Gleichstellung: Frauen sollen «Verhandlungsgeschick aufbessern»

Eveline Lüönd setzt sich im Kanton für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Im Gespräch geht sie auf die wichtigsten Fragen ein.

Christian Tschümperlin
Drucken
Teilen
Eveline Lüönd ist überzeugt, dass es bei der Gleichstellung noch viel zu tun gibt.

Eveline Lüönd ist überzeugt, dass es bei der Gleichstellung noch viel zu tun gibt.

Bild: Christian Tschümperlin (Altdorf, 21. Februar 2020)

Heute Samstag findet in der Schweiz der «Equal Pay Day» statt. Das Datum ist nicht zufällig gewählt: Über das Jahr gesehen arbeiten Frauen durchschnittlich bis am 22. Februar gratis, wenn man die Lohnunterschiede berücksichtigt. Ziel der Kampagne ist es, auf die Lohnschere zwischen Männern und Frauen hinzuweisen. Doch die Frage der Gleichstellung geht über dieses Thema hinaus, wie bei einem Gespräch mit Eveline Lüönd, Co-Präsidentin der regierungsrätlichen Gleichstellungskommission, klar wird. Zusammen mit dem Frauenbund Uri und den Business Professional Women Uri organisiert sie ehrenamtlich einen Aktionstag. Neben der Lohnungleichheit befasst sich die Gleichstellungskommission mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie mit der Altersvorsorge.

«Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht es nicht nur um Mann und Frau, sondern um eine Benachteiligung der ganzen Familie», sagt Lüönd. Um diese zu überwinden, schlägt sie Lösungen wie die Teilzeitarbeit, das Homeoffice oder bezahlbare Kinderbetreuung vor.

Altersvorsorge braucht ein Facelifting

Die Altersvorsorge ist ein Thema, für das sich Eveline Lüönd ebenfalls interessiert. «In der beruflichen Vorsorge beispielsweise, besteht bei den Leistungen teilweise ein Gefälle von 60 Prozent zwischen Männern und Frauen», sagt sie. Grund dafür seien die unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Frauen und Männern.

«Wegen der oft kürzeren Dauer und des geringen Umfangs der Erwerbstätigkeit von Frauen, haben diese deshalb entsprechend viel tiefere individuelle Vorsorgeleistungen als die Männer.» Dieses System sei auf vergangene Lebensentwürfe ausgerichtet und müsse angepasst werden.

Aktuell hat die Gleichstellungsbewegung aber vor allem die zu grossen Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen auf dem Radar. «Es geht um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Da haben wir keinen Gleichstand», stellt Lüönd klar.

Aufgabe der Gleichstellungskommission ist es, den Regierungsrat zu beraten und die Öffentlichkeit aufzuklären. 2018 publizierte die Kommission einen Bericht, der die Lohnungleichheit bei kantonsnahen Unternehmen unter die Lupe nahm. «Das Resultat war, dass es keine alarmierenden Lohnungleichheiten gibt.» Im privaten Umfeld hat Lüönd aber auch schon vernommen, dass einige Unternehmen im Kanton Uri Mann und Frau in Lohnfragen nicht gleichstellen.

Den Fehler im System sieht sie bei der fehlenden Lohntransparenz. Eine solche könnte, vor allem in mittelgrossen und grossen Unternehmen, unter Einhaltung des Datenschutzes hergestellt werden. «Eine Möglichkeit wäre es, die Lohntabellen anonym zu veröffentlichen, etwa geordnet nach Funktion, Erfahrung und Geschlecht», sagt sie. Und was ist, wenn jemand unabhängig von Funktion und Erfahrung einfach kompetenter ist? «Wenn man ein Leistungslohnsystem fährt, hat man transparente Kriterien und kann so argumentieren.»

Lüönd verortet die Gründe für die fehlende Gleichstellung von Mann und Frau bei der Mentalität der Leute. «Das hat mit einer tiefen Verwurzelung von konservativen Rollenmodellen zu tun», sagt sie. Sie spricht das patriarchale Ernährerbild an. Frauen, einmal in der Familiensituation, würden sich oft auch mit einem tieferen Lohn zufriedengeben. Das sei falsch. «Ich sehe es so, dass jeder Mensch eigenverantwortlich unterwegs ist auf dieser Welt und der Marktwert für geleistete Arbeit unabhängig davon ist, wie viel Lohn der Partner oder die Partnerin heimträgt.» Das müsse man von Männern und Frauen einfordern. Lüönd verweist auf eine Studie von Marianne Aepli, in der diese festgestellt hat, dass Männer viermal häufiger nach einer Lohnerhöhung fragen und dass sie im Schnitt ein um 30 Prozent höheres Salär verlangen. «Das weibliche Geschlecht muss ihr Verhandlungsgeschick aufbessern», sagt sie.

Lüönd ist überzeugt, dass sich die Mentalität wandeln muss. Denn: Der Einfluss des Gesetzgebers ist laut Lüönd begrenzt. Sie zieht den Vergleich zur Antirassismusstrafnorm. «Das Gesetz gibt nur eine gewünschte Norm vor. Der Aufwand, um eine Gesetzeswidrigkeit einzuklagen, ist allerdings hoch.» Dabei denkt sie etwa an den Umstand, dass man sich einen Anwalt nehmen und den Arbeitgeber vor Gericht ziehen müsste.

Es gibt ungleiche Guetzli

Den Urner Frauen schenken die Gleichstellungskämpferinnen am 4. März ein Input-Referat zum Thema gewinnbringende Lohnverhandlungen, Grusswort von alt Nationalrätin Gabi Huber inklusive. Und zum heutigen Tag? «Wir betreiben einen Stand auf dem Unterlehn und verteilen Lohnguetzli. Für die Männer gibt es die grösseren Stücke als für die Frauen.» Dies soll Diskussionen anregen. Zudem geben die Urner Bäckereien an dem Tag Säcke mit einem Logo vom «Equal Pay Day» ab. Ein Statement der Urner Bäckereien für Lohngleichheit.