Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Urner entstauben alte Filmrollen

Die beiden Filmemacher Reto Indergand und Martin Wabel haben die Urner Bevölkerung dazu animiert, ihre privaten Filmarchive zu durchstöbern. Daraus ist nun ein Kinofilm entstanden, der zum Nachdenken anregt.
Florian Arnold
Martin Wabel (vorne) und Reto Indergand machen den letzten Schliff an ihrem Film. (Bild: Pius Amrein (Erstfeld, 7. Juni 2018))

Martin Wabel (vorne) und Reto Indergand machen den letzten Schliff an ihrem Film. (Bild: Pius Amrein (Erstfeld, 7. Juni 2018))

Ein grosser, flacher Fernseher hängt an der Wand, flankiert von zwei Boxen. Auf dem Pult stehen weitere drei Bildschirme und ein Mischpult. Neuste Technik. Doch was über die Flächen flimmert, sieht nicht nach den gestochen scharfen Bildern à la Hollywood aus. Die Aufnahmen sind teil­weise etwas vergilbt, körnig oder schwarz-weiss. Sie stammen aus einer Zeit, als nicht jeder ein Handy mit Videofunktion mit sich herumtrug. Und genau das wollen die beiden Filmemacher Reto Indergand und Martin Wabel zeigen. «Uri im Wandel – Einblicke ins 20. Jahrhundert» heisst der Film, der am 28. Juni im Cinéma Leuzinger in Altdorf Premiere feiert. «Die Karre steht, jetzt müssen wir sie nur noch polieren», sagt Wabel. Noch wird an Übergängen von gewissen Szenen gearbeitet, die Texte müssen von einem Profisprecher aufgezeichnet werden, da und dort wird gekürzt.

Über 50 Stunden Filmmaterial

Es begann mit einem Aufruf an die Urner Bevölkerung vor bald drei Jahren. Sie wurde gebeten, altes Filmmaterial aus Privatsammlungen zu entstauben und den Filmemachern zukommen zu lassen. Gut 100 Dokumente waren es am Schluss, insgesamt über 50 Stunden Film. «Von Hochzeiten, Weihnachtsfeiern und der Fasnacht haben wir sehr viel erhalten», erzählt Reto Indergand. «Glücklicherweise waren auch einzelne Ausschnitte dabei, die sich als richtige Perlen entpuppt haben.» Trotzdem ging der Plan der Filmemacher nicht auf: «Aufgrund des Filmmaterials drängte sich keine Geschichte auf.» Die beiden mussten den ursprünglichen Plan etwas anpassen: Nicht historische Aufnahmen, sondern Erzählungen von Zeitzeugen rückten nun in das Zentrum des Films. Als Ergänzung interviewten sie Historiker und fachkundige Einheimische. Weiteres Filmmaterial fanden sie im Urner Staatsarchiv. Mit diesen Zutaten liess sich schliesslich das Vorhaben verwirklichen.

Geld, Arbeit, Bildung, Kindheit, Industrialisierung, Mobilität und der Alltag im 20. Jahrhundert: All dies wird im Film thematisiert. «Alles het sich veränderet», sagt eine Zeitzeugin zu ­Beginn des Films. «D Liit. Und nidämal z Wätter isch meh ­gliich.» Ein Mann, der im Bergdorf Bristen aufgewachsen ist, erzählt, wie fremd ihm früher der Urner Hauptort Altdorf vorkam – und wie weit die Reise damals war. «Es sind Dinge, von denen man irgendwie weiss, aber doch kein richtiges Bild vor sich hat», sagt Indergand. Die beiden Filmemacher betonen: «Wir haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.» Martin Wabel erklärt: «Die jüngeren Filmbesucher sollen dazu animiert werden, noch mehr zu erfahren, und bei den älteren Generationen sollen die Erinnerungen geweckt werden.»

Karriere umgeschwenkt

Für den 41-jährigen Reto Indergand war eigentlich keine Karriere als Filmemacher vorgesehen: Er stand kurz davor, von seinen Eltern ein Sportartikelgeschäft zu übernehmen – wäre er nicht mit dem Filmen in Berührung gekommen. 2002 machte er seinen ersten Film, und 2004 produzierte er mit eigens angeschafftem Material seinen ersten Livemitschnitt eines Theaters. Zwei Jahre später machte er sich selbstständig. Während rund zehn Wochen im Jahr arbeitet er nebenbei auch fürs Schweizer Fernsehen. In Erstfeld, wo sich auch der Schnittplatz dieses Films befindet, verleiht er Filmequipment. Auf diese Weise kam Martin Wabel mit Indergand ins Geschäft. Der in Schaffhausen Aufgewachsene ist heute selbstständiger Filmemacher in Andermatt. Der 36-Jährige hat die Faszination wahrscheinlich geerbt. «Mein Grossvater hat schon gefilmt», erzählt er. Und als Primarschüler habe er das erste Mal eine Kamera in den Händen gehalten. «Leider habe ich es verpasst, einen Film über meinen Grossvater zu machen», sagt Wabel. «In gewisser Weise kann ich das jetzt nachholen.» Die Finanzierung des Projekts wurde zu einem grossen Teil dank der Urner Kantonalbank möglich, die zu ihrem 100-Jahr-Jubiläum Geld für Projekte verteilte.

Schlummernde Themen gelangen an Oberfläche

Der Film richtet sich denn auch an die Urner, zumindest werden die geografischen Verhältnisse für Auswärtige nicht näher erklärt. Trotzdem ist er auch beispielhaft für die ganze Schweiz des 20. Jahrhunderts. «Er holt Themen an die Oberfläche, die vielleicht bisher etwas im Verborgenen geschlummert haben», sagt Indergand.

Und was nehmen die Filmemacher von den Gesprächen mit? «Es ist einfach beeindruckend, wie stark sich eine Gesellschaft während eines einzigen Menschenlebens verändern kann», sagt Wabel. «Wir stecken mitten in der digitalen Revolution. Was das noch mit sich bringen wird, können wir heute nicht sagen.» Und wer weiss: Vielleicht wundern sich die Filmemacher in hundert Jahren ebenfalls, unter welchen Umständen 2018 ein Film gemacht wurde.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.