URI/LUZERN: Gesucht: Die Erben von 1000 Gulden

Ein im Jahr 1842 verstorbener Mann hat seiner Familie 1000 Gulden vererbt. Doch von Erben fehlt bis heute jede Spur. Nun will seine Heimatgemeinde ein für alle Mal mit dem Fall abschliessen.

Daniel Schriber
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Ein Gulden im Historischen Museum Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Ein Gulden im Historischen Museum Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Nachforschung über Destinatäre der Chorherr Gisler Stiftung» – so lautet die Überschrift eines Inserats, das letzte Woche in den Urner Zeitungen sowie im kantonalen Amtsblatt publiziert wurde. Als Absender figuriert der Gemeinderat von Seelisberg. Soweit so unspektakulär. Wer genauer hinsieht, merkt jedoch rasch, dass der Inhalt der Anzeige deutlich spannender ist, als es die unscheinbare Überschrift vermuten lässt. Ein Auszug:

«Am 10. Februar 1776 ist Karl Gisler als Sohn des Kaspar Gisler und der Katharina Arnold in Seelisberg geboren worden. ( ...) Er starb im Jahr 1842. Mit seinem Testament hinterliess er der Waisenverwaltung Seelisberg 1000 Luzerner Gulden mit verschiedenen Auflagen. Die wichtigste Auflage ist, dass das Kapital samt Zinsen einzig zu verwenden sind für Nachkommen des Martin Gisler (Bruder des Chorherrs Karl Gisler, geboren 1773 in Seelisberg), die in solche Armut geraten, dass sie der Unterstützung der Armenpflege bedürfen.»

Für den Fall, dass keine Nachkommen seines Bruders mehr am Leben seien, soll das ganze Guthaben von Gisler dem Armenfonds der Pfarrgemeinde Seelisberg zufallen, heisst es weiter. Und genau so stehts auch in Gislers Testament. Auszüge davon liegen unserer Zeitung vor.

Aus den 1000 Luzerner Gulden wurden im Laufe der Zeit Schweizer Franken. Der Wert des testamentarisch übergebene Vermögens samt Zinsen beträgt laut Gemeinderat exakt 70 256 Franken und 50 Rappen. Nur eben: Abgeholt hat dieses Geld bis jetzt niemand. Das Vermögen liegt seit vielen Jahren auf einem Konto der Urner Kantonalbank.

Erbe hat noch bis Ende Jahr Zeit

Am Schluss der Anzeige ruft die Gemeinde Seelisberg «allfällige Nachkommen des Martin Gislers» deshalb dazu auf, sich binnen Jahresfrist beim Gemeinderat zu melden. Erfolge während dieser Frist keine Meldung, falle das gesamte Stiftungsvermögen dem Armenfonds der Pfarrgemeinde Seelisberg zu. Um nicht in rechtliche Schwierigkeiten zu geraten, hat sich der Seelisberger Gemeinderat in dieser Sache die Unterstützung eines Erbrechts-Experten geholt.

Schon früher gesucht

Für Gemeindeschreiberin Kathrin Truttmann handelt es sich im Fall «Karl Gisler» um eine Premiere. «Mit einer solchen Nachforschung hatte ich es hier noch nie zu tun.» Die Gemeinde jedoch, die versuchte schon früher einmal die Nachkommen von Karl Gisler aufzuspüren. «1977 war das», berichtet Kathrin Truttmann, so stehts in den Akten. Wie die Suche damals genau ablief, ist nicht bekannt, Zeitungsinserate seien jedenfalls keine geschaltet worden, so Truttmann. Und es meldeten sich auch keine Nachkommen. «Die Sache ist offenbar im Sand verlaufen.» Truttmann betont, dass die Aufarbeitung dieser Erbangelegenheit eine «rein sachliche Angelegenheit» sei. Die Gemeindeschreiberin will keinen grossen Trubel um die Sache machen. «Wir hoffen nun einfach, dass sich dieser Fall endlich klären wird und dass damit klar wird, was mit den rund 70000 Franken passiert.» Sollten sich bis Ende Jahr nämlich keine Erben melden, wird das Geld laut Truttmann voraussichtlich dafür eingesetzt, um bedürftigen Menschen in der Urner Gemeinde Seelisberg zu unterstützen. Da es sich beim Vermögen um eine Familienstiftung mit einem festgelegten Stiftungszweck handelt, lege die Gemeinde Wert darauf, dass der Stiftungsgedanke auch bei einer künftigen Verwendung weiterverfolgt wird, erklärt Truttmann.

Spur führt nach Luzern

Wer war Karl Gisler? Besonders viel ist über den Mann nicht bekannt. Offenbar aber war er vor seinem Tod während mehreren Jahrzehnten als Chorherr am St. Leodegarstift in Luzern tätig. So stehts im Zeitungsinserat der Gemeinde Seelisberg, und so stehts auch in einem Schriftstück zum 100. Todestag von Karl Gisler, welches der Gemeinde vorliegt. Gislers Spur führt also in die Stadt Luzern – doch dort weiss manoffenbar nichts von seiner Tätigkeit am St. Leodegarstift. Othmar Frei, Stiftspropst des Kollegiatstiftes St. Leodegar im Hof Luzern, erklärt auf Anfrage schriftlich: «Ich kann nicht bestätigten, dass Karl Gisler Chorherr am Stift St. Leodegar gewesen ist.» Auch in der seit 1832 erscheinenden Kirchenzeitung «mit vielen biographischen Nachrichten» werde Gisler nicht erwähnt.

Aufruf dürfte wirkungslos bleiben

«Das ist ein aussergewöhnlicher Fall», sagt auch Hansruedi Glanzmann, Abteilungsleiter des Teilungsamtes der Stadt Luzern. «Ich bin nun seit 25 Jahren dabei, doch ich kann mich nicht erinnern, dass wir bei unseren Recherchen jemals soweit zurückgehen mussten.» Glanzmann glaubt nicht, dass das Inserat den gewünschten Erfolg bringen wird. «Ein solcher Aufruf dürfte wirkungslos bleiben – der Fall liegt einfach zu lange zurück.»

Die Gemeinde Seelisberg will ihre Anzeige nun trotzdem noch ein zweites Mal in den Urner Zeitungen aufschalten, weiter aktiv wird der Gemeinderat jedoch nicht. Das Rätsel um Karl Gisler (1772 – 1844) und seine Nachkommen bleibt somit ungelöst. Zumindest vorerst.

Nach dem Gulden kam der Franken

GESCHICHTE ds. Während der Lebzeit von Karl Gisler wurde in der Schweiz mehrheitlich mit Gulden Buch und Rechnung geführt. Wie hoch der Wert einer solchen Münze damals war, ist schwer eruierbar. Gemäss Heinz Horat, Direktor des Historischen Museums in Luzern, variierte der Wert je nach Gewicht der Münze. Gulden unterschieden sich jedoch nicht nur im Gewicht, sondern auch im Material. Nebst silbernen Gulden aus Luzern gab es auch solche aus Gold – etwa die «Kölner Gulden». 1825, also 17 Jahre vor Gislers Tod, wurde der Franken eingeführt. Gulden wurden fortan nicht mehr als Zahlungsmittel gebraucht. Die ersten Banknoten tauchten 1881 auf.