URI: Zwei Söhne auf den Pfaden der Väter

Simon Stadler und Matthias Steinegger sind seit vier Jahren im Landrat. Die beiden Söhne aus politischen Elternhäusern sprechen über ihre Familien und ziehen Bilanz.

Interview Florian Arnold und Bruno Arnold
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Matthias Stein­egger (links) und Simon Stadler fragen bei ihren Vätern nur nach, wenn es nötig ist. (Bild Anian Heierli)

Matthias Stein­egger (links) und Simon Stadler fragen bei ihren Vätern nur nach, wenn es nötig ist. (Bild Anian Heierli)

Nationalrat Franz Steinegger (FDP) sowie Regierungs- und Ständerat Hansruedi Stadler (CVP) prägten die Urner Politik ab den 1980er-Jahren bis Anfang der 2000er-Jahre. Seit 2012 politisieren zwei Söhne der beiden schillernden Figuren gemeinsam im Urner Landrat. Matthias Steinegger (40) ist Mitglied der Geschäftsleitung der Arnold und Co. AG, Simon Stadler (28) steht nach einer Ausbildung zum Maurer nun vor dem Abschluss an der Pädagogischen Hochschule Schwyz. Beide wollen eine weitere Amtszeit im Kantonsparlament anhängen. Als Ratskollegen verstehen sich Matthias Steinegger und Simon Stadler gut. In der Frage um eine zweite Tunnelröhre am Gotthard scheiden sich die Geister der beiden jedoch – wie auch diejenigen der Väter.

«Sie wurden ja nur gewählt, weil Ihr Vater ein berühmter Politiker war.» Simon Stadler, wie oft haben Sie diesen Satz nach Ihrer Wahl gehört?

Simon Stadler: Etwa gefühlte tausend Mal. Ich habe dann jeweils gesagt, dass ich wahrscheinlich gleich oft auch nicht gewählt wurde, weil ich der Sohn einer berühmten Person bin. Einerseits kannte man mich zwar wegen meines Namens, anderseits aber wird man oft auch abgestempelt und in eine Ecke gedrängt.

Wie gross war der Einfluss Ihres Vaters auf Ihre Kandidatur von damals?

Stadler:Wir haben das an der Versammlung der Jungen CVP besprochen, und dann bin ich nach Hause gegangen und habe das meinem Vater erzählt.

Und bei Ihnen, Matthias Steinegger?

Matthias Steinegger: Meine Kandidatur ging nur «zur Kenntnis» an den Vater. Wir politisieren erstaunlich wenig im Familienkreis. Das Interesse an der Politik ist natürlich da, steht aber nicht im Zentrum.

Der Name Steinegger ist unverkennbar. Wie reagierte man 2012 auf Ihre Kandidatur?

Steinegger:Ich war 36 und werde nun 40. In diesem Alter spielt es nicht mehr eine so grosse Rolle, was der Vater war.

Man hat aber den Eindruck, Sie setzen Ihren Namen gezielt ein.

Steinegger:Das würde ich nicht sagen. Wenn man an der Front einer Partei steht, ist man automatisch im Fokus. Es geht dabei vor allem um Sachverhalte und nicht um den Namen.

In der Frage um eine zweite Röhre am Gotthard kämpft aber das «Duo Steinegger».

Steinegger: Als ich das Co-Präsidium des lokalen Komitees übernahm, wurde ich zur Schnittstelle zur nationalen Gruppierung, der mein Vater angehört. Dass wir in dieser Frage dieselbe Meinung haben, wollen wir nicht verheimlichen. Es hat aber eine gewisse Interessantheit, dass Sohn und Vater für dasselbe kämpfen.

Simon Stadler, auch Sie stehen für dasselbe ein wie Ihr Vater. Sie kämpfen für ein Nein zur zweiten Röhre.

