VERKEHR: Beste Autofahrer: «Studie stimmt wohl nicht ganz»

Laut Axa Winterthur sind die Urner die besten Autofahrer. Polizeikommandant Oliver Schürch und Fahrlehrer Franz Imholz relativieren allerdings die Aussagekraft der Studie.

Jessica Bamford
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Gemäss der Studie von Axa Winterthur sind Urner die besten Autofahrer. Im Bild: Strassenverkehr in Altdorf. (Bild: Urs Hanhart)

Gemäss der Studie von Axa Winterthur sind Urner die besten Autofahrer. Im Bild: Strassenverkehr in Altdorf. (Bild: Urs Hanhart)

Jessica Bamford

jessica.bamford@urnerzeitung.ch

Urner Autofahrer verursachen schweizweit am wenigsten Kollisionsunfälle. Genauer gesagt sind es 25 Prozent weniger als im schweizerischen Durchschnitt. Zu diesem Resultat kommt die Axa Winterthur aufgrund ihrer Auswertung der gemeldeten Schäden in den vergangenen fünf Jahren, und zwar im Verhältnis zur Verkehrsfrequenz im jeweiligen Kanton (siehe unsere Zeitung vom 15. Dezember).

Der Chef der Urner Bereitschafts- und Verkehrspolizei Uri, Oliver Schürch, misst der Untersuchung allerdings relativ wenig Gewicht bei. Wichtige Aspekte wurden seiner Meinung nach nicht beachtet. So etwa die Heftigkeit der Unfälle. «Das ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt, wenn es um Unfälle geht», betont Schürch. «Ein Unfall mit mehreren Toten ruft nach mehr Massnahmen als ein Blechschaden.» Trotzdem sei es erfreulich, dass die Urner die «besten» Autofahrer der Schweiz seien.

2016 wurden im Kanton pro Woche durchschnittlich sieben Verkehrsunfälle registriert. Rund ein Drittel war auf mangelnde Aufmerksamkeit des Lenkers zurückzuführen, rund 10 Prozent auf zu hohe Geschwindigkeit.

Routine der Urner wirkt sich positiv aus

Die möglichen Gründe für die vergleichsweise niedrige Anzahl Kollisionsunfälle im Kanton Uri sind in der Untersuchung der Axa nicht aufgeführt. Fahrlehrer Franz Imholz aus Spiringen versucht sich mit einer Erklärung: Als Erstes lobt er die Mentalität der Urner. «Sie sind sehr zurückhaltend. Das zeigt sich auch in ihrem Fahrstil.» Hilfreich sei sicher auch, dass Uri ein ländlicher Kanton ist. «Es hat hier praktisch keine komplizierten Verzweigungen, wie sie etwa in Luzern anzutreffen sind», stellt Imholz fest. «Dadurch ist das Unfallrisiko viel kleiner.» Als weiteren wichtigen Aspekt sieht er die Fahrroutine der Urner. «Die meisten Leute benutzen hierzulande ihr Auto relativ viel, weil der öffentliche Verkehr nicht derart gut ausgebaut ist wie in städtischeren Regionen», so der 61-jährige Fahrlehrer. «Die Routine der Urner Automobilisten ist sicher hilfreich», glaubt Imholz. Ausserdem würden sich die meisten Autofahrer im Kanton gut auskennen und hätten deshalb weniger Probleme, sich zu orientieren. Als letzten Grund führt er an, dass die wenigsten Urner ein Auto mieten. «So wird nicht jeder noch so kleine Schaden gemeldet, weshalb die Anzahl Kollisionen in der Axa-Unfallstatistik wahrscheinlich auch nicht ganz stimmt.»

In der Schweiz bewegt sich die Verkehrssicherheit auf einem sehr hohen Niveau. In diesem Punkt sind sich der Fahrlehrer und der oberste Verkehrspolizist einig. Obwohl sich diese gemäss Imholz in absehbarer Zeit wieder verschlechtern könnte – wegen des neuen Vorstosses zur Erhöhung des Mindestalters für Kontrollbesuche beim Arzt von 70 auf 75 Jahre. «Das ist allerdings eine Verschlechterung auf sehr hohem Niveau», betont er.

Elektrovelos sind eine grosse Gefahr

Schürch und Imholz sprechen aber ein anderes Verkehrsproblem an. So wurde ihrer Ansicht nach noch nicht genug gemacht, um die Unfallgefahr durch die Benützung von Elektrovelos zu senken. «Ich habe schon selber erfahren, wie gefährlich Situationen mit E-Bike-Fahrern werden können», sagt der Fahrlehrer. «Als ich vor kurzem in einen Kreisel einbiegen wollte, sah ich einen älteren Velofahrer mit Mantel und Hut auf den Kreisel zufahren. Also dachte ich: Der ist sicher nicht schnell unterwegs.» Imholz fuhr los. Doch urplötzlich war der Velofahrer sehr nahe. Um die Situation zu entschärfen, musste der geübte Fahrlehrer ziemlich Gas geben.

Kaum Interesse an E-Bike-Kursen

Oliver Schürch möchte bei den Elektrovelos vor allem auf Prävention setzen und auf die Gefahren dieses Trendverkehrsmittels aufmerksam machen. Imholz ist damit grundsätzlich einverstanden, gibt aber zu bedenken, dass dies bisher nicht unbedingt funktioniert habe: «Der TCS Uri und die Urner Fahrlehrer haben einen Kurs für E-Bike-Fahrer angeboten», erklärt er. «Dort sollten sie auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden und auch lernen, mit dem E-Bike sicher zu fahren. Die meisten Kurse mussten aber wegen mangelnden Interesses abgesagt werden.» Das zeige, dass sich ein Grossteil der Bevölkerung der grundsätzlichen Gefahren nicht bewusst ist.

Franz Imholz sieht noch eine weitere Möglichkeit, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen: «In Altdorf hat es einfach viel zu viele Fussgängerstreifen.» Eine Zeit lang habe man «vor jede Ladentür einen Fussgängerstreifen gemalt.» Das gebe den Fussgängern ein Gefühl der vermeintlichen und trügerischen Sicherheit. «Es kann gut sein, dass ein Autofahrer bei einem durchschnittlichen Fahrtempo von 10 km/h abgelenkt ist – zum Beispiel am Handy.» Dasselbe gelte für den Fussgänger. So kann es leicht zu einem Unfall kommen.

Mit Interventionen keinen Erfolg gehabt

«Meine bisherigen Interventionen fanden aber bei den Zuständigen, wie man es sich vorstellen kann, wenig Begeisterung», ergänzt Imholz – mit einem verschmitzten Lachen. Und der erfahrene Ausbildner ist überzeugt: «Wenn nicht mehr alle paar Meter ein Fussgängerstreifen zur Verfügung steht, dann wird es sicher besser.» Dann würde der Kanton Uri wohl auch die nächste Axa-Rangliste als stolzer Leader anführen, und die Urner Polizei müsste – zur Freude von Schürch – noch weniger ausrücken.