Franziska Dahinden: «Ich verliere den inoffiziellen roten Faden nie»

Die Proben zur Operette «Der fidele Bauer» sind in der Endphase. Franziska Dahinden äussert sich zu ihrem neusten Projekt sowie zu ihrer Doppelfunktion als Regisseurin und Darstellerin.

Interview Georg Epp
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Brigitte Hächler (links) und Franziska Dahinden spielen abwechslungsweise die «Rote Lisi», die Mutter von Heireli (Theo von Büren).Bild: Georg Epp (Altdorf, 7. August 2019)

Brigitte Hächler (links) und Franziska Dahinden spielen abwechslungsweise die «Rote Lisi», die Mutter von Heireli (Theo von Büren).Bild: Georg Epp (Altdorf, 7. August 2019)

Franziska Dahinden, Sie sind seit vielen Jahren als Präsidentin des Vereins Forum Musikbühne Uri und als Regisseurin die treibende Kraft, um die Operettentradition im Kanton Uri hochzuhalten. Woher nehmen Sie die Energie, immer wieder grosse Projekte in Angriff zu nehmen?

Das kommt allein aus der Freude an Musik und Theater sowie aus dem Spass daran, mich vom Prozess selber überraschen zu lassen. Machbar ist es allerdings nur mit einem guten Team, allen voran einem guten OK-Präsidenten als Kapitän unseres Schiffleins. Im gegenwärtigen Projekt ist es Isidor Baumann, der uns mit sicherer Hand führt. Besonders hilfreich ist für mich ausserdem, dass mein Partner Wisu Kempf als Produktionsleiter mit dabei ist. Am Anfang haben wir jeweils nicht viel mehr als den Titel. Schon oft wurde ich von Spielern gefragt: «Wie wird denn das genau werden?» Sie verstehen nicht, dass es ein Prozess ist, von dem niemand wissen kann, wie alles werden wird. Ich habe zwar immer eine genaue Vorstellung, wie es werden soll, bin aber im Laufe der Proben jederzeit bereit, zu Gunsten der Dramaturgie alles Geplante über den Haufen zu werfen. Das klingt jetzt vielleicht willkürlich, ist es aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Unsere Spieler müssen Abenteuerlust mitbringen, wenn sie bei uns mitspielen wollen, vor allem aber auch Vertrauen, dass ich bei aller Improvisationslust eine klare Vision habe und sehr genau weiss, was ich mache und dass ich meinen inoffiziellen roten Faden nie aus dem Auge verliere.

Ist es für Sie ein besonderer Aufwand, selber mitzuspielen?

Dass ich als Regisseurin mitspiele, ist nicht üblich. Ich kann das nur machen, weil ich mit Rita Schmid eine engagierte Regieassistentin und mit Brigitte Hächler eine versierte Zweitbesetzung meiner Rolle als «Rote Lisi» habe. So kann ich die Szenen vorwiegend mit Brigitte proben und später die Hälfte der Aufführungen selber übernehmen, was mir Freude macht. Aufführungen sind nämlich für einen Regisseur undankbar bis ätzend. Alles ist erledigt, und annähernd alle kommen gänzlich ohne einen aus. Es ist jeweils, wie wenn der Teenager das Elternhaus verlässt … Viele wissen eigentlich gar nicht mehr, wozu der Regisseur nötig war und was er zum Gelingen beigetragen hat, plötzlich ist allen Beteiligten der ganze Ablauf klar und im Idealfall so logisch, dass es wirkt, als hätte sich ohne Regie alles genauso entwickelt. Zu der Zeit, in der meine Regiearbeit überflüssig geworden ist, werde ich diesmal mitspielen und mitsingen können. Darauf freue ich mich besonders.

Insgesamt 15 Aufführungen geplant

(Eg) Das Forum Musikbühne Uri bringt dieses Jahr die Operette «Der fidele Bauer» von Leo Fall (Libretto Victor Léon) auf die Bühne des Theaters Uri. Premiere ist am 7. September. Danach wird das Stück mindestens 14 Mal bis am 6. Oktober zu sehen sein. Regie führt die Altdorfer Musikerin und Sopranistin Franziska Dahinden, als OK-Präsident amtet der Urner Ständerat Isidor Baumann. Die Bearbeitung in Urner Dialekt stammt von Josef Arnold-Luzzani. Hanes Zwyssig dirigiert das über 20-köpfige Live-Orchester, Kurt Dahinden hat sich um die grafische Gestaltung gekümmert. Die Geschichte der Operette dreht sich um den Bauernsohn Stefan, der von seinem Vater zum Studieren angehalten wird. Als dieser in der Tat zum Professor Doktor aufsteigt und erst noch im Begriff ist, eine reiche Frau aus Berlin zu heiraten, schämt er sich seiner bäuerlichen Wurzeln. Als dann die Verwandtschaft von der Oberplagg nach Berlin reist, sind Auseinandersetzungen natürlich programmiert. 

Wie kam die Urner Version des «Fidelen Bauern» zu Stande?