Stadler:Genau. Ich musste kürzlich dem Westschweizer Fernsehen ein Interview geben, weil mein Vater keine Zeit hatte. Für mich ist das natürlich eine Chance, mich national zu engagieren. Das würde ohne meinen Vater wohl nicht gehen.

Steinegger:Als ich vor zwei Jahren davon gesprochen habe, das Co-Präsidium des Komitees zu übernehmen, hat das mein Vater mit zwei Worten kommentiert: «Bisch sicher?» Das sagt er in der Regel nicht, aber er hat es wohl bereits gespürt, dass wir an einen Punkt kommen würden, an dem die Medien die Zusammenarbeit von Vater und Sohn aufgreifen. Mein Vater und auch Hansruedi Stadler sind Profis, was den Umgang mit den Medien angeht. Sie haben das vorausgeahnt. Mir wäre das nicht in den Sinn gekommen.

In der Röhrenfrage prallen die zwei Familien aufeinander. Es gab Briefe der FDP und der SVP an den UKB-Bankrat mit der Aufforderung, dass sich UKB-Exponenten nicht mehr öffentlich gegen eine zweite Röhre aussprechen sollten. Gemeint war auch Bankratspräsident Hansruedi Stadler.

Steinegger:Mit dem Brief wollten wir auf die Problematik zwischen volkswirtschaftlichem Auftrag der UKB und einer Schliessung der Nord-Süd-Transitachse aufmerksam machen, und das auf eine anständige, sachliche Weise. Wenn das Schreiben nicht an die «Neue Urner Zeitung» gelangt wäre, hätte es keinen Trubel gegeben.

Ist das Verhältnis Stadler-Steinegger seither angespannt, Simon Stadler?

Stadler:Natürlich schätze ich es nicht, wenn mit einem Brief auf meinen Vater gezielt wird. Mit meinem Ratskollegen Matthias Steinegger verstehe ich mich aber gut.

Steinegger: Der Brief war nicht als persönlicher Angriff gedacht und sollte auf unser Verhältnis keinen Einfluss haben. Wir akzeptieren uns als Kollegen. Und wenn wir uns treffen, wissen wir, dass wir nicht unbedingt über den Gotthard sprechen müssen. Schliesslich dreht sich nicht alles im Leben um den Gotthard.

Simon Stadler, im Landrat nahm man Sie als Person wahr, die versucht hat, sich vom Vater zu lösen. Ist Ihnen das gelungen?

Stadler:Mein Vater war Bildungsdirektor, und ich hatte zwar meinen grössten Erfolg auch mit einem Bildungsthema, nämlich mit dem Vorstoss zum Ausbau des Berufs- und Weiterbildungszentrums (BWZ) Uri. Diese Motion ist aber aus dem Zusammenhang entstanden, dass ich selber am BWZ zur Schule gegangen bin und die Raumverhältnisse miterlebt habe.

Wie wichtig ist Ihnen die Emanzipation vom Elternhaus?

Stadler:Mir ist es einfach wichtig, Dinge aufzugreifen, die mich persönlich bewegen. Und bei mir sind das die Berufsbildung und der Schutz des Kulturlandes. Dort habe ich mich engagiert. Ich habe bewusst auf einen Vorstoss im Zusammenhang mit der zweiten Gotthardröhre verzichtet. Der Volksauftrag ist für mich klar, dies sollte auch der Landrat so vertreten.

Das war bei Ihnen anders, Matthias Steinegger. Sie haben die zweite Röhre zu Ihrem grossen Thema gemacht.

Steinegger: Es wurde sicher im Schlussspurt vor der Abstimmung zum grossen Thema. Aber eigentlich war meine Parlamentarische Empfehlung nur ein Vorstoss, der vor allem medial grosse Wirkung erzielte. Davor hatte ich Dutzende Ideen für Vorstösse, aber diese sind für mich nicht das einzige Instrument, mit dem man etwas erreichen kann. Meistens ist der direkte Weg zu den Verwaltungen der effizientere.

