Interview

Während der Coronakrise rät der neue Leiter der Beratungsstelle Kontakt Uri: «Es geht darum, dem Alltag Sinn zu geben»

Die Coronakrise beschert auch der Jugendberatungsstelle «Kontakt Uri» mehr Arbeit. Für den neuen Leiter ist es ein spezieller Start.

Lucien Rahm
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Das Konfliktpotenzial steigt, wenn Jugendliche und Eltern – wie jetzt während der Coronapandemie – mehr oder weniger permanent zu Hause bleiben sollen. Das ständige Beisammensein kann für Familien zur Belastungsprobe werden – auch im Kanton Uri. Das stellt man derzeit bei der Jugend- und Familienberatung Kontakt Uri fest, die Betroffenen unentgeltlich mit Rat zur Verfügung steht. Der studierte Sozialarbeiter Sebastian Züst (32) ist der neue Leiter der Beratungsstelle. Er äussert sich zu den Herausforderungen und möglichen Lösungsansätzen.

Sebastian Züst, neuer Leiter von «Kontakt Uri».

Sebastian Züst, neuer Leiter von «Kontakt Uri».

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 23.4.2020)

Wie ist die momentane Situation für Sie als Beratungsstelle für Jugendliche, Eltern und Suchtkranke spürbar?

Sebastian Züst: Der Lockdown und die viele Zeit, die Familien miteinander verbringen, bergen auch Konfliktpotenzial. Es haben sich seither auch junge Leute gemeldet, die zu Hause Konflikte mit den Eltern erleben. Sie sehen ihren Freundeskreis weniger, die übliche Tagesstruktur fällt weg und die nahe Zukunft hinsichtlich Schule und Benotung ist ungewiss. Diese Unsicherheiten können junge Menschen sehr fordern.

Hat die Anzahl Jugendlicher, die Sie beraten, seit der Krise zugenommen?

Es gab einige Neukonsultationen während und wegen der Coronakrise. Insgesamt sind es jährlich ungefähr 100. Die Zahl kann sich stets nach oben oder unten verändern.

Was raten Sie Jugendlichen und Eltern zur Vermeidung von Streitereien?

Es empfiehlt sich auch in diesen Zeiten, hin und wieder etwas Zeit alleine zu verbringen, indem man sich zum Beispiel in einen anderen Raum zurückzieht und sich eine Pause erlaubt. Wichtig ist zudem, seinem Tagesablauf auch daheim eine Struktur zu geben. Das kann man beispielsweise tun, indem man sich Zeit für etwas Bewegung einplant, sich Dingen annimmt, die bislang liegen geblieben sind, oder auch jenen seine Hilfe anbietet, die sie momentan benötigen. Es geht darum, seinem Alltag Sinn zu verleihen. Dies ist wichtig für die Psychohygiene. Auch die sozialen Kontakte kann man weiterhin pflegen, im Moment halt per Telefon, Chat oder auf anderen Wegen. Ein bewusster Umgang mit den Medien ist zudem entscheidend. Hier ist die Idee, dass man sich vielleicht sagt, jetzt schaue ich zwei Stunden lang etwas, danach mache ich aber wieder etwas anderes.

Sie beraten auch Suchtkranke. Wie erleben diese die derzeitige Lage?

Für Alkoholkranke kann durch die Schliessung der Beizen der Zugang zu Alkohol erschwert sein. Auch kann das Wegfallen des sozialen Kontakts zum Beispiel am Stammtisch belastend wirken, was den Suchtdruck wiederum erhöht. Soziale Isolation verhindert den Konsum im geschützten Rahmen. Das Trinken mit anderen zusammen hat auch eine Kontrollfunktion, die jetzt wegfällt. Da gilt es zu schauen, dass man jetzt nicht einfach isoliert daheim seine Biere trinkt, sondern schaut, wie man seinen Alltag sonst füllen könnte. Solchen Leuten bieten wir an, den Kontakt mit uns aufzunehmen, damit wir uns einbringen und gemeinsam eine Lösung finden können.

Haben Sie auch mit anderen Süchten als Alkohol zu tun?

Im Kanton Uri haben wir zum grossen Teil mit Alkoholkranken zu tun. Das sind übrigens Leute aus allen Altersklassen und sozialen Strukturen. Vereinzelt haben wir auch mit Süchtigen anderer Stoffe zu tun. Für diese kann die Beschaffung beispielsweise von Kokain oder Heroin derzeit vielleicht erschwert sein. Drogensüchtige sind aber eher in grösseren Ballungszentren wie Luzern oder Zürich präsent, wo es eine offene Szenenbildung gibt.

Derzeit können Sie ihre Klienten ja nicht physisch bei ihnen empfangen. Wie läuft die Beratung derzeit ab?

