlicher Clown.

Aber genuggemosert. An der Fasnacht komme ich sowieso nicht vorbei. Meine jungen Redaktionskollegen werden das Büro erfahrungsgemäss als Garderobe in Beschlag nehmen und etliche Flöhe hinterlassen. Auch beruflich ist die Fasnacht in den kommenden Tagen das dominierende Thema. Die Zeitung wird gefüllt sein mit Maskeraden. Und ich werde als Redaktor meinen Beitrag dazu leisten. So gesehen, bin ich selber ein Teil der Fasnacht. Ein Narr, wer Böses dabei denkt.

Sven Aregger

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