Als Sohn von Franz Steinegger haben Sie schon früh in den Politzirkus hineingesehen. War der Landrat trotzdem etwas Neues für Sie?

Steinegger:Es war eine spannende Legislatur, da 2012 zwei Drittel des Rats erneuert wurden. Es war interessant, die eigene neue Position zu suchen. Es geht eine gewisse Zeit, bis man im Tramp ist und merkt, wo man seine Schwerpunkte setzen will, besonders in der Legislative. In einer Exekutive kommt man rein, und es geht los. Von meiner Arbeit her bin ich es gewohnt, dass man entscheidet und dass es dann vorwärtsgeht. In der Legislative braucht es viel mehr Geduld. Trotzdem ist das Landratsmandat im Kanton Uri hoch spannend.

Simon Stadler, haben Sie 2012 effektiv an Ihre Wahl geglaubt?

Stadler: Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, aber ich habe mich sehr gefreut. Auf diese Weise konnte ich viele Leute kennen lernen, mit denen ich sonst nichts zu tun gehabt hätte. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Ich habe aber in diesen vier Jahren viel gelernt. Positiv überrascht war ich, dass eine Kollegialität über alle Parteigrenzen hinaus möglich ist. Klar bekämpft man sich im Rat, das hat aber kaum Einfluss auf den Umgang ausserhalb des Rates.

Wie oft haben Sie sich Ratschläge von Ihren Vätern geholt?

Stadler: Ich hatte innerhalb der Fraktion eine Ansprechperson. Bei meinem Vater habe ich höchstens nachgefragt, wenn es darum ging, das richtige Instrument für einen geplanten Vorstoss zu wählen. Mein Vater und ich haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Ich will jedoch weder jemanden kopieren noch jemandem nacheifern. Ich setze mich schlicht und einfach dort für etwas ein, wo ich mit voller Überzeugung dazu stehen kann.

Steinegger:In unserer Familie ist es so, dass man Rat erhält, wenn man ihn will. Dass mein Vater aber aktiv eingreift, das gibt es nicht. Wir haben das zwar nie besprochen, aber es ist einfach so. Dass mein Vater und ich gezielt und konkret zusammengearbeitet haben, war nie der Fall. Er lässt mich machen. Und wenn wir ehrlich sind, befinden sich die beiden Generationen Stadler und Steinegger wohl auch auf einem viel anderen Niveau. Wahrscheinlich sind aber beide Väter stolz, dass ihre Söhne in der Politik aktiv sind, ohne dass sie hineingedrängt wurden. Aber wir betreiben Politik als Hobby, für unsere Väter war es zum grossen Teil Beruf.

Vielleicht nicht mehr lange. Wird es bald einen dritten Ständerat Stadler in der Geschichte Uris geben?

Stadler:Ich würde mich momentan nicht getrauen, so etwas ins Auge zu fassen. Die Arbeit im Landrat macht mir Spass. Ich habe Freude, auf kantonaler Ebene mitzudiskutieren und mitzugestalten.

Und Sie, Matthias Steinegger, zieht es Sie in die nationale Politik?

Steinegger: Sag niemals nie. Aber als nächste Hürde steht die Landratswahl in Flüelen an. Im Moment tut es das.

Vor vier Jahren sind Sie praktisch ohne Widerstand in den Landrat spaziert. Heute kandidieren in Flüelen 16 Personen für die drei Sitze.

Steinegger: Anscheinend ist das Landratsmandat in Flüelen wieder sexy geworden. Dass es jetzt zu einem Kampf kommt, ist nun mal Demokratie.

Kann die Kandidatenflut als Kampf gegen die FDP verstanden werden?

Steinegger:Man probiert uns sicher ein wenig zu kitzeln. Aber die FDP hatte eben immer Kandidaten in Flüelen, die CVP hatte hingegen vor vier Jahren niemanden.

