Busse bezahlt: Urner Bergbauer erhält unverhofft Unterstützung

Die Geschichte von Karl Mattli, der wegen geschlachteter Geissen vom Kantonstierarzt gebüsst wurde, bewegt die Leser. Einer von ihnen hat sich gar bereit erklärt, die Busse des 59-jährigen Bergbauern zu übernehmen.

Carmen Epp
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Bergbauer Karl Mattli versorgt seine Ziegen im Stall auf 1600 Meter über Meer. (Bild: Jakob Ineichen, Göscheneralp, 7. Mai 2019)

Bergbauer Karl Mattli versorgt seine Ziegen im Stall auf 1600 Meter über Meer. (Bild: Jakob Ineichen, Göscheneralp, 7. Mai 2019)

Als Josef Weber* am 14. April die «Zentralschweiz am Sonntag» liest, lässt ihn eine Geschichte nicht mehr los: die von Bergbauer Karl Mattli. Der 59-Jährige schlachtete in seinem Ganzjahresbetrieb in der Göscheneralp im Winter mehrere Tiere – für sich und den Verkauf an Nachbarn. Die Schlachtabfälle überliess er den Füchsen und Adlern.

Nach einer Kontrolle des Laboratoriums der Urkantone folgte Ende März ein Strafbefehl. Demzufolge hat Mattli durch das selbstständige Schlachten der Tiere die Hygienevorschriften missachtet und mit den Schlachtabfällen eine Übertragung von Krankheiten oder Seuchen auf Wildtiere riskiert. Dafür wird ihm neben den Verfahrenskosten von 490 Franken eine Busse von 1000 Franken aufgebrummt.

Der Bergbauer weiss, dass er die Tiere streng nach Vorschrift zum Schlachten hätte nach Altdorf bringen müssen. Da die Strasse in die Göscheneralp im Winter schneebedeckt und geschlossen ist, wäre der Weg mit Schneetöff und anschliessendem Umladen in den Autoanhänger laut Mattli mit Stress für die Tiere, enormem Zeitaufwand und Umtrieben verbunden gewesen. Hier ohne Rücksicht auf die Situation vor Ort am Gesetz festzuhalten, sei paradox und ein ökologischer Blödsinn, findet Mattli.

Liebe zu den Bergen lässt Leser aktiv werden

Diese Ansicht teilt auch Leser Weber. Statt sich nur über den «sinnlosen Bürokratismus» zu ärgern, beschliesst der Luzerner, aktiv zu werden. Noch am selben Tag verfasst er eine E-Mail an unsere Zeitung. Er finde die Geschichte von Mattli «skandalös» und sei bereit, die Busse von 1000 Franken zu übernehmen. Am Dienstag, 7. Mai, löste Weber sein Versprechen ein und stattete mit seiner Frau dem Bergbauern einen Besuch ab.

Namentlich genannt werden will er nicht. Es gehe ihm nicht um den Ruhm, sondern um den gesunden Menschenverstand. Auf der Fahrt von Luzern in die Göscheneralp wird klar, dass es auch die Liebe zu den Bergen ist, die den Rentner und seine Frau zu diesem Schritt bewegt. «Als wir noch jünger waren, zog es uns an jedem schönen Wochenende in die Höhe», erzählt er. Auch die Urner Berge kennt das Ehepaar bestens. Kaum ein Gipfel, der auf der Fahrt keine Erinnerung auslöst. Auch in der Göscheneralp waren sie oft unterwegs: um den Stausee, zur Dammahütte oder auf einer Bergtour über die Winterlücke zur Furka. Weber sagt:

«Diese tollen Erlebnisse wären nicht möglich ohne die unermüdliche Arbeit der Bergbauern, die der Natur täglich Sorge tragen.»

Dass ihnen die Strapazen, die sie dafür auf sich nehmen, zum Nachteil werden, sei stossend.

Mit Kaffee-Schnaps verfliegt die anfängliche Distanz

Mattli holt den Besuch aus Luzern bei der Barriere in Abfrutt ab. Ab hier ist die Strasse noch immer gesperrt, eine Weiterfahrt zum 7 Kilometer entfernten Heimet des Ehepaars Mattli im Gwüest auf 1600 Metern über Meer nur auf eigenes Risiko möglich. Dort angekommen erwartet Beatrice Mattli das Ehepaar Weber bereits mit Brot und selbst gemachtem Kuchen, Alpkäse und Butter. Mit einem Kaffee-Schnaps verfliegt die anfängliche Distanz auf beiden Seiten, und schon herrscht ein angeregtes Gespräch am Küchentisch. Über das Leben als Bergbauer im eingeschneiten Göscheneralptal, das Metzgen von Tieren und den Strafbefehl. Er hätte bei der Kontrolle auch lügen und die gemetzgeten Tiere verschweigen können, führt Mattli aus. Als Mitglied im Kirchenrat und langjähriger Orgelspieler in der Göschener­alp-Kapelle sei das für ihn aber nicht in Frage gekommen.

Umso dankbarer zeigen sich Karl und Beatrice Mattli über die unverhoffte Unterstützung von Herrn und Frau Weber. Die hatten die 1000 Franken für die Busse gleich mitgebracht. Nach einem Abstecher in den Stall von Mattli mit seinen Kühen, den Ziegen und den Schafen ist sich das Ehepaar einig: Ihr Entscheid war richtig, das Geld bei Mattli bestens investiert. Wie Weber es bereits in der Mail an unsere Zeitung formulierte: «Man kann die Arbeit der Bergbauern nicht genug schätzen.»

*Name geändert