Verdingkinder in Uri: Forscherinnen untersuchen düsteres Kapitel der Urner Geschichte

Seit Februar erforschen zwei Historikerinnen der ZHAW die Geschichte der Verdingkinder im Kanton Uri. Erste Erkenntnisse gibt es bereits, der komplette Bericht soll in zwei Jahren erscheinen.

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Ein Projektteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und des Historischen Vereins Uri (HVU) erforscht seit Februar einen dunklen Teil der Urner Vergangenheit. Dies geht aus einer Mitteilung des HVU hervor. Bis weit in die 1970er-Jahre wurden nämlich auch in Uri Kinder verdingt und zwangsversorgt. Diese sogenannten «fürsorgerische Zwangsmassnahmen» verurteilt die heutige Schweiz, waren aber zu jener Zeit gang und gäbe.

Susanne Businger (links) und Nadja Ramsauer. Die beiden Historikerinnen führen die Studie im Auftrag des HVU durch.

Susanne Businger (links) und Nadja Ramsauer. Die beiden Historikerinnen führen die Studie im Auftrag des HVU durch.

Bild: PD

Weil das Ausmass der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton Uri noch weitgehend unbekannt ist, haben nun die beiden ZHAW-Forscherinnen Nadja Ramsauer und Susanne Businger ihre Forschungsarbeit aufgenommen. Beide Wissenschafterinnen verfügen gemäss Mitteilung über «ausgezeichnete Qualifikationen im Fachbereich» und haben bereits Bücher zum Thema veröffentlicht. Die ehemalige Geschichtsstudentin Chiara Gisler ergänzt das Forschungsteam.

Uneheliche Kinder wurden häufig fremdplatziert

Wie aus der Meldung weiter hervorgeht, wurde im März die Vorstudie abgeschlossen. Diese zeige auf, dass sich viele Versorgungen von Jugendlichen und Erwachsenen auf das Urner Armengesetz stützten. Dieses trat 1897 in Kraft und sah Massnahmen bei «Arbeitsscheu, Trunksucht, Liederlichkeit und Verschwendung» vor. Da Uri über keine eigenen Anstalten verfügte, regelte der Kanton die Versorgungen über Konkordate, beispielsweise mit der Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach im Kanton Schwyz oder dem luzernerischen Sedel. Das Schweizerische Zivilgesetzbuch (ZGB) ergänzte ab 1912 dann das Urner Armengesetz und regelte unter anderem die Fremdplatzierung oder den Entzug der elterlichen Gewalt. Gemäss ersten Erkenntnissen hätten die Behörden häufig uneheliche Kinder bevormundet und fremdplatziert.

Durch die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen setzt der Kanton Uri gemäss Mitteilung ein «wichtiges Zeichen für die Anerkennung der Opfer». Der Kanton Uri, die Dätwyler-Stiftung, die Otto Gamma-Stiftung sowie der HVU publizieren die Resultate der Studie im Sommer 2022 als Ausgabe des Historischen Neujahrsblattes.