Unsere Beratung findet momentan vor allem telefonisch statt. Daneben können wir mit den Leuten auch über unser Online-Tool in Kontakt treten. Damit können wir Gespräche per Video oder auch via Chat führen. Dieses Angebot haben wir schon vor der Krise lanciert. Für einige Menschen ist es einfacher, auf diesem Weg mit uns zu kommunizieren, als im persönlichen Gespräch. Einige Informationen, die man sonst aus der Mimik lesen kann, fallen dabei vielleicht weg, aber wir erreichen so noch mehr Leute. Ab Montag dürfen wir unsere Klienten gemäss Bundesratsentscheid aber auch wieder physisch empfangen – unter Anwendung eines Schutzkonzeptes.

Sie leiten «Kontakt Uri» nun seit dreieinhalb Wochen. Wie gefällt Ihnen die neue Stelle bislang?

Die Arbeit ist äusserst spannend. Dank meinem Vorgänger Christoph Schillig, der den Betrieb zu dem machte, was er heute ist und dank meinen erfahrenen Mitarbeiterinnen, wurde mir der Einstieg erleichtert. Wegen der Coronakrise ist es natürlich ein etwas anderes Einarbeiten, als es das sonst wäre. Dafür kann ich mich nun mit Dingen beschäftigen, die sonst wohl nicht in diesem Ausmass möglich gewesen wären. Ich habe nun Zeit, mich wieder mal vertieft mit Fachliteratur auseinanderzusetzen oder mich intensiver mit den Strukturen unseres Betriebs zu befassen.

Zuvor waren Sie fünf Jahre als Berufsbeistand im Erwachsenenschutz der Stadt Luzern tätig. Was hat Sie zurück in den Kanton Uri gebracht?

«Kontakt Uri» hat mich schon immer interessiert. Ich habe stets gesagt, wenn sich in Uri eine attraktive Stelle mit Führungsmöglichkeit bietet, dann komme ich auch beruflich zurück. An meinem neuen Arbeitsort Altdorf bin ich stark verwurzelt, hier wohne ich mit meiner Partnerin, und so wirkt sich die neue Stelle nun auch auf meine Lebensqualität aus. Die Wege sind viel kürzer, die Freizeit wird mehr und die Flexibilität erhöht sich dadurch ebenfalls. Für mich als Altdorfer Gemeinderat hat das natürlich seine Vorteile, weil ich bereits vor Ort bin, wenn man zum Beispiel kurzfristig eine Sitzung abhalten will.

Hat es auch Nachteile, dass Sie nun an Ihrem Wohnort arbeiten?

Im Kanton Uri kennen sich viele Menschen. Es kann vorkommen, dass ich eine Person zu gut kenne und die professionelle Distanz nicht gewahrt werden kann. Dann wird diese Person von einer Kollegin beraten. Es gibt allgemein auch hie und da die Situation, dass eine Person lieber von einer Frau oder einem Mann beraten wird. Darauf können wir gut reagieren.

Was nehmen Sie aus Ihrer Tätigkeit in Luzern mit nach Uri?

Als Beistand habe ich heftige Krisen erlebt und sah mich auch mit Beleidigungen und Bedrohungen konfrontiert. Ich bin sicherlich nicht so rasch aus der Fassung zu bringen. Zudem hatte ich mit Menschen in verschiedenen Altersgruppen, aus verschiedenen Herkunftsländern, mit verschiedenen psychischen und physischen Erkrankungen und mit Suchtkranken zu tun. Ich kam mit dem Arbeitsrecht, dem Sozialversicherungsrecht und so weiter in Kontakt. Dies alles dient für meine Tätigkeit sicher als gute Basis.

Sie waren auch bereits in der Bewährungshilfe tätig. Was haben Sie dort erlebt?

In Schwyz habe ich nur einige Monate gearbeitet. Aus dieser kurzen Zeit, habe ich – wie auch als Berufsbeistand – lernen können, was Beratung im Zwangskontext und im strafrechtlichen Rahmen bedeutet. Dies kann mir heute helfen, wenn Beratungen bei uns für einige Leute verpflichtend angeordnet werden, zum Beispiel zur Wiedererlangung des Führerausweises.

Sie waren auch der erste Schulsozialarbeiter in Uri. Inwiefern konnten Sie profitieren?

Mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet zu haben, ist sicher hilfreich für meine neue Tätigkeit. Mit «Kontakt Uri» arbeiten wir im Bereich Früherkennung und Prävention auch viel mit Schulen, Eltern und anderen Institutionen zusammen.

Welche Ziele haben Sie sich als Leiter von «Kontakt Uri» gesteckt?

Als Hauptziel möchte ich unser kostenloses Angebot noch bekannter machen im Kanton Uri. Dazu werden wir die Öffentlichkeitsarbeit noch verstärken. Für mich persönlich möchte ich mit meiner neuen Anstellung meine methodischen Fähigkeiten weiter schulen und mich im Führungsbereich weiterbilden.

Neben Ihrer neuen Stelle sind Sie auch als