Vorwurf der Nötigung: Umstrittener Hotelier steht nun auch in Uri vor Gericht

Ein bekannter Luzerner Hotelbetreiber hat sich vor dem Urner Landgericht verantworten müssen. Ein ehemaliger Angestellter wirft ihm vor, dessen Familie mit dem Tod bedroht zu haben.

Lucien Rahm
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Den Luzerner Gerichten ist er bereits bekannt. Nun muss sich auch die Urner Justiz mit ihm befassen. Ein öffentlich wiederholt in Erscheinung getretener, umstrittener Luzerner Hotelier und Gastrounternehmer, der sich unter anderem bereits wegen Veruntreuung und schwindelhafter Firmengründung vor Richtern verantworten musste, sieht sich aktuell mit dem Vorwurf der Nötigung konfrontiert. Am Dienstag stand er deswegen vor dem Urner Landgericht.

Begangenen haben soll der balkanstämmige Hotelier die Straftat im März 2017 im Hotel Tellsplatte in Sisikon, an dem er damals mutmasslich als Miteigentümer beteiligt war. Jedenfalls war er gemäss Strafbefehl der Vorgesetzte des dortigen Personals. Dabei sei er mit einem Kellner aneinandergeraten, als dieser seine Kündigung unterschreiben sollte. Der Angestellte akzeptierte die Entlassung nicht, da er mit der Abfindung von 500 Franken nicht einverstanden gewesen sei, wie es im Strafbefehl heisst. Er sei der Meinung gewesen, dass ihm 1500 Franken zustünden.

Der Aufforderung des Angeklagten, ihm zur Unterzeichnung ins Büro zu folgen, habe der Kellner keine Folge geleistet. Stattdessen soll er seinem Chef gesagt haben, zur Polizei und zur Gemeinde zu gehen, um sich gegen das Vorgehen zu wehren. Dies habe dann die strafbare Aktion zur Folge gehabt: Der Hotelier soll seinen Angestellten am Arm gepackt und ihn mit dem Tod bedroht haben. Auf Bosnisch soll er zu ihm gesagt haben:

«Wenn du zur Polizei gehst, bringe ich dich und deine Familie um. Du weisst, wer ich bin. Ich schlage dein Gesicht zu Brei.»

Auch mehrere «Fuck you» soll der Chef nachgeschoben haben, wie der Kellner in späteren Befragungen zu Protokoll gegeben habe. Damit habe der Chef verhindern wollen, dass sein Angestellter zur Polizei geht.

Für die Urner Staatsanwaltschaft Grund genug, den heute 47-Jährigen per Strafbefehl der Nötigung schuldig zu sprechen. Konsequenz: eine unbedingte Geldstrafe von 1800 Franken sowie Prozesskosten von 555 Franken. Doch der Beschuldigte erhob Einsprache, woraufhin die Staatsanwaltschaft eine «Ergänzung der Untersuchung gemäss Strafprozessordnung» vornahm. Diese hat sie zwei Jahre später aber keine neuen Erkenntnisse gebracht, weshalb die Staatsanwaltschaft an ihrem Strafbefehl festhält. Weil in der Strafprozessordnung vorgesehen, ist der Fall nun ans Landgericht gelangt.

«Spreche kein Bosnisch»

Der Hotelier erschien vor Gericht in dunkelblauem Jackett, weissem Hemd, Jeans und dunklen Hugo-Boss-Turnschuhen. Gegenüber Landgerichtspräsident Philipp Arnold bestritt er die Vorwürfe. «Erstens spreche ich kein Bosnisch und zweitens habe ich keinen Grund, so etwas zu einem Angestellten zu sagen.» Mit dem Bosnisch sprechenden Kellner habe er sich stets auf Deutsch oder Englisch unterhalten. Er könne auch keine Angaben zum Vorfall machen. «Ich kann nicht mal sagen, ob ich ihm an diesem Tag begegnet bin oder nicht. Für mich war es ein Arbeitstag wie jeder andere.»

