VERFÜGUNG: Urteil erst in anderthalb Jahren?

Ignaz Walker ist auf freiem Fuss, aber seine Bewegungsfreiheit ist relativ stark eingeschränkt. Erfüllt er die Auflagen des Gerichts nicht, droht erneute Haft.

Bruno Arnold
Drucken
Teilen
Ignaz Walker (hinten, links) stand nach seiner Haftentlassung den Medien Red und Antwort. (Bild Pius Amrein)

Ignaz Walker (hinten, links) stand nach seiner Haftentlassung den Medien Red und Antwort. (Bild Pius Amrein)

Bruno Arnold (Text) und Sarah Weissmann (Interview)

Ignaz Walker ist seit gestern auf freiem Fuss – vorläufig. Die Verfahrensleitung des Berufungsgerichts, das heisst der Vizepräsident und Leiter der strafrechtlichen Abteilung des Obergerichts Uri, Thomas Dillier, hat das Haftentlassungsgesuch des 47-jährigen Erstfelders gutgeheissen. Der Entscheid ist zwar anfechtbar, aber ohne aufschiebende Wirkung. «Die Staatsanwaltschaft hat den Entscheid der Verfahrensleitung des Obergerichts erhalten und prüft nun, ob sie diesen mit einer Beschwerde an das Bundesgericht anfechten wird», sagte Oberstaatsanwalt Thomas Imholz gestern auf Anfrage.

Ersatzmassnahmen verfügt

Die Verfahrensleitung hat die Haftentlassung allerdings mit Ersatzmassnahmen verbunden:

  • Gegen Ignaz Walker, der zurzeit keinen gültigen Reisepass und keine gültige ID besitzt, wird eine Ausweis- und Schriftensperre ausgesprochen. Das heisst: Es wird verhindert, dass er gültige Ausweispapiere beschaffen kann.
  • Er darf die Schweiz nicht verlassen.
  • Ihm ist es verboten, Kontakte mit den Parteien und anderen Personen zu pflegen, die an seinem Verfahren beteiligt sind. Dazu gehören unter anderem geschädigte Personen oder Personen, die Anzeige erstattet haben, Zeugen, Auskunftspersonen und Sachverständige, aber auch mögliche neue Auskunftspersonen oder Zeugen.

Es war Walkers vierter Anlauf

Mit diesen Massnahmen wird Walkers Bewegungsfreiheit relativ stark eingeschränkt. Zudem kann das Gericht die Ersatzmassnahmen jederzeit widerrufen, andere Ersatzmassnahmen oder die Untersuchungs- oder Sicherheitshaft anordnen, wenn neue Umstände dies erfordern oder der ehemalige Erstfelder Barbetreiber die Auflagen nicht erfüllt.

Im vierten Anlauf hat es also geklappt: Dreimal war Walker zuvor mit seinen Haftentlassungsgesuchen abgeblitzt: im November 2010, im März 2011 und im Januar 2013. Die Ablehnung wurde jeweils entweder mit dringendem Tatverdacht oder vor allem mit Kollusions- und/oder Fluchtgefahr begründet. Gemäss Obergericht Uri sind diese besonderen Gründe nun aber nicht mehr verhältnismässig, um die Sicherheitshaft zu verlängern.

Mildere Bestrafung möglich

Zur Fluchtgefahr: «Eine Flucht ist möglich, aber nicht besonders wahrscheinlich», heisst es in der Verfügung des Obergerichts Uri. Walker könne – auch weil das Bundesgericht das Urteil des Obergerichts gerügt habe – auf eine mildere Bestrafung hoffen. Die Fluchtgefahr sei somit im Vergleich zum letzten Haftentscheid von 2013 erheblich geringer einzustufen, die Fortsetzung der Sicherheitshaft deshalb nicht mehr verhältnismässig. Die Fluchtgefahr werde aber auch dadurch verringert, dass die bereits abgesessene Untersuchungs- und Sicherheitshaft von vier Jahren und zwei Monaten angerechnet würde. Zudem sei das Risiko einer erfolglosen Flucht in der heutigen stark überwachten Welt gross, zumal Walker auch keine gültigen Ausweispapiere besitze. Und schliesslich würde ein Fluchtversuch Walkers Prozesschancen und Glaubwürdigkeit beeinträchtigen.

Kollusionsgefahr ist gering

Zur Kollusionsgefahr: Für die Verfahrensleitung besteht eine solche nur noch in geringem Masse. Nach so langer Zeit seien die Einflussmöglichkeiten auf Beweismittel sehr beschränkt. «Die grösste Gefahr besteht wohl darin, dass Parteien, Auskunftspersonen, Zeugen oder andere Verfahrensbeteiligte beeinflusst werden könnten», heisst es in der Verfügung. Mit dem Kontaktverbot könne diese Gefahr aber verringert werden.

Im Weiteren habe man bei der Beurteilung des Haftentlassungsbegehrens auch die ungefähre Dauer bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Urteils mit einbezogen. «Es ist nicht unrealistisch, dass ein solches erst in 14 bis 18 Monaten vorliegen wird», hält die Verfahrensleitung fest. Anders gesagt: Zuerst wird jetzt das Obergericht den Fall neu beurteilen. Dass auch dieses Urteil wieder ans Bundesgericht weitergezogen wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Bei einem zeitlich vergleichbaren Verfahren könnte es somit noch bis zu anderthalb Jahre dauern, bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Wäre Walkers Gesuch abgelehnt worden, hätte dies zu einer Gesamtdauer der Untersuchungs- und Sicherheitshaft von knapp sechs Jahren führen können. Gemäss dem Verbot der Überhaft darf die Haftdauer aber nicht in die Nähe der zu erwartenden Freiheitsstrafe rücken.

