Urner Fotograf findet seine Sujets vor der Haustüre

Valentin Luthiger arbeitet gerne in seinem Heimatkanton. Der 29-jährige Urner schätzt die Vielfalt der Natur und die Offenheit der Menschen. Beides kommt auch in einem neuen Bildband zum Ausdruck.

Markus Zwyssig
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Fotograf Valentin Luthiger und Dori Tarelli von der tinto ag freuen sich über den neuen Urner Bildband «nusädè».

Fotograf Valentin Luthiger und Dori Tarelli von der tinto ag freuen sich über den neuen Urner Bildband «nusädè».

Bild: Valentin Luthiger/Markus Zwyssig (Altdorf, 5. Oktober 2020)

Valentin Luthiger fällt auf, wenn er unterwegs ist – und das ist er oft. Ihn erkennt man nicht nur an seiner Fotoausrüstung, die er – immer bereit für das nächste Bild – mit sich herumschleppt. Markant ist auch seine dunkle Haarpracht. Er nimmt aufmerksam wahr, was um ihn herum passiert, und scheint stets den Blick fürs gute Bild zu haben. Und vor allem hat er ein offenes Ohr für Anliegen. Das beweist er auch bei unserem Treffen.

Der Fotograf unserer Zeitung weilt beim Termin für das Gespräch in den Ferien. Wie machen wir das jetzt mit dem Bild? Für Valentin Luthiger ist das kein Problem. Die Kamera hat er in seinem Studio bereits auf einem Stativ fixiert, den richtigen Bildausschnitt gewählt. Das Wichtigste ist im Fokus. Der Journalist muss nur noch den Auslöser betätigen.

Von der Architektur zum Fotografieren

Zuerst war das Fotografieren für Luthiger ein Hobby. Ursprünglich hatte er ein Architekturstudium begonnen. Das war vor knapp zehn Jahren. Rasch merkte er aber, dass er sich stärker zur Praxis hingezogen fühlt. Fotografieren ganz grundsätzlich und Bildreportagen im Speziellen waren mehr sein Ding. Es gab einen ersten Job bei der Lokalzeitung. Er begann am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern redaktionelle Fotografie zu studieren. 2014 schloss er seine Ausbildung ab. Ab 2015 war er Untermieter bei der Agentur tinto ag in Altdorf.

Anfang Jahr hat Luthiger gezügelt. Er ist ins ehemalige Studio von Foto Aschwanden in Altdorf eingezogen. Damit ist mindestens im unteren Stock wieder das fotografische Handwerk beheimatet. In den ehemaligen Verkaufsräumlichkeiten wird demnächst das Suworow-Museum eröffnet, das von Glarus in den Kanton Uri gezogen ist.

Dem 29-jährigen Fotografen gefällt es an seinem neuen Standort. Auch die Umgebung stimmt. So nah an den Bergen und beim See zu sein, das sei ideal. «Die guten Sujets gibt es praktisch vor der Haustüre», sagt Luthiger, der in Altdorf wohnt.

Titelbild des Urner Bildbands «nusädè»: Alois Frei nutzt die private Drahtseilbahn über die Reuss als schnellste Verbindung.

Titelbild des Urner Bildbands «nusädè»: Alois Frei nutzt die private Drahtseilbahn über die Reuss als schnellste Verbindung.

Bild: Valentin Luthiger

Vieles ist möglich, aber nicht nur schnell, schnell

Valentin Luthiger arbeitet seit fünf Jahren als selbstständiger Fotograf. Zum grössten Teil handelt es sich bei seiner Arbeit um Auftragsfotografie. Firmen fragen ihn an für ein Porträt, eine Reportage oder für einen Internetauftritt. Es geht um sportliche Aktivitäten, ums Bewerben von touristischen Aktivitäten und neue Produkte. Und schliesslich liefert er auch für die Medien aktuelle redaktionelle Bilder. «Bei mir ist relativ viel möglich», sagt er. Was ihm nicht passt, ist, wenn es bei einem Auftrag schnell, schnell gehen muss. «Es bringt nichts, wenn man beim Fotografieren stressen muss. Dadurch erreicht man ganz sicher nicht das gewünschte Resultat», sagt er. Meist werde mehr Zeit investiert, als am Ende effektiv aufgeschrieben werde, sagt der Fotograf.

Dass er zu Beginn seiner Arbeit als freischaffender Fotograf bei der tinto ag eingemietet war, bezeichnet er als Vorteil. Das habe ihm geholfen, Kontakte zu knüpfen und ein Netzwerk aufzubauen, gibt er sich überzeugt. «Der Arbeitsort war ein Türöffner.» Aber auch die Vorzüge seines neuen Standorts schätzt er. Die Räumlichkeiten sind ideal, um Kunden zu empfangen. «Ich habe jetzt viel mehr Platz und kann mein eigenes Studio einrichten.»

Und bei all dem ist das Fotografieren nur ein Teil seiner Arbeit. «Viel Zeit brauche ich für das Nachbearbeiten der Bilder», erklärt er. «Das Archivieren ist ebenfalls ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit.» Vieles davon hat er sich selber beigebracht. Im Alltag sei das meiste «Learning by Doing».

