Urner Nationalrat Simon Stadler möchte kein Berufspolitiker werden

Nationalrat Simon Stadler fühlt sich wohl an seinem neuen Arbeitsort. Dennoch möchte er auch einem Nebenjob nachgehen.

Lucien Rahm
Drucken
Teilen
Simon Stadler vor seinem neuen Arbeitsort, dem Bundeshaus. Adrian Venetz (Bern, 9. März 2020)

Simon Stadler vor seinem neuen Arbeitsort, dem Bundeshaus. Adrian Venetz (Bern, 9. März 2020)

Bild:

Gut 100 Tage ist Simon Stadler nun Nationalrat des Kantons Uri. Eine und  – wegen des Coronavirus – eine halbe Session lang hat der 31-jährige CVP-Politiker bereits in Bern mitwirken können. Für ihn sei es ein «riesiges Privileg», Uri in Bundesbern vertreten zu dürfen. Die ersten Tage im Amt habe er als sehr eindrücklich empfunden. «Als ich das erste Mal ins Bundeshaus kam und zu den drei steinernen Eidgenossen hinaufschaute, wurde mir nochmals klar: Es ist wirklich wahr.» Das habe ihn zum Schmunzeln gebracht. Er fühle sich wohl im Bundeshaus, auch in der Wandelhalle, wo ein ungezwungener Umgang mit den neuen Ratskollegen herrsche.

Eigentlich hätte Stadler in der abgebrochenen Frühlingssession auch seinen ersten Vorstoss einreichen wollen. «Gegenstand wird ein Aspekt zur AHV sein», sagt Stadler. Den genauen Inhalt des Papiers, welches schon einige Ratskollegen mitunterzeichnet hätten, möchte er noch nicht öffentlich preisgeben.

Stapelweise Papier zum Amtsantritt

Nicht nur beim Mitsignieren von Vorstössen: Die Unterstützung der anderen Parlamentarier empfinde er grundsätzlich als gross. «Ich habe viele hilfsbereite Leute um mich herum.» Die «alten Hasen» zeigten einem gerne, wie die Dinge im Bundeshaus laufen würden. Er fühle sich daher «sehr wohl und gut aufgehoben» in seiner Bundeshausfraktion. Insbesondere zu Beginn sei diese Einstiegshilfe sehr nützlich. «Man erhält am Anfang stapelweise Papier, dessen Inhalt man rasch überblicken können muss. Das Wichtigste ist dabei die sofortige Triage zwischen dem Wesentlichen und dem Nicht-Wesentlichen.»

Geändert hat sich für Simon Stadler seit seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember aber nicht nur die Menge an zu bewältigenden Ratsdokumenten. «Seit den Wahlen im Oktober ist alles sehr schnell gegangen.» Ende November habe er seine Seedorfer Primarklasse abgegeben und am Montag danach begann bereits die erste Session in Bern. Augenfällig sei für ihn, wie viel mehr Post – elektronische wie physische – er seither erhalte. «Der E-Mail-Verkehr ist viel mehr geworden. Ich erhalte Briefe von Lobbyisten und Einladungen von Verbänden, bekomme aber auch Anliegen von Leuten geschildert, die ich nicht kenne.» Er verbringe dadurch einiges mehr Zeit am Computer.

Aus Teamarbeit wird Einzelkampf

Auch stellt Stadler fest, dass seine neue Arbeit, die je nachdem ein rund 60- bis 80-Prozent-Pensum umfasse, weniger im Team stattfinde. «An der Primarschule in Seedorf hatten wir ein sehr gutes Team, nun bin ich mehrheitlich ein Einzelkämpfer.» In Bern spanne man zwar auch zusammen, dies jedoch in anderer Weise.

Ebenso hat sich Stadlers Wahrnehmung des politischen Betriebs in Bern gewandelt, seitdem er selber daran teilnehmen darf. «Man kennt diese Arbeit ja sonst nur aus den Medien.» Auch gewisse Politiker würden bei ihren Fernsehauftritten teilweise ganz anders wirken, als sie eigentlich seien. «Ich erlebe sehr viele offene Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die mich sehr gut aufgenommen haben.» Dennoch gäbe es Unterschiede zu Uri, wo Stadler bis im Mai auch noch als Landrat im Amt ist. Allerdings musste er etwa der Dezembersession wegen seiner Arbeit in Bern fernbleiben.

«In Uri kennt man halt die Leute der Verwaltung, weil man mit ihnen im gleichen Sportverein ist oder es die eigenen Nachbarn sind.» In Bern müsse er sich dieses Umfeld erst wieder erarbeiten. «Und bei der Grösse des ganzen Apparates geht der Aufbau eines guten Netzwerkes natürlich länger.» Daran arbeite er jedoch intensiv.

Mit den bisherigen Erfahrungen in Bern zeigt sich Stadler, der derzeit in Altdorf im Heimbüro weilt, dennoch zufrieden. «In gewisse Dossiers konnte ich mich schon sehr gut einarbeiten.» Unter anderem sei er auch Teil der Gruppe der unter-35-jährigen Parlamentsmitglieder. Mit dieser habe man erfolgreich Einfluss nehmen können auf die Abstimmung über einen Gesetzesentwurf, der Dienstpflichtigen den Wechsel vom Militär- zum Zivildienst erschweren wollte. «Bei Entscheidungen, die knapp ausfallen werden, lässt sich oft etwas bewirken.»

