URSPRUNG: Das steckt hinter den Tätowierungen

Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen Symbole in ihre Haut stechen und somit einverleiben. In der Volksfrömmigkeit sind sehr viele Rituale und Handlungen zu finden, denen dasselbe Bedürfnis zu Grunde liegt.

Christof Hirtler
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Auf der Hand von Christian Glanzmann von Eluveitie; die letzten Worte des gallischen Fürsten Dumnorix: «Ich bin ein freier Mensch eines freien Volkes.»

Auf der Hand von Christian Glanzmann von Eluveitie; die letzten Worte des gallischen Fürsten Dumnorix: «Ich bin ein freier Mensch eines freien Volkes.»

Christof Hirtler

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Grosse Festivals in Italien, Deutschland, Tschechien, Norwegen und Japan gehören zu ihrem Programm. Vor zwei Wochen spielte die Schweizer Folk-Metal-Band Eluveitie (zu Deutsch: Helvetier) in etwas kleinerem Rahmen am Open Air Rüchä Rock in Unterschächen. Die Band kombiniert Elemente aus der irisch-keltischen Folkmusik mit Metal-Sound. Die Texte orientieren sich an der Geschichte und der Spiritualität des keltischen Stammes der Helvetier und sind teilweise in Gallisch geschrieben.

Christian Glanzmann ist der Kopf der 2002 in Winterthur gegründeten Band. «Mit der keltischen Kultur befasse ich mich seit Jahren», sagt Glanzmann. «Besonders fasziniert mich ihr Naturglauben – die intensive Verbundenheit mit der Natur, die Symbiose des Menschen zu allem, was lebt, zu den Tieren, zu den Pflanzen.» Die Menschen seien ein winziger Teil der Natur. «Das ist unser Element, unser Daheim. Aus dem wir sind und zu dem wir gehören.»

Römer machen Propaganda gegen die Kelten

Christian Glanzmann orientiert sich an den aktuellsten Forschungsarbeiten über die Kelten. «Es gibt jedoch nur wenige gesicherte Belege aus der Zeit vor der Christianisierung», weiss er. Diese wurden von Römern und Griechen geschrieben. Um diese Berichte einzustufen, brauche es aber Informationen über den Autor. Denn oft machten die Römer Propaganda und schufen Feindbilder, indem sie die Kelten als Barbaren darstellten. «Die Druiden, die keltischen Priesterinnen und Priester, haben die Mythologie in Versform und Lieder auswendig gekannt, sie aber nicht schriftlich aufgezeichnet», sagt Glanzmann. «Damit konnte ihre Spiritualität nie zum Dogma werden.»

Was bei Christian Glanzmann ins Auge sticht, sind die keltischen Symbole, die er sich auf Arme und Hände tätowieren lassen hat. Auf seinem rechten Unterarm hat der Sänger ein keltisches Symbol stechen lassen: den Hirschgott Cerunnos. Er gilt als Herr der Tiere, der Naturkräfte, des Waldes, der Fruchtbarkeit und des Wachstums. «Die Tätowierungen sind für mich Schmuck und Ausdruck der Wertschätzung gegenüber der keltischen Kultur.» Auf seiner linken Hand sind die letzten Worte des gallischen Fürsten Dumnorix zu lesen, der 54 vor Christus unter Caesar von römischen Reitern hingerichtet wurde: «Ich bin ein freier Mensch eines freien Volkes.» Die rechte Handfläche wird von einer Triskele geziert: drei verbundene Spiralen von Newgrange, Irland, die rund 3200 vor Christus datiert werden.

Tätowierungen sind ein globales Phänomen und lassen sich in allen Weltgegenden nachweisen. Der 5300 Jahre alte Körper des Steinzeitmenschen Ötzi weist über 50 Tätowierungen auf. Maya, Inuit, Maori oder Ägypter kannten Tätowierungen. Frühchristen liessen sich «I.N.» (Jesus Nazarenius) oder Symbole des Christentums wie das Lamm, ein Kreuz oder einen Fisch auf die Stirn oder das Handgelenk stechen. Besonders hoch entwickelt waren die Irezumi-­Tattoos, die schmückende Tätowierung in Japan im 18. Jahrhundert. Typische Motive waren Drachen, Tiger, Leoparden oder Kirschblüten. Bis 1890 wurden in Bosnien katholische Mädchen tätowiert, um einen Übertritt zum Islam zu verhindern. Totenköpfe sind eines der meistgestochenen Motive aller Zeiten. Damit signalisierten in russischen Gefängnissen die Träger, dass sie einen Mord begangen hatten. Hells Angels, Seeleute oder Fremdenlegionäre nutzen bis heute Tätowierungen als Zeichen der Zusammengehörigkeit. In den 1980er-Jahren entwickelte sich ein Trend zu Tattoos und Piercings, zuerst als Zeichen des Protests in der Punkbewegung.