Den Rest der Verhandlung füllte der Verteidiger mit einem energischen Plädoyer. Sein Antrag, nachträglich noch drei Zeugen des Vorfalls zu befragen, hatte Richter Arnold zu Beginn der Verhandlung bereits abgelehnt. Er begründete den Entscheid damit, dass diese sich nach über drei Jahren kaum mehr glaubwürdig an die Geschehnisse erinnern könnten. Dafür zeigte der Anwalt Verständnis. Nicht jedoch für den Umstand, dass die Staatsanwaltschaft die Zeugen nicht gleich zu Beginn der Untersuchungen einvernommen habe.

Verteidiger sieht Beschleunigungsgebot verletzt

Seit der Einsprache gegen den Strafbefehl im Herbst 2017 habe man zwei Jahre lang nichts mehr von der Staatsanwaltschaft gehört, monierte der Verteidiger. Dann hat eine andere Staatsanwältin den Fall übernommen. Anstelle von Beatrice Kolvodouris Janett, die ihr Amt 2019 niederlegte, betraute fortan die frisch zur Urner Staatsanwältin gewordene Lisa Vollenweider die Angelegenheit. Diese habe dann von weiteren Ermittlungen abgesehen, weil sie sie nicht für erfolgversprechend gehalten habe, so der Verteidiger. «Keinerlei Untersuchungshandlungen in zwei Jahren, das verstösst gegen das Beschleunigungsgebot.» In der Strafprozessordnung heisst es dazu: «Die Strafbehörden nehmen die Strafverfahren unverzüglich an die Hand und bringen sie ohne unbegründete Verzögerung zum Abschluss.»

«Ich habe ganz grosse Zweifel an der Strafuntersuchung», liess der Verteidiger den Richter wissen. Es gehe seines Erachtens nicht, zwei Jahre untätig zu warten, um dann mitzuteilen, dass die Zeugen wegen der verstrichenen Zeit nicht mehr befragt werden könnten, sagte der Anwalt in erregtem Ton, den er gleich selbst kommentierte:

«Sie merken, ich komme in Rage. Mich regen solche Sachen auf.»

Im Rapport heisse es hierzu, dass keine Zeugen zum Vorfall etwas sagen konnten oder wollten. Zum Teil habe man Zeugen auch nicht auffinden können, weil man beispielsweise den Nachnamen des Kochs nicht gekannt habe, sagte der Strafverteidiger. «Das heisst, man wollte ihn nicht finden.»

Für den Anwalt des Hoteliers ebenfalls «höchst bedenklich»: Die Argumente, mit denen die Staatsanwaltschaft die Schuld begründet habe. Demnach sei es schlüssig, dass er die Tat begangen habe, weil sich der Kellner danach sofort mit dem Velo zur nächsten Polizeistation begeben habe, um diese dort zu melden – und weil die Polizei im Hotelbetrieb andere Verstösse festgestellt habe. «Das ist doch ein Witz, dieses Argument», sagte der Verteidiger an der Verhandlung, an der weder die Staatsanwaltschaft noch der Privatkläger anwesend zu sein hatten und dies auch nicht waren.

Der Strafverteidiger zog sodann den Grundsatz «In dubio pro reo» heran, nachdem bei unklarer Sachlage zu Gunsten des Beschuldigten zu entscheiden sei. Die Staatsanwaltschaft stütze sich allein auf die Aussagen des Kellners – und diese seien nicht glaubwürdig, fand er. Unter anderem habe er sich in den Befragungen widersprochen und auch die Behauptung, er habe nach dem Vorfall eine derartige Todesangst vor dem umstrittenen Hotelier gehabt, dass er die Flucht ins Ausland ins Auge gefasst habe, sei nicht glaubhaft. Der Mann wohne noch heute in Luzern. «Das zeugt nicht von der Todesangst, von der er gesprochen hat.» Vielmehr sei es dem Kläger darum gegangen, irgendwie an die von ihm verlangten 1500 Franken zu kommen. Sein Mandant sei deshalb freizusprechen.

Die Urner Staatsanwaltschaft wollte sich auf Anfrage nicht näher zum Fall äussern. Das Urteil des Landgerichts erfolgt in den kommenden Tagen.