Werbung für die neue Kantonsverfassung

Das habe er auch erlebt, als es um die Abstimmung über die neue Urner Kantonsverfassung ging, welche das Majorzwahlsystem im Kanton Uri auf mehr Gemeinden ausweitet. «Im Gespräch konnte ich mehrere Ratskollegen von der Verfassungsänderung überzeugen.» Durch persönlichen Kontakt mit anderen Parlamentsmitgliedern lasse sich einiges erreichen. «Gerade jetzt, wo es durch die neuen Kräfteverhältnisse oft zu knappen Abstimmungsergebnissen kommen kann.»

Gefallen findet der gelernte Maurer auch an der Arbeit in den Kommissionen. «Da kann man sich auch als Neuling vom ersten Tag an einbringen.» Er sitzt einerseits in der deutschsprachigen Redaktionskommission, welche überprüft, ob der Wortlaut neuer Gesetze dem entspricht, was entschieden worden ist. «Da gab es aber bis jetzt noch keine Sitzung.» Dieser sei er zugeteilt worden, weil er Primarlehrer war.

Bildungskommission lässt in «spannende Geschäfte» blicken

Mitgewirkt hat Stadler bereits in der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur – einer seiner Wunschkommissionen. An den Sitzungen nehme eine Fraktion jeweils in Gruppen teil. «Die Delegation der Mitte-Fraktion zählt vier Vertreter.» Diese würden sich bereits vor der Kommissionssitzung miteinander absprechen und die Geschäfte diskutieren, um sich dann koordiniert an der Sitzung einzubringen. «Thematisch ist das sehr interessant. Man kann den direkten Kontakt mit den Bundesratsmitgliedern pflegen und sieht in viele spannende Geschäfte hinein.» Den Einsitz in dieser Kommission sieht Stadler für sich als «super Start». «Mit meinem Pädagogikstudium und meinem Lehrerberuf habe ich mich in diesem Themenfeld in den letzten Jahren schon bewegt.»

Mit seinem Début in Bern ist Stadler daher soweit zufrieden. Sobald es mit dem Ratsbetrieb weitergeht, wolle er «möglichst schnell richtig reinkommen». Das sei sein Ziel für das erste Jahr der laufenden Legislatur. Dominierendes Thema seiner ersten vier Amtsjahre würden nun wohl das Coronavirus und seine Folgen sein. «Das wird uns sicher noch die nächsten zwei Jahre beschäftigen.» Weniger wichtige Geschäfte müssten jetzt warten. Was er in der restlichen Zeit der Legislaturperiode noch erreichen möchte, will er noch nicht verraten. «Wichtig ist für mich als einziger Urner Vertreter im Nationalrat insbesondere auch der Aufbau und die Pflege eines Netzwerkes – in der Fraktion, zu anderen Parteien und in der Verwaltung.»

Noch nicht ganz zufrieden ist Stadler hingegen mit seinem neuen Arbeitspensum. «Politik ist zwar eigentlich ein Open-End-Job, man kann immer noch mehr machen.» Doch er möchte sich neben seinem Amt auch noch beruflich betätigen. Die Erfahrungen aus der Berufswelt seien in der Politik sehr wertvoll. Er sagt:

«Darum sollte man schauen, dass man sich nicht von der Arbeitswelt isoliert. Auf der Arbeit lernt man die Probleme der Menschen kennen.»

Eigentlich hätte er nach der Frühlingssession schon einen zusätzlichen Job beginnen wollen. Aufgrund der Sondersession des Bundesparlaments Anfang Mai müsse er damit aber noch warten. Um was für eine Arbeitsstelle es sich dabei handelt, sei «noch nicht spruchreif», so Stadler.

Zeit für Liegengebliebenes

Bis zur Sondersession werde er nun von zu Hause aus arbeiten. «Wir diskutieren im Moment auch parteiintern, welche zentralen Fragen wir aufgrund der aktuellen Krisenlage sofort angehen müssen.» Bereiche wie beispielsweise das Unterstützungspaket für die Wirtschaft würden enorme Auswirkungen auf viele Lebensbereiche haben. Des Weiteren gehe es dabei auch um eine gründliche Analyse der Situation und die Lehren, die daraus für die Zukunft zu ziehen seien.

Die Zeit zu Hause verwendet Stadler aber auch für Dinge, die seit seiner Wahl in den Nationalrat liegen geblieben sind. «Und auch im Garten gibt es noch einiges zu tun.» Er habe die freien Tage aber auch genutzt, um älteren Leuten, die ihr Haus momentan nicht verlassen sollten, Lebensmittel einzukaufen. Bevor der Ratsbetrieb im Mai wieder stattfinden wird, wolle er dies weiterhin tun.

Hinweis: Über die ersten 100 Amtstage der neuen Urner Ständerätin Heidi Z’graggen berichten wir zu einem späteren Zeitpunkt.

Mehr zum Thema