VON AUSSEN: «Uri hat keine klare Strategie»

Der bekannte Journalist Urs Paul Engeler glaubt, dass dem Kanton Uri ein erkennbares Marketing fehlt. Uri müsse dringend neue Magneten entwickeln.

Helen Busslinger-Simmenhelen Busslinger-Simmen
Drucken
Teilen
Beeindruckt zeigt sich Engeler von ehemaligen Urner Bundeshauspolitikern. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

Beeindruckt zeigt sich Engeler von ehemaligen Urner Bundeshauspolitikern. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

Urs Paul Engeler, wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in Uri?

Urs Paul Engeler: Ich bin besorgt. Vielleicht tue ich dem Kanton Unrecht, aber ich habe den Eindruck, dass er – im Gegensatz zu den andern Ur- und Gebirgskantonen – keine klare Steuer- und Tourismusstrategie entworfen hat. Zumindest betreibt er kein erkennbares, aggressives Marketing. Nun wird er von der Entwicklung über- und vom Verkehr unterrollt. Es ist indes nicht einzusehen, warum die Gegend zwischen Rütli und Gotthard touristisch nicht mindestens so erfolgreich sein kann wie das Wallis oder das Engadin. Die starken Mythen Wiege der Schweiz, Tell und Gotthard könnten – ob mit oder ohne Sawiris – noch immer zu Gold gemacht werden. Uri muss dringend neue Magneten entwickeln und installieren. Wenn alle daran arbeiten, wächst die Hoffnung.

Und was ist mit dem Kulturbereich?

Engeler: Kulturell habe ich keine Bedenken; jede Gesellschaft hat das Bedürfnis und die Kraft, sich selbst darzustellen. Und die Urner sind zäh. Das Musikfestival Alpentöne und die Tellspiele sind mir ein Begriff, ich habe sie jedoch noch nie besucht. Kommt die Pension, kommt hoffentlich auch Zeit. Ich kenne zudem Heinrich Danioths öffentliche Wandmalereien – er soll ein kleiner Unangepasster gewesen sein.

Wie haben Sie die Urner Politiker im Bundeshaus erlebt?

Engeler: Beeindruckt hat mich Franz Muheim, mit dem ich bis zuletzt Kontakt hatte: klar, klug, konsequent, konservativ. Etwas von diesem Erbe hat Hansheiri Inderkum weitergetragen. Franz Steinegger, mal mürrisch-unnahbar, mal offen-gewinnend, aber immer korrekt, war das grosse Talent. Er wäre Bundesrat geworden, und zwar ein guter, wenn er sich als FDP-Präsident in der auseinanderdriftenden und trudelnden Partei nicht auch selbst verheddert hätte.

Inwieweit kennen Sie sich in Uri aus?

Engeler: Uri ist mir nicht nur von Schiller, Schulreisen und als Transitfahrer bekannt. Zum Beispiel kenne ich das Arni von einem unvergleichlichen Hochzeitfest, das ein guter Freund ob Intschi im Restaurant Alpenblick inszeniert hatte. Es gab einen deftigen Lammeintopf aus der Region. Als die Beiz lange nach Mitternacht definitiv schloss, öffnete Schriftsteller Thomas Hürlimann noch einen Koffer mit rund zwölf Flaschen Bier, die wir am Seeufer tranken, bis wir in der Höhe selig dösten. Mir war die Aufgabe zugefallen, die Örgeli-Legende Rees Gwerder mit Begleiter von Arth via die abenteuerliche Seilbahn nach Arni zu bringen und anderntags heimwärts zu bugsieren. Die Rückreise dauerte mehr als einen halben Tag, da Rees bis Flüelen in jedem zweiten Restaurant einen alten Freund besuchte und zur Freude aller aufspielte.

Ihre Gymizeit verbrachten Sie in der Stiftsschule Einsiedeln. Inwieweit hat Sie diese Zeit geprägt?

Engeler: Es waren einschneidende Milieuwechsel. Als junges Thurgauer Landei kam ich 1962 nicht nur in ein Zentrum der Hochkultur, sondern auch in die katholische Innerschweiz, die wir mit unserer guten Fussballmannschaft bis ins Kollegium Karl Borromäus in Altdorf erkundeten – wo wir allerdings ganz bös verloren, auch wegen mir. Rückblickend ist interessant, dass die wirtschaftliche Lage in Schwyz und Uri, abseits der sich internationalisierenden Zentren, damals ähnlich war. Schwyz, dessen Entwicklung ich genau verfolgt habe, hat die kleine Revolution gewagt und zahlt heute in den Topf des Finanzausgleichs ein. Uri setzte zu lange auf die Hilfen Berns, des Militärs und der SBB.

Sie gelten als unbestechlicher Journalist mit dem Spürsinn eines Kriminalisten. Befriedigt Sie das?

Engeler: Ich halte meine Arbeit und deren Resultate nicht für aussergewöhnlich. Ich machte den Job, der mir übertragen worden war, auch dann, wenn mir das Kritik, Ärger oder gar lästige Verfolgungen beschert hat. Diese Reaktionen haben mir gezeigt, dass meine Artikel ab und zu Wirkung erzeugen. Das hat mich, zugegeben, manchmal leise gefreut.

Wo haben Ihre urliberale Gesinnung und Ihr Spürsinn ihre Wurzeln?

Engeler: Zum überzeugten Liberalen und Individualisten wurde ich in spannender Auseinandersetzung mit Lehrern in der Stiftsschule Einsiedeln. Während des Studiums habe ich diese Haltung in heissen Debatten mit den 68ern argumentativ gefestigt. Und der Spürsinn? Vielleicht, weil ich jeden Krimi lese oder anschaue.

Der Thurgauer Urs Paul Engeler (63) war bis Mai 2013 Bundeshausredaktor der Zeitschrift «Die Weltwoche». 2011 wurde er als «Bester Politjournalist» und «Journalist des Jahres» ausgezeichnet. Sein im Vorfeld der Bundesratswahlen 2011 veröffentlichter Artikel über den SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger veranlasste diesen zum Rückzug seiner Kandidatur. Engelers Recherchen und Berichte wurden oft kontrovers diskutiert.