Velofahrer trotzen auf dem Weg nach Andermatt Regen, Wind und Kälte

Wegen der knallharten Bedingungen konnten bei «Chasing Cancellara» selbst die Besten die Marschtabelle bei weitem nicht einhalten.

Urs Hanhart
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Raphael Addy (links) und Marcel Wyss treffen als Erste in Andermatt ein.

Raphael Addy (links) und Marcel Wyss treffen als Erste in Andermatt ein.

Bild: Urs Hanhart (Andermatt, 3. Juli 2020)

Rund 160 Radsportler und rund 140 Fahrer in Zweierteams stellten sich am Freitag einer speziellen Herausforderung. Sie bestritten im Rahmen von «Chasing Cancellara» ein Eintagesrennen von Bern nach Andermatt über 200 Kilometer. Die Strecke führte nicht auf dem direktesten Weg in die Urschner Metropole, sondern sie beinhaltete die drei Passriesen Grimsel, Nufenen und Gotthard. Zu bewältigen gab es nicht weniger als 5500 Höhenmeter.

Aufgrund der Corona-Schutzvorgaben war bei diesem Velorennen vieles anders als sonst bei Radsportveranstaltungen gewohnt. So mussten die Teilnehmer zwischen 4 und 5 Uhr in der Früh in der Bundeshauptstadt alle gestaffelt starten. Zudem war das Windschattenfahren verboten. Erschwerend hinzu kamen noch die überaus widrigen Wetterbedingungen mit Regen, Wind, Nebel und für die Jahreszeit viel zu tiefen Temperaturen. Auf den Passübergängen lagen die Werte nur wenig über dem Gefrierpunkt, womit die Abfahrten für die meisten im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Zitterpartie avancierten.

Wenige Sonnenstrahlen als Highlight

Auf der neuen Piazza in Andermatt, wo sich die Zielanlage befand, sollten die ersten Rennfahrer gemäss Marschtabelle um etwa 10.30 Uhr eintreffen. Aber zu diesem Zeitpunkt herrschte dort gleich in doppeltem Sinne noch gähnende Leere. Zugegen waren nur ganz wenige Zuschauer und die Spitze des Feldes befand sich erst in der Tremola im Aufstieg zum Gotthardpass, wo sie mit extremen Gegenwindverhältnissen zu kämpfen hatte.

Tagessieger Marcel Wyss bei einem Interview

Tagessieger Marcel Wyss bei einem Interview

Bild: Urs Hanhart (Andermatt, 3. Juli 2020)

Erst um 11.42 Uhr hatte das lange Warten auf die Schnellsten ein Ende. Der ehemalige Radprofi Marcel Wyss und der Westschweizer Raphael Addy überquerten die Ziellinie nach fast siebenstündiger Plackerei gemeinsam. Weil Wyss etwas später gestartet war, holte er sich mit etwas mehr als 1 Minute Vorsprung den Tagessieg. Er hatte die Strecke mit einem Stundenmittel von 29,5 Kilometern bewältigt. «Heute war es fast durchgehend sehr kalt. Einzig ab Gletsch bis zum Nufenen konnten wir einige Sonnenstrahlen geniessen. Das war gleichzeitig das absolute Highlight für mich auf der heutigen Tour. Genossen habe ich auch die Fahrt durch meinen Wohnort Münsigen kurz nach dem Start», bilanzierte Wyss nach dem ersten Luftholen.

Der Berner hat als Radprofi viel erlebt. Zur Strecke Bern-Andermatt sagte er: «Die hat es wirklich in sich und würde als Tour-de-Suisse-Etappe auch den Profis alles abverlangen. Heute war es aufgrund der garstigen Bedingungen und des Windschattenverbots ganz besonders hart.»

Für alle Finisher liegt eine Medaille bereit

Für alle Finisher liegt eine Medaille bereit

Bild: Urs Hanhart (Andermatt, 3. Juli 2020)

Auf die sonst bei solchen Events obligate Siegerehrung wurde wegen der Coronavorgaben verzichtet. Alle, die den Wettkampf beendeten, erhielten eine hochverdiente Finisher-Medaille umgehängt und obendrein von «Stiär Biär»-Geschäftsführer Urs Wagner eine Flasche Urner Gerstensaft. Nach Wyss und Addy trudelten die Fahrer nur tröpfchenweise mit teils sehr grossen Abständen im Zielbereich ein. Lediglich 13 Akteure schafften es, den Rückstand auf den Tagesbesten unter einer Stunde zu halten.

Jeder Finisher erhält von "Stiär Biär"-Geschäftsführer Urs Wagner eine Flasche Urner Gerstensaft.

Jeder Finisher erhält von "Stiär Biär"-Geschäftsführer Urs Wagner eine Flasche Urner Gerstensaft.

Bild: Urs Hanhart (Andermatt, 3. Juli 2020)

Ein wertvoller Event für Andermatt

Unter den wenigen Zaungästen auf der mit vielen Werbeplakaten der «Chasing Cancellara»-Sponsoren versehenen Piazza befand sich auch der Andermatter Tourismusdirektor Thomas Christen. Er zeigte sich beeindruckt von den Leistungen der Radsportler. Zum Event selber meinte er: «Wir sind momentan froh um jeden Anlass, der durchgeführt werden kann. Andermatt ist eine Velodestination und dementsprechend ist eine solche Radsportveranstaltung sehr gute Werbung für unsere Region. Die Verknüpfung von Andermatt mit der Radsport-Legende Fabian Cancellara ist natürlich sehr positiv. Dem lokalen OK mit Roman Barmettler an der Spitze gebührt ein grosses Lob. Es hat heute einen super Job gemacht.»

Apropos Fabian Cancellara: Der Doppelolympiasieger im Zeitfahren fuhr wie gewohnt bei diesem von ihm initiierten Breitensportevent selber mit. Er radelte zusammen mit Philipp Ramseyer in der Team-Kategorie und belegt dort den 15. Platz. Cancellara benötigte für die 200 Kilometer rund anderthalb Stunden länger als Tagessieger Wyss.

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