Urner 5G-Gegner erwägen Volksinitiative – währenddessen ist in Altdorf die erste Antenne in Betrieb

Im Kampf gegen 5G-Antennen werden laut Experte auch falsche Behauptungen aufgestellt. Derweil ist eine erste Anlage bereits in Betrieb gegangen.

Lucien Rahm
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Installation einer 5G-Antenne. (Bild: Martial Trezzini/Keystone, Chêne-Bougeries, 5. April 2019)

Installation einer 5G-Antenne. (Bild: Martial Trezzini/Keystone, Chêne-Bougeries, 5. April 2019)

Seit Wochen ist es ein viel diskutiertes Thema in Uri: 5G, mobiles Internet der fünften Generation. Gegen zwei von der Swisscom und Salt geplanten Antennen (erstere ein Neubau, letztere eine Aufrüstung eines bestehenden Mastes) in Bürglen und Altdorf sind in den vergangenen Wochen über 2000 Unterschriften zusammengekommen.

Die Swisscom-Antenne soll hinter der Motorfahrzeugkontrolle in Bürglen, diejenige von Salt beim Bahnhof Altdorf platziert werden. Mittlerweile sind die 20-tägigen Einsprachefristen für die beiden Bauvorhaben verstrichen. Gegen die Aufrüstung der Salt-Antenne ist während der Frist eine Einsprache eingegangen. Diese werde von «376 Personen mittels Unterschrift auf separaten Unterschriftenbogen unterstützt», teilt die Gemeindeverwaltung Altdorf auf Anfrage mit. Salt selber präzisiert dazu auf Anfrage: «Die Bewilligung ist 5G-fähig.» Man könne jedoch noch nicht sagen, wann genau dort auch tatsächlich 5G installiert werde.

1849 Einsprachen gegen Antenne in Bürglen

Während es in Altdorf und Schattdorf zu keinen Einsprachen gegen das Bauvorhaben der Swisscom gekommen ist, sind bei der Gemeinde Bürglen gemäss der dortigen Bauabteilung 1849 Beschwerden eingetroffen. Ob alle Einreichenden auch beschwerdeberechtigt sind, müsse jedoch noch abgeklärt werden. Berechtigt ist man, wenn man in einem bestimmten Umkreis zum geplanten Standort wohnt oder arbeitet.

Auch der Gemeinde- sowie der Schulrat von Bürglen haben eine Einsprache gegen die Antenne eingereicht. Wie der Gemeinderat diese genau begründet hat, möchte Gemeindepräsidentin Luzia Gisler (SP) jedoch der «Presse nicht sagen», wie sie auf Anfrage erklärt.

Zugänglich sind hingegen die Motive der einsprechenden Privatpersonen. Sie begründen ihre Einwende unter anderem mit der Befürchtung, dass die Strahlung der Antenne, die in Bürglen in einem Wohngebiet «mit vielen Kindern und jungen Familien» errichtet werden soll, gesundheitsschädigend sein könnte, wie es im vorgedruckten Einspracheformular der Gegner heisst. Laut Bauabteilung Bürglen bestünden viele der Einsprachen aus diesem Formular, und auch die restlichen würden mehr oder weniger dieselben Gründe aufführen.

Grenzwerte würden auch weiterhin eingehalten

So argumentieren die Gegner in ihrer Einsprache gegen die Antenne in Bürglen unter anderem, die Sendeleistung der geplanten 5G-Antenne würde «an den umliegenden Orten mit empfindlicher Nutzung Feldstärken» erzeugen, «die um das Drei- bis Fünffache über dem erlaubten Grenzwert liegen.» «Auch 5G muss die Grenzwerte einhalten», widerspricht Martin Röösli. Er ist Professor am schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel und leitet die beratende Expertengruppe des Bundes zu Fragen zur nichtionisierenden Strahlung. Solche fällt bei der Verwendung von Mobilfunk an. Die Gruppe berät das Bundesamt für Umwelt bei der Festlegung der Grenzwerte für Mobilfunkanlagen. An den genannten «Orten mit empfindlicher Nutzung» beträgt der Grenzwert gemäss der in der Schweiz geltenden Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) 4 bis 6 Volt pro Meter. Solange dieser nicht gesetzlich angehoben wird, darf ihn auch die Strahlung der 5G-Antennen nicht überschreiten.

Im Schnitt weniger Strahlenbelastung

Die Sammeleinsprache gegen die Salt-Antenne in Altdorf wird in einer Medienmitteilung der Gegner unter anderem wie folgt begründet: «Eine Sendeanlage für 5G besteht aus mindestens 64 Einzelsendern. Dadurch steigt die Strahlenbelastung enorm an.» Das stimme nicht, sagt Röösli. Die Bauweise der 5G-Antennen führe im Gegenteil dazu, dass zielgerichtet vor allem dorthin gesendet werde, wohin viele Daten übermittelt werden. «Im Moment strahlt eine Mobilfunkantenne ein viel breiteres Gebiet ab.» Hingegen sei zutreffend, dass 5G dynamischer sei und «dass kurzfristig bei hohem Datendurchsatz die Strahlenbelastung höher sein kann.» Im Durchschnitt werde die Belastung jedoch geringer ausfallen.