Neues Buch soll eine Lücke schliessen

Lange intensiv beschäftigt hat sich Luthiger mit dem nun fertiggestellten Urner Bildband «nusädè». Das Projekt war eine Herausforderung nicht nur für den Fotografen und die Herausgeberin tinto ag. Ohne die Unterstützung von Stiftungen und Sponsoren wäre es finanziell nicht machbar gewesen. Die öffentliche Hand mit Kanton, Gemeinden und der Korporation hat das Buch unterstützt. Mit dem neuen Bildband soll eine Lücke geschlossen werden, ist Dori Tarelli von der tinto ag überzeugt. «Es fehlt ein aktuelles Buch mit vielen Bildern und informativen Texten über Urner Gegenden und Besonderheiten.» Mehrmals sei sie in der Vergangenheit auf dieses Manko aufmerksam gemacht worden. Die bekannten Werke wie «Uri damals» oder «Adieu altes Uri» sind vergriffen und höchstens noch in einem Antiquariat zu finden.

Und trotzdem war das Projekt nicht einfach anzugehen: «Es ist ein Wagnis, ein Buch zu machen», sagt Dori Tarelli. Das Budget für die nun gedruckten 3'000 Bücher liegt bei rund 100'000 Franken. Das Team der tinto ag hat das Buch gestaltet, mit unterhaltsamen Texten ergänzt und die Verlagsarbeiten übernommen. Das Konzept stammt jedoch von Valentin Luthiger und der tinto ag gemeinsam.

Für den Bildband wurden insgesamt 15 Urner Begriffe wie «gääch», «bannä» oder «cheschtlich» ausgesucht. Diese werden manchmal in einen offensichtlichen, aber dann auch in einen überraschenden Zusammenhang gestellt. Dadurch wollten die Macher des Bildbandes den Kanton Uri in möglichst vielen Facetten zeigen.

Auch auf das Archiv zurückgegriffen

Zehn Monate war Valentin Luthiger für den Bildband als Fotograf unterwegs. Dies neben all den Aufträgen, die sonst noch anstanden. «Im ersten Moment denkt man, das sei eine lange Zeit. Trotzdem fehlt aber im Jahreszyklus eine gewisse Zeitspanne», gibt er zu bedenken. Um die fehlenden Monate zu überbrücken, musste er auf sein Archiv zurückgreifen. «Wenn ich für einen Auftrag unterwegs bin, komme ich jeweils ein bisschen früher oder bleibe etwas länger. Das hilft mir, dass ich neben den Bildern, die ich für meinen Auftrag effektiv brauche, immer noch ein paar zusätzliche Aufnahmen machen kann, die bei mir im Archiv landen.» Luthiger ist immer dort anzutreffen, wo etwas los ist. An der Fasnacht, beim Alpabzug oder bei Konzerten. Auch bei einem Unwetter, bei Hochwasser oder bei heftigem Schneetreiben ist er mit seiner Kamera vor Ort.

Die Fotografien für den Urner Bildband auszuwählen, das sorgte für lange Diskussionen. «Das Buch war für mich ein riesiger Lehrplatz», sagt Luthiger. Der Bildband heisst «nusädè». Der Urner Ausdruck ruft zur Gelassenheit auf, wenn man vor unerwartete Tatsachen gestellt wird. Es gilt, das Beste aus der Situation zu machen. Das musste auch Luthiger. Bei verschiedenen geplanten aktuellen Bildern hat Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Dorftheater in Sisikon konnte er gerade noch fotografieren. Für die Tellspiele in Altdorf oder für das Feuerwerk in Flüelen musste er aber auf sein Archiv zurückgreifen.

Aus dem Urner Bildband «nusädè»: Heinrich Danioths Teufel ist seit 1950 ein Blickfang in der Schöllenen.

Aus dem Urner Bildband «nusädè»: Heinrich Danioths Teufel ist seit 1950 ein Blickfang in der Schöllenen.

Bild: Valentin Luthiger

Beim Fotografieren auf viel Offenheit gestossen

Valentin Luthiger war überrascht von der Offenheit der Urner, auf die er bei seinen Recherchen für die Bilder gestossen ist. So hat er beispielsweise einen sogenannten Herrgottswinkel gesucht. Das ist ein mit einem Kruzifix und mit Bildern von Heiligen gestalteter Ort, wie man ihn in alten Urner Häusern noch finden kann. Mit Anklopfen und Nachfragen wurde er von Stube zu Stube geschickt und fand schliesslich in Gurtnellen-Dorf den Herrgottswinkel.

Für ein gutes Bild ist Luthiger manchmal lange unterwegs. So hat ihn ein Wildhüter einen halben Tag lang mitgenommen. Immer etwas Spezielles sind für einen Fotografen Helikopterflüge. Das gefällt Luthiger. Er hat ganz sicher keinen 08/15-Job: «Als Fotograf kann man viel erleben. Es braucht aber viel Geduld, Respekt und Verständnis und damit verbunden viel Ausdauer.»

Hinweis: Der Urner Bildband «nusädè» ist in der Buchhandlung Bido in Altdorf erhältlich. Sammelbestellungen laufen über die tinto ag. Am 4. November findet in der Kantonsbibliothek Uri eine Veranstaltung statt, bei der ebenfalls das neue Buch im Zentrum steht. Regierungsrat und Historiker Stefan Fryberg und die diplomierte Tänzerin und Choreografin Jeanine Dinger, in Uri lebende Kanadierin, beschäftigen sich mit der Innen- und Aussensicht des Kantons Uri.