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Urner Künstlerin setzt historische Fotografien neu in Szene

Fotografin Nathalie Bissig bildet Szenen eines alten Urner Buchklassikers nach und gestaltet damit ihre eigene Fotoarbeit. Ihre surrealen Bilder sollen den Betrachter auch dazu animieren, sich wieder mit den Originalen auseinanderzusetzen.
Florian Arnold
Unheimlich und faszinierend: Blick in das Atelier von Nathalie Bissig. Dort entstehen die Figuren (links), die historischen Bildern nachempfunden sind (oben rechts). (Bild: Bilder: PD)

Unheimlich und faszinierend: Blick in das Atelier von Nathalie Bissig. Dort entstehen die Figuren (links), die historischen Bildern nachempfunden sind (oben rechts). (Bild: Bilder: PD)

Es stand im Regal ihrer Eltern. Und schon als Kind übte dieses Buch eine grosse Anziehungskraft auf Nathalie Bissig (36) aus. Die schwarz-weissen Fotografien entführten sie in eine andere Zeit – in eine andere Welt. «Uri damals», so der Titel des Foto-Sammelbands von Karl Iten. Es enthält Bilder von 1855 bis 1925. Stundenlang habe sie jeweils darin geblättert, erinnert sich Bissig.

«Ich wollte schon lange künstlerisch darauf reagieren», sagt die Urner Fotografin. Jetzt ist es so weit. Im ersten Stock eines Holzwarenlagers in Flüelen sind die Fenster mit Tüchern abgedunkelt. Neben der Eingangstür hängen jede Menge Stoffe und Kleider. Am Boden ist eine leicht geneigte Fläche befestigt, darauf gerichtet eine analoge Fotokamera auf einem Stativ.

Knete und Äste werden zu Händen

Nathalie Bissig steigt auf die zweite Stufe der Trittleiter und kontrolliert durch den Sucher den Bildausschnitt. Ein grosses Stück schwarzen Vorhangstoff hat sie so auf der Fläche zurechtgelegt, dass es einer sitzenden Frau gleicht. Knetmasse und dünne Äste sind zu Händen geformt. Eine Maske aus hellem Stoff bildet den Kopf und das Gesicht. Mit Hilfe von Stecknadeln korrigiert sie den Ausdruck des Gesichts der Figur noch ein wenig.

Bild: Nathalie Bissig

Bild: Nathalie Bissig

Ein Blick an die Wand verrät, wovon sich Nathalie Bissig inspirieren liess: Es ist die Frau eines Familienfotos aus «Uri damals». Und genau das ist das Konzept der Urner Künstlerin. Sie pickt Elemente aus dem Fotobuch und baut diese nach, um davon eigene Fotos zu machen. Es ist, als würde die Künstlerin ein Bild malen – nur verwendet sie dafür keine Farbe, sondern Stoff: Sie arbeitet im Dreidimensionalen, um später ein zweidimensionales Bild zu erschaffen.

«Es war früher sicher ein hartes Leben. Dafür hat das Visuelle von damals etwas Schönes an sich.»

An den Fotokopien an der Wand orientiert sie sich immer wieder. Trotzdem entsteht ein ganz eigenes Bild. «Ich will dem Betrachter das zeigen, was ich vor meinem inneren Auge sehe.» Zu Hilfe nimmt sie jeweils eine digitale Kamera. «Ich kann so überprüfen, wie das zurechtgelegte als Bild wirkt», erklärt sie. Endgültig ist es dann, wenn sie auf den Auslöser der analogen Kamera auf dem Stativ drückt. «Ich schaue lieber durch die analogen Kameras. Man arbeitet ganz anders damit.» Die Bilder hätten mehr Körper und Lebendigkeit als die digitalen Pendants. «Die digitalen Fotos sind mir zu perfekt, zu hyperrealistisch.»

Bild: Nathalie Bissig

Bild: Nathalie Bissig

Vielleicht macht es die analoge Kamera auch einfacher, sich in frühere Zeiten zurückzuversetzen. «Die vergangene Zeit packt mich», verrät die Fotografin. «Es war früher sicher ein hartes Leben. Dafür hat das Visuelle von damals etwas Schönes an sich.» Die Gebäude hätten früher mehr in die Landschaft gepasst. «Es gab gar keine andere Wahl, als einheimische Materialen zu verwenden. Wie die Landschaft heute verbaut wird, ist manchmal eine richtige Katastrophe.»

Je höher desto prägender

Für Kunstprojekte kommt die in Zürich lebende Fotografin gerne in ihren Heimatkanton zurück. «Die Landschaft hier ist einfach wahnsinnig schön, hat aber auch eine raue und unwirtliche Seit an sich. Sie prägt die Leute, die hier leben.» Je höher man steige, desto tiefer die Prägung, wie sie sagt. Der Landschaft ist deshalb auch in ihrem aktuellen Kunstprojekt ein Teil gewidmet. Diese bildet Nathalie Bissig – im Gegensatz zu den Figuren – nicht im Studio nach, sondern sucht im Freien nach den interessanten Objekten.

Selber wieder in den Kanton Uri zu ziehen, kommt für Bissig im Moment nicht in Frage. «Ich bin immer wieder gerne an anderen Orten.» So komme man konstant mit anderen Konzepten in Berührung. «Durch Differenz kann man viel über sich selber herausfinden.» Das reizte sie schon in jungen Jahren. Mit 15 besuchte sie den Vorkurs der Kunstschule in Luzern, danach zog es sie nach Lausanne, wo sie visuelle Kommunikation und Fotografie als Fach belegte. Und für die letzten zwei Jahre ihres Studiums war sie in der Fotoklasse in Zürich. Konstant war nur eines: «Ich wollte nichts anderes als Kunst machen.»

«Die Leute sollen das Buch wieder in die Hand nehmen und sich damit auseinandersetzen, wie es bei uns damals war und vielleicht immer noch ist.»

Die Gelegenheit für das jetzige Fotoprojekt ergab sich für die Urnerin durch eine Ausschreibung der Albert Koechlin Stiftung. Gefragt waren Beiträge zum Thema «die andere Zeit». Dass sie für das Projekt mit dem Buch «Uri damals» arbeiten möchte, war für sie schnell klar. Ursprünglich aber wollte sie Menschen gleich wie auf den Fotos in Szene setzen. Sie habe dann aber gemerkt, dass die Bilder zu theatralisch wirken würden. So schwenke sie auf die Puppen um.

Das Werk von Nathalie Bissig soll nicht alleine dastehen. «Die Bilder sollen mit den Originalen in Dialog treten», sagt Bissig. So wird sie mit ihren Bildern eine Zeitung drucken, die im Frühjahr 2019 in alle Urner Haushaltungen versandt wird und dann zusammengefaltet in das Originalbuch gelegt werden kann. «Die Leute sollen das Buch wieder in die Hand nehmen und sich damit auseinandersetzen, wie es bei uns damals war und vielleicht immer noch ist.»

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