Alexander Imhof. (Bild: PD)

Alexander Imhof. (Bild: PD)

Der Einwand der Gegner, dass es für den 5G-Standard «weder amtliche Berechnungsgrundlagen noch amtliche Messvorschriften für Abnahme- und Kontrollmessungen» gebe, treffe teilweise zu, sagt Röösli. «Hier gibt es Lücken.» Alexander Imhof, Vorsteher des kantonalen Amtes für Umwelt, hält hierzu auf Anfrage fest: «Anlagen mit 5G-Signalen können wie bisherige Anlagen gemäss der NISV sowie der darauf aufbauenden Vollzugshilfe beurteilt werden.» Eine vom Bund empfohlene Messempfehlung für 5G sei in Erarbeitung, liege aktuell aber noch nicht vor. «Das Bundesamt für Umwelt hält in einem Schreiben an die kantonalen Fachstellen allerdings fest, dass bereits heute nach dem Stand der Technik Messungen vorgenommen werden können.»

Vergangenen Monat sagte Imhof gegenüber unserer Zeitung zudem: «Die Wirkung von 5G auf den Menschen ist durchaus mit der Wirkung der bisherigen Mobilfunkanlagen zu vergleichen.» Trotz intensiver Forschung seien bisher keine erhärteten Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung gefunden worden. Den Gegnern hat man dies auch in persönlichen Gesprächen nochmals versucht, näherzubringen. Zwei Vertreter der Einsprecher aus Bürglen wurden Ende Oktober zu einem Gespräch mit der Abteilung Immissionsschutz des Amtes für Umweltschutz eingeladen. «Dort wurden die allseits bekannten Rahmenbedingungen und Grenzwerte des Bundes nochmals erläutert. Die ungeklärten Forschungsergebnisse, der fehlende Netzplan für weitere Standorte und die Begründung des gewählten Standortes konnten dabei aber nicht befriedigend diskutiert werden», sagt Martina Bomatter, Vertreterin der Bürgler Einsprecher, auf Anfrage.

Gesundheitsfolgen sind unklar

Mit den «ungeklärten Forschungsergebnissen» meint Bomatter Hinweise auf mögliche Gesundheitsschäden, welche die Forschung bislang gefunden hat, aber noch nicht ausreichend beweisen konnte. Sie verweist beispielsweise auf ein Schreiben des Bundesamtes für Umwelt an die Kantone vom April. Darin heisst es: «Nach wissenschaftlichen Kriterien ausreichend nachgewiesen, ist eine Beeinflussung der Hirnströme. Begrenzte Evidenz besteht für eine Beeinflussung der Durchblutung des Gehirns, für eine Beeinträchtigung der Spermienqualität, für eine Destabilisierung der Erbinformation.» Weiter heisst es: «Ob damit Gesundheitsfolgen verbunden sind, ist nicht bekannt.»

Martin Röösli. (Bild: PD)

Martin Röösli. (Bild: PD)

Zu reden gibt ausserdem, dass die Telekomunternehmen die Sendefrequenzen und damit auch die Strahlungsstärken ihrer Anlagen erhöhen möchten. Ein entsprechender Vorstoss scheiterte vergangenes Jahr jedoch im Ständerat. Käme es irgendwann dennoch so weit, wären keine erhöhten Gesundheitsrisiken zu erwarten, sagt Experte Röösli. «Die Schweiz kennt zwei verschiedene Grenzwerte – einen Gesundheitsgrenzwert und dann noch einen rund zehnmal tiefer angesetzten Vorsorgegrenzwert.» Letzterer beinhalte schlicht eine zusätzliche Sicherheitsmarge. Würde man diesen Wert anheben, gäbe man ein wenig von der Sicherheitsmarge auf, komme dadurch aber noch in keinen Bereich, der nach heutigem Kenntnisstand gefährlich sei.

Talschaften könnten von 5G profitieren

Befürchten die Gegner Gesundheitsschäden bei einer Einführung von 5G, so sehen Befürworter gewisse Nachteile bei einem Verzicht auf die Einführung der neuen Technologie. «Für die Wirtschaft in Uri ergeben sich durch 5G neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder, die heute noch nicht auf dem Radar der Bevölkerung sind», teilt René Röthlisberger, Präsident des Dachverbands der Urner Wirtschaftsverbände «Wirtschaft Uri», auf Anfrage mit.

Auch Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind (CVP) sagt im Namen des Regierungsrates: «Wir stehen dem Ausbau der Mobilfunkinfrastruktur grundsätzlich positiv gegenüber.» Dabei müssten allerdings die gesetzlichen Anforderungen erfüllt sein. Von 5G könnten insbesondere Talschaften profitieren, die bislang schlecht erschlossen seien.

Erste Urner 5G-Antenne ist bereits in Betrieb

Vertreter von Camenzinds Partei, der CVP, möchten abgeschiedene Täler jedoch mit Breitband erschliessen und für 5G vorerst ein Moratorium erlassen, wofür sie am Mittwoch entsprechende Vorstösse im Landrat eingereicht haben. Experte Martin Röösli: «Aus Umweltsicht ist ein 5G-Moratorium, wie wenn man lärmarme Flugzeuge verbieten würde.» Denn ohne 5G werde die Strahlung künftig stärker zunehmen als mit, da alte Technologien weniger effizient seien.

Die Gegner planen derweil, noch zu einem anderen Instrument zu greifen. «Wir ziehen in Erwägung, eine kantonale Volksinitiative gegen 5G zu lancieren», sagt Gegnerin Martina Bomatter. Zunächst wolle man nun aber abwarten, was die Politik «in die Hand nehmen kann.» Während sich die Gegner gegen Antennen in Wohngebieten wehren, ist eine solche im Südosten des Altdorfer Bannwaldes bereits Realität. Am 24. September hat Sunrise dort eine 5G-Antenne in Betrieb genommen.

Hier steht die erste 5G-Antenne Uris