Im Original des «Fidelen Bauern» ist tolle Musik und eine interessante Handlung zu finden, es hat aber auch auffallend unausgereifte Stellen, die einem allerdings einleuchten, wenn man die spektakuläre Entstehungsgeschichte des Originales kennt. Leo Fall, ein Lebemann par excellence, hat aus finanziellen Nöten heraus gleich zwei Operettenaufträge gleichzeitig angenommen, die beide in kurzer Zeit beendet sein mussten. Diese Hast von Leo Fall merkt man, wenn man das Original eingehend studiert, denn die Grundideen sind grossartig, aber zum Teil wenig ausgereift. Bei diesen – unserer Meinung nach – unausgereiften Stellen haben wir eingesetzt, sie umgeschrieben oder überzeichnet und unserer urnerischen Fantasie freien Lauf gelassen. Einige der Rollen haben wir ausgebaut und ihnen mehr Gewicht verliehen, beispielsweise den Rollen von Vinzens oder von Rippliger Sepp. Speziell erweitert haben wir die Rollen von Lisi und von Heireli. Im Original kommen die beiden nur im zweiten Akt vor. Bei uns sind sie in der ganzen Aufführung wichtig respektive präsent und für den Ausgang des Stücks sogar unerlässlich. Ob die Schweizer und die deutsche Verwandtschaft zu guter Letzt ganz dicke Freundschaft schliessen oder ob sie sich im Streit und in gegenseitigem Unverständnis trennen, das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Welches sind die wichtigsten Hauptrollen?

Ich rede selten von Haupt- und Nebenrollen, denn alle Beteiligten haben eine ganz spezielle Aufgabe im Stück, und den Allermeisten haben wir mindestens einen Satz in den Mund gelegt. Wenn diese Person dann spricht, liegt die Aufmerksamkeit bei ihr, und sie spielt die Hauptrolle. Sicher zu einem der Stars unseres Stücks avancieren wird Theo von Büren in der Rolle meines Theatersohns Heiräli. Er spielt mit viel Begabung und Leidenschaft.

Wie viele Personen wirken mit?

Viele der Spielerinnen und Spieler haben sich selber gemeldet, um wieder mit dabei sein zu können, und ich habe gerne möglichst allen die Gelegenheit gegeben, erneut mitzuwirken. Am Schluss haben wir allerdings auch ein paar Absagen erteilen müssen, da wir bereits in den Proben steckten und da das Theater Uri auch nur für eine begrenzte Menge von Spielern konzipiert ist. Es handelt sich um zirka 70 Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle Raum brauchen fürs Umziehen, Schminken et cetera. Dazu kommen die Helfer und Musiker. Letztlich sind über 100 Personen beteiligt.

Wie läuft die Probenarbeit?

Die Proben sind spannend und lustig, und die Spielerinnen und Spieler sind engagiert bei der Sache. Das ist schon mal eine sehr gute Voraussetzung dafür, dass das Stück gelingen kann.

Welches waren in der Vergangenheit die erfolgreichsten Aufführungen der Musikbühne Uri?

Ob «Im Weissen Rössl», «Die Schöne Galathée», «Der Schwarze Hecht» oder «My Fair Lady»: Alle waren sehr erfolgreich, und bei jedem dieser Stücke gab es aufgrund der grossen Nachfrage Zusatzaufführungen. Den mit Abstand grössten Erfolg durften wir 2016 mit «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» feiern. Wir bekommen dafür auch heute noch viele Komplimente, was uns immer wieder überrascht und ausserordentlich freut.

Wovor haben Sie am meisten Angst oder Respekt?

Bei «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» kam am Mittag der Premiere ein Anruf. Ein Spieler mit einer umfangreicheren Rolle hatte einen Herzinfarkt erlitten. Und während der Premiere von «My Fair Lady» fiel eine Mitspielerin, die in den Proben immer perfekt das Rad schlagen konnte, auf den Kopf und erlitt eine Hirnerschütterung, da sie sich selber aufs Kleid gestanden war. Beide Fälle gingen zum Glück glimpflich aus. Ich bin es inzwischen gewohnt, dass es bei 100 Beteiligten immer irgendwo brennt, oder ein Problem oder ein mehr oder weniger starker Schreckensmoment entsteht. Da ist jeweils viel Improvisationstalent gefragt. Es hilft allerdings nichts, sich zum Vornherein Sorgen darüber zu machen, was kommen könnte.

War es eine grosse Arbeit, die Neufassung des Stückes in Urner Dialekt und auch mit Urner Liedern zu realisieren?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben das Stück und auch die Musik rigoros bearbeitet, denn ein logisches und stimmiges Ergebnis war uns wichtig.

Wie viele Stunden Probenarbeit opfern die Hauptrollendarsteller?

Ich hoffe, dass es für sie kein Opfer ist! (lacht) Über den Daumen gepeilt sagt man: Pro Minute auf der Bühne benötigt man etwa eine Stunde Probenzeit. Das variiert allerdings je nach Komplexität der Rolle sehr. Es kommt aber auch darauf an, wie viel ein Spieler selber an Ideen und Verständnis fürs Theater mitbringt. Leute, die selber viel mitbringen, sind natürlich ausserordentlich erfreulich. Doch ich finde es gerade wirklich spannend, jenen Leuten Tipps und Ideen zu geben, die nicht so spielgewandt sind. Vor allem bei diesen Leuten sieht man am Schluss die frappantesten Unterschiede zu den ersten Proben. Als Regieverantwortliche werde ich ganz besonders stolz sein, wenn alle 70 Personen gut spielen, denn das beweist ganz besonders, dass das Leiterteam aufmerksam gearbeitet hat.