Symbol soll sich im Körper ausbreiten

Den Tätowierungen zu Grunde liegt der Vorgang, dass dem Menschen Symbole einverleibt werden. Die Bedeutung eines Symbols soll sich demnach im Träger ausbreiten. Auf der Internetseite Tattoo-Spirit.de wird dieser Vorgang beschrieben: Adler oder Bären sind demnach ein Symbol für Stärke, Macht, Stolz und Kühnheit. Ein Kreuz mit Namenszug soll die Person schützen, wogegen ein Fuchs dem Tätowierten Schlauheit bringen soll und ein Hufeisen Glück.

In der Volksfrömmigkeit ging man dieser Vorstellung nicht nur mit Tätowierungen nach. Schutz und Stärke sollten auch durch das Tragen von Schulterkleidern, sogenannten Skapulieren, herbeigeführt werden. Sie wurden unter den Kleidern auf blossem Leib getragen. Das Skapulier besteht aus zwei durch Bänder verbundene kleine Säcke, wovon der eine auf der Brust, der andere auf dem Rücken aufliegt. Die beiden Teile sind aus viereckig geschnittenen und aufeinandergenähten Wollstofflappen zusammengesetzt. Auf diesen sind Marienbilder oder Segensformeln aufgenäht oder aufgedruckt. Dem Skapulier wurde unmittelbare Amulettwirkung zugeschrieben. Es sollte gegen Krankheiten und Blitz, gegen Hexen, Gespenster und anderes Teufelswerk schützen.

Ähnliche Funktionen und Eigenschaften wurden dem Breverl zugeschrieben. Die taschenförmigen Amulette enthielten geweihte Dinge wie Berührungsreliquien, Faltzettel mit Heiligenbildchen, Pflanzen, Wachs oder Medaillons. Diese Breverl kamen aus Bayern oder Österreich. Das Wort wurde von dort übernommen. Sie werden auch Schutzbrief genannt. In der Innerschweiz nennt man die grösseren Exemplare Zahnwehkissen, die kleineren Agnus Dei. Bei Krankheiten berührte man die schmerzende Stelle mit Zahnweh­kissen. Die kleineren wurden in die Unterwäsche oder in die Kleider eingenäht. Sie versprachen Schutz gegen dämonische Einflüsse, Hexenwerk und «gegen die Macht».

Symbole einzuverleiben, war aber im Aberglauben auch über das Essen von Bildern möglich. Es war eine Art Opferhandlung. Man glaubte, die Nahrung verändere und beeinflusse die Menschen. Man stellte sich vor, dass man sich mit der Nahrung die Eigenschaften der betreffenden Tiere oder Pflanzen aneignen würde. So machte Fleisch von starken Tieren mutig, jenes von flinken Tieren schnell und Fuchsfleisch listig. Ein gekochtes Lerchenei gab man den Kindern, um gute Sänger aus ihnen zu machen. Und jenen, die nicht viel redeten, verbot man, Fische zu essen.

Schluckbilder gab es auch in Einsiedeln

Mit dem Essen wurden auch magische Zauberformeln einverleibt. Man schrieb sie auf Zettel, Äpfel und Butterbrote und ass damit die «Meldung». Gegen Fieber und andere innere Krankheiten verschluckte man kleine Bildchen von Heiligen, die früher an vielen Wallfahrtsorten gekauft werden konnten. Auch in Einsiedeln wurden solche Schluckbilder gedruckt. Dem Vieh wurden solche Bilder unter das Futter gemischt.

Die Schriften des Kirchenlehrers Augustinus (gestorben im Jahr 430) bildeten eine der Hauptgrundlagen der mittelalterlichen Theologie. Er berichtet auch, wie Erde vom heiligen Grab in Jerusalem Dämonen vertreibt und wunderbare Heilung bewirkt. Nach seiner Darstellung bringt selbst das kleinste Steinteilchen von einem der heiligen Orte Heil und Segen. Dieser Glaube übertrug sich im Volk bald auch auf alle Märtyrergräber. Später wurde heilige Erde in Formen gepresst. Auch hohle Kreuze wurden mit dieser Masse gefüllt. Die heilige Erde wurde von den Pilgern nach Hause genommen. In der Not konnte man kleine Partikel abschaben und dem Essen oder einem Getränk beimischen. Daraus entwickelte sich der Brauch, Gnadenbilder in Ton nachzubilden. Dabei verknüpfte sich der Glaube an die Heilung durch das Gnadenbild mit der Heilkraft der «Erdkommunion». An vielen Wallfahrtsorten wurden die Gnadenbilder in Ton gegossen. In Einsiedeln war es die Gnadenmutter. Ein solches Figürchen nennt man Schabmadonna. Bei Krankheiten konnte man sich durch Abschaben und Essen des Tones die heilende Wirkung «einverleiben».

Hinweis

In loser Folge stellt Autor und Fotograf Christof Hirtler in unserer Zeitung Brauchtümer der Region vor. Die Hintergrundinformationen stammen aus dem Buch «Geister, Bann und Herrgottswinkel», bei dem Hirtler als Co-Autor mitschrieb und das im September in einer überarbeiteten Zweitauflage erscheint.