Stadler:Aus Sicht der CVP kann ich sagen: Proporzwahlen sind Parteiwahlen. Und wenn man als Partei nicht mitmacht, hat man verloren.

Steinegger:Es zeigt sich nur, dass beim Proporzwahlsystem in den kleinen Gemeinden Handlungsbedarf besteht. Ob 16 Kandidaten in Flüelen oder stille Wahlen in Seedorf: Das System zieht an beiden Orten nicht richtig.

In gewissen Flüeler Kreisen wird von einer gezielten Anti-Steinegger- respektive Anti-Arnold-AG-Strategie gesprochen. Teilen Sie diese Meinung?

Steinegger:Man kann bei Proporzwahlen nicht gezielt auf jemanden schiessen. Sonst versteht man das Parteienwahlsystem nicht. Ich bin mir aber bewusst, dass hinter Ihrer Frage wahrscheinlich ein Quäntchen Wahrheit steckt. Für einen Einzug ins Rathaus wäre dies aber mit Sicherheit der falsche Beweggrund. Solche Überlegungen bringen ein Dorf nicht weiter.

Erstaunlich ist aber doch, dass die FDP Flüelen eine Listenverbindung mit den Grünen eingeht.

Steinegger:Die Situation in Flüelen ist etwas speziell. Wir haben drei Personen im Landrat, die ihren Job, wie ich persönlich glaube, gut gemacht haben. Vor vier Jahren hatte Christoph Schillig von den Grünen die Stimmen der CVP hinter sich, die ihm diesmal fehlen dürften. Vielleicht können wir ihn mit der Listenverbindung mitziehen. Deshalb sind wir vom Parteigetue abgekommen.

Vorausgesetzt, Sie werden beide gewählt. Welches sind Ihre Ziele?

Stadler: Zum verdichteten Bauen habe ich bereits einen Vorstoss gemacht. Dieses Problem ist immer noch vorhanden, und dies wird mich wohl immer begleiten. Im Bereich der Bildung ist mir als angehende Lehrer eine gute Umsetzung des Lehrplans 21 wichtig, die man auch gut begleiten muss. Ein Auge sollte man sicher auf das BWZ richten, damit die gesteigerten Kapazitäten richtig genutzt werden.

Steinegger: Die Bildung dürfte sicher etwas in den Mittelpunkt rutschen. Uns wird es ein Anliegen sein, dass durch den Lehrplan 21 nicht zusätzliche Bürokratie entsteht. Die Lehrerschaft soll mehr Zeit für den Unterricht haben und nicht noch mehr in das Verfassen von Berichten und in die Qualitäts­sicherung investieren müssen. Wichtig ist mir daneben die Trilogie des ESP, welche die Wirtschaftsbelange betrifft: Der Zentralbahnhof Altdorf, der Eyschachen und die Schächenspange sind komplizierte, schwerfällige Konstrukte. Ich glaube, wir müssen schauen, dass die Gewerbebetriebe, die heute und jetzt in Uri sind, hier bleiben. Standortpflege ist mir sehr wichtig. Man will oft zu grosse Kuchen backen. Ich wäre froh, wenn man etwas kleinere machen würde, die dafür einmal fertig wären.

Wie werden Sie den 28. Februar verbringen?

Steinegger:Am liebsten würde ich den Tag irgendwo in der Natur verbringen und um 16 Uhr mal nachfragen, wie die Resultate aussehen. Aber vermutlich kann ich mich nicht abkapseln. Schliesslich steht einiges auf dem Spiel. Da muss man sich mental vorbereiten, um effektiv bereit zu sein, nicht zuletzt für die Medien.

Stadler:Ich werde vermutlich am Schreiben meiner Bachelorarbeit sein, die ich Anfang März abgeben muss. Am Mittag esse ich dann mit einem Parteikollegen aus Schattdorf und hoffe, dass es so rauskommt, wie wir es geplant haben.