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Urner Alpenkranz: Wo einsame Älpler zum Schwatz laden

Eine Wanderin hat auf ihrem 40-tägigen Marsch auf dem Alpenkranz spannende Bekanntschaften mit Einheimischen gemacht.
Lucien Rahm
Ursula Herzog – hier auf dem Weg von der Voralp- zur Salbithütte – hat 40 Tage lang den Urner Alpenkranz bewandert. (Bild: PD/Max Imhof)

Ursula Herzog – hier auf dem Weg von der Voralp- zur Salbithütte – hat 40 Tage lang den Urner Alpenkranz bewandert. (Bild: PD/Max Imhof)

15 Jahre lang stand der Prospekt «Alpenkranz Uri» bei ihr im Bücherregal, ohne seinen eigentlichen Zweck zu erreichen. Vor kurzem fand die Zugerin Ursula Herzog dank einer Auszeit zu ihrem 50. Geburtstag nun endlich Zeit, um die darin beschriebenen Orte aufzusuchen.

Über einen Monat lang hat die Wanderleiterin täglich zweieinhalb- bis siebenstündige Wanderungen gemacht, in Massenlagern übernachtet und die Urner Berge bewundert. Dabei liess sie sich auf einigen Abschnitten von Bekannten begleiten, andere beging sie alleine. «Das habe ich ebenso geschätzt, denn da ergibt sich der Kontakt mit fremden Leuten viel spontaner.»

Pensionär lebt alleine in einer Holzhütte

Begegnungen mit anderen Menschen durfte sie auf ihrer Reise zahlreiche machen. Drei bemerkenswerte hätten sich zum Beispiel auf der zweitletzten ihrer 40 Etappen ergeben, die sie im Raum Erstfeld absolvierte, sagt sie im Gespräch. Auf einem Höhenweg, der sich auf dieser Strecke befindet, traf Herzog einen Bergbewohner, der sie spontan zu sich in seine Holzhütte einlud. Schon als er sie gesichtet hatte, sei er aus seiner kleinen Hütte gekommen, um ihr eine Tasse Kaffee zu offerieren.

Im Innern des Holzbaus entwickelte sich ein einstündiges Gespräch zwischen den beiden. «Er hat mir erzählt, dass er ganze drei Monate alleine auf dieser Alp verbringt.» Der 86-jährige Bauer in Pension lebe den Sommer über jeweils in der kleinen Hütte, in der sich auch eine einfache Küche und eine Stube befinden. In Letzterer stehen ein tiefgelegenes Einzelbett und ein Tisch. Vom Tal aus versorge ihn seine Frau mit Lebensmitteln, die sie ihm in der Transportseilbahn hinaufschicke.

Kontakt zur Familie per Natel

Seine Beschäftigung liege aber nicht nur im Einladen von vorbeikommenden Wanderern. «Er schaut noch zu ein paar Rindern», sagt Herzog. Um dem Alleinsein entgegenzuwirken, steht er mit seiner Familie im regelmässigen Kontakt per Natel. «Wenn er sich mit Wanderern austauschen kann, scheint das für ihn ebenso eine Freude zu sein.» Auch für Herzog sei es ein positives Erlebnis gewesen, als sie an jenem Samstagnachmittag bei regnerischem Wetter spontan eingeladen wurde. «Diese Gastfreundschaft und Offenheit fand ich sehr eindrücklich – ebenso, dass jemand im Alter von 86 Jahren noch völlig selbstständig so abgeschieden lebt.»

Hin und wieder erhalte der Pensionär aber auch ausgedehnteren Besuch von Freunden. So sei zu jenem Zeitpunkt gerade ein Jäger für ein paar Tage sein Gast gewesen. Etwas später auf ihrer Wanderroute habe sie diesen dann ebenfalls angetroffen, als er gerade auf der Jagd war. «Wir haben über seine Tätigkeit gesprochen und auch alle möglichen anderen Dinge.» Unter anderem habe er beklagt, dass der Bestand an Gämsen in den letzten Jahren abgenommen habe. «Da macht er sich so seine Gedanken darüber.»

Rund eine Gehstunde später sei Herzog dann nochmals auf eine kleine Ansammlung von Holzhütten gestossen. Prompt sei ihr auch hier wieder eine Einladung unterbreitet worden. «Ein Mann im Pensionsalter werkte vor seinem Häuschen. Wir kamen sofort ins Gespräch.» Den offerierten Besuch im Innern habe sie zunächst aufgrund von Zeitdruck eigentlich ablehnen wollen. «Dann sagte er, das sei jetzt schon schade, dass ich nicht reinkommen wolle», so Herzog. Man habe gemerkt, dass der Mann auch etwas stolz sei auf seine Behausung und einem diese zeigen möchte. Schliesslich habe sie eingelenkt und mit ihm in seiner Stube ein Glas Sirup getrunken.

Hüttenbewohner erzählt von tödlicher Grippe

Im Winter wohne der pensionierte Strassenbauer, der an der Erstellung diverser Tunnel beteiligt gewesen sei, in einem Altersheim. «Für den Sommer meldet er sich dort jeweils ab und geht auf die Alp.» Dort hirte er Schafe und Rinder und sammle Pilze, mit denen er seine Mahlzeiten anreichere. Hin und wieder wandere er hinunter ins Tal, «um Besorgungen zu machen und einen Schwatz im Dorf zu halten».

Im Gespräch während des Sirups habe der Pensionär vor allem von früher erzählt. «Während seiner Schulzeit sei es noch üblich gewesen, dass das Forstamt Schüler mitnehmen konnte, um beim Anpflanzen und Giessen von Tannen mitzuhelfen.» Er sei damals einer dieser Schüler gewesen, die das Forstamt eine gewisse Zeit lang drei Tage pro Woche unterstützt hätten. Auch von 1938 habe der Mann erzählt. Damals habe eine tödliche Grippe grassiert, die in Erstfeld viele Menschen das Leben gekostet habe. «Keine Ahnung, ob das so stimmt», sagt Herzog. Unterhaltsam war die Begegnung aber für Herzog allemal. «Und dass sich jemand für ihn und sein Häuschen interessiert, hat auch ihn gefreut.»

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