«Ich gehe nicht in den Kanton Uri zurück»

Haftentlassung. Es schneit und ist eisig kalt. Stundenlang warten mehrere Medienleute vor dem Gefängnis Grosshof in Kriens. Um 11 Uhr ist es so weit: Die Tür der Haftanstalt öffnet sich, und Ignaz Walker, gekleidet in einen schwarzen Anzug mit weissem Hemd, ist in Freiheit – vorläufig.

Fall liegt beim Obergericht Uri

Seit dem 12. November 2010 sass er in Haft, zwei Jahre davon ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt. 2012 wurde der heute 47-jährige Erstfelder vom Landgericht Uri wegen Gefährdung des Lebens und versuchten Mordes in Mittäterschaft zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Im September 2013 blitzte Walker mit seiner Berufung vor dem Obergericht Uri ab. Dieses brummte ihm wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchten ­Mordes in Mittäterschaft 15 Jahre Freiheitsstrafe auf. Im Dezember 2014 hat das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gutgeheissen, das Urteil aufgehoben und den Fall zur Neubeurteilung an das Obergericht Uri zurückgeschickt.

Im Interview vor dem Gefängnis in Kriens, direkt nach seiner Entlassung, erzählt Walker, wie es ihm geht, wie er die Haft erlebt hat und was er nun als Erstes macht.

Ignaz Walker, vier Jahre waren Sie in Haft. Wie geht es Ihnen jetzt?

Ignaz Walker: 1551 Tage und 11 Stunden habe ich auf diesen Tag gewartet. Es ist, als würde ich aus einem Albtraum erwachen.

Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis erlebt?

Walker: Die emotionale Belastung in der Haft war sehr schwierig. Ich muss jetzt schauen, dass ich Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinde.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie entlassen werden?

Walker: Heute (Donnerstag; Anm. d. Red.) Morgen um 9 Uhr. Mein Betreuer hat es mir gesagt.

War Ihnen immer klar, dass Sie frühzeitig aus dem Gefängnis kommen?

Walker: Ich habe es natürlich gehofft. Aber durch die Presse wurden meine Zweifel immer grösser. (Walkers Anwalt Linus Jaeggi schaltet sich ein und sagt: «Der Jurist in mir hat gesagt, dass es so kommen wird. Aber nach dem, was ich während der letzten Jahre mit den Behörden erlebt habe, zitterte auch ich bis zum letzten Moment.»)

Während Ihrer Zeit im Gefängnis sind Sie erneut Vater geworden.

Walker: Bei diesem Thema muss ich fast zu weinen anfangen. Ich wurde nicht nur Papa. Auch mein eigener Vater ist während dieser Zeit gestorben. Das war sehr hart für mich.

Was machen Sie jetzt?

Walker: Das möchte ich der Öffentlichkeit nicht bekannt geben. Aber so viel kann ich sagen: Ich werde sicher nicht zurück in den Kanton Uri gehen. (Sein Anwalt ergänzt: «Das alles ist gerade so emotional, wir werden jetzt zuerst einmal gemeinsam ein Bier trinken ­gehen.»)

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?

Walker: Ich hatte lange genug Zeit, mir Gedanken darüber zu machen. Ja, ich habe Pläne. Aber primär muss ich jetzt schauen, dass ich mit dem Leben wieder klarkomme.

Wie geht es für Sie beruflich weiter?

Walker: Das weiss ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Man wird vom einen auf den anderen Moment entlassen und ist wieder in Freiheit. Das ist im Moment noch sehr emotional.

Vor Ihrer Haft haben Sie eine Bar betrieben. Gehört Ihnen diese noch?

Walker: Ich möchte dazu nichts sagen.

Sie haben auch mal als Taxifahrer gearbeitet. Wäre das eine Option?

Walker: Ich habe kein Arbeitsverbot auferlegt bekommen, kann also wieder einer Arbeit nachgehen. Aber ich muss jetzt wirklich zuerst schauen, wie es in der Freiheit weitergeht.

Sie haben Auflagen zu erfüllen. So wurde etwa eine Ausweis- und Schriftensperre ausgesprochen, Sie dürfen die Schweiz nicht verlassen. Was bedeutet das für Sie?

Walker: Ich habe die Auflagen noch gar nicht lesen können. Sie wissen da mehr als ich. (Sein Anwalt ergänzt: «Die Auflagen sind nichts Aussergewöhnliches. Ich kann Ihnen versichern: Er wird sich daran halten.»)

Wie geht es nun bezüglich des Strafverfahrens weiter?

Walker: Auch das weiss ich nicht. Meine Informationen habe ich alle aus der Presse. Ich bin sehr gespannt auf die nächste Verhandlung und hoffe, dass sie positiv verlaufen wird. (Sein Anwalt ergänzt: «Das Verfahren kann jetzt in Ruhe angegangen und die Sachlage neu und dieses Mal hoffentlich sorgfältig beurteilt werden.»)