URSERNTAL: Als im Bergtal ein Krieg tobte

Ende des 18. Jahrhunderts war der Gotthard Schauplatz eines europäischen Krieges. Die Bevölkerung im Urserntal litt besonders unter den fremden Truppen.

Martin Schaffner
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Tiefdruck von 1800: französische und russische Soldaten in der Schlacht um die Teufelsbrücke am 25. September 1799. (Bild: pd)

Tiefdruck von 1800: französische und russische Soldaten in der Schlacht um die Teufelsbrücke am 25. September 1799. (Bild: pd)

Rauchsäulen über zerstörten Häuserreihen, trümmerübersäte Strassen, Bewaffnete an Strassensperren, notdürftig versorgte Verwundete, Menschen auf der Flucht: Bilder, die der Krieg in Syrien täglich in unsere unversehrte Welt verfrachtet, die bei uns aber keine Kriegserinnerungen wecken. Doch Krieg und Zerstörung haben Generationen vor uns auch die Bevölkerungen im Reusstal und im Urserntal erfahren, und zwar Ende des 18. Jahrhunderts, als die Gotthardregion zum Schauplatz eines europäischen Krieges wurde. In den Konflikten, die im Zweiten Koalitionskrieg auch auf die Schweiz übergriffen, standen sich das revolutionäre Frankreich und die Monarchien Österreich und Russland gegenüber. Für beide Seiten war die Kontrolle über den Gotthard von strategischer Bedeutung. Zunächst besetzte im Mai 1799 eine österreichische Armee das Gotthardgebiet, doch Mitte August erkämpften französische Truppen die Kontrolle über die Pässe zurück. Darauf erhielt die russische Armee unter dem Kommando von General Alexander Suworow den Auftrag, die Franzosen aus dem zentralen Alpenraum zu vertreiben. Dies misslang ihr, obwohl die russischen Soldaten den Gotthard überqueren konnten. Während Monaten befanden sich damals Ursern und das Reusstal mitten im Kriegsgeschehen. Österreichische, russische und französische Truppen durchquerten und besetzten jeweils für mehrere Wochen das Urner Oberland und das Reusstal. Besonders stark litt die Bevölkerung des Urserntals darunter. Der Urner Historiker Werner Arnold hat die Vorgänge in einem packenden Buch beschrieben («Uri und Ursern zur Zeit der Helvetik»).

Soldaten stehlen und misshandeln

Einer, der die Ereignisse hautnah erlebte, war Franz Josef Julius Meyer (1756 bis 1820), Gastwirt von «Zu den drei Königen» in Andermatt, ein aufgeschlossener Politiker und späterer Talammann. Meyer war damals Unterstatthalter für den Bezirk Ursern und somit Vertreter der helvetischen Zentralregierung. Er stand mit der Bevölkerung und den Kommandeuren der fremden Truppen in täglichem Kontakt. Seine Berichte an die eidgenössischen Behörden lassen keinen Zweifel an den Leiden, von denen das Urserntal im Jahr 1799 heimgesucht wurde. Denn in diesem Jahr hielten sich französische, österreichische und russische Soldaten zu Tausenden im Tal auf. Der teils kürzere, teils längere Aufenthalt von so vielen Soldaten brachte die Talbevölkerung in grosse Not. Die mangelhaft versorgten Truppen beanspruchten Unterkunft und Verpflegung. Sie beschlagnahmten Nahrungsmittel, Heuvorräte und Brennholz und schlachteten das Vieh. Es kam zu Plünderungen und Diebstahl, Misshandlungen und Vergewaltigungen. Im August 1799 befanden sich rund 10 000 Mann im Tal. Meyer, der durch Verhandlungen mit den französischen Offizieren das Schlimmste zu verhindern versuchte, schrieb in einem Bericht, dass die Soldaten Häuser plünderten, Frauen schändeten, Vieh schlachteten und Leute mit Streichen misshandelten.

Menschen als Lasttiere

Weil es im Hochtal kaum Wald gab, herrschte grosser Holzmangel. Heinrich Zschokke, der Kommissar der helvetischen Regierung für den Kanton Waldstätten und Vorgesetzter Meyers, notierte: «Da es weit umher an Holz fehlte, rissen die Soldaten Ställe und Scheuren im Tal und auf den Alpen nieder, um sich vor der tödlichen Kälte zu schirmen und ihre Speisen zu kochen.» Auch die Schutzwälder wurden nicht geschont. Die Talleute mussten Lebensmittel, Waffen, Munition und Gepäck über die Pässe transportieren. Reichte die Transportkapazität nicht, wurde menschliche Arbeitskraft eingesetzt. In einem Brief an die Regierung klagte Meyer, die Talleute würden nicht als Menschen, sondern als Lasttiere behandelt, die Mehl, Brot et cetera über Schnee und Eis bis Dissentis tragen müssten. Doch damit nicht genug. Eine Maul- und Klauenseuche dezimierte den Viehbestand noch mehr, und die Menschen wurden zwischen August 1799 und April 1800 von einer Epidemie heimgesucht. In dieser katastrophalen Lage entwickelte Meyer ungeahnte Fähigkeiten. Tag und Nacht war er unterwegs, um der Talbevölkerung beizustehen. Heinrich Zschokke schrieb 1805 über ihn, dass er vielen Menschen das Leben und das Eigentum gerettet habe. Vielleicht habe die Schweiz wenige so grosse und verdienstvolle Männer.

Falsche und richtige Antwort

Die schweren Zeiten von 1799 sind im Urserntal nicht völlig vergessen. Fragt man die Urschner heute, warum ihr Tal kaum bewaldet ist, antworten sie meist: «Weil die Franzosen den Wald abgeholzt haben.» Diese Antwort ist zugleich falsch und richtig. Falsch, weil das Tal schon Jahrhunderte vorher entwaldet war, und richtig, weil in ihr die Erinnerung an die grossen Schäden hochkommt, die 1799 fremde Truppen dem Tal zufügten. Erinnerungen sind eben nie objektiv, sondern selektiv. Sonst wäre der kluge und mutige Franz Julius Meyer, Vater und Schutzgeist des hohen Bergtales von Urseren, wie Heinrich Zschokke schrieb, heute nicht weitgehend vergessen. An ihn sollten wir uns zuerst erinnern, wenn von den Franzosen von 1799 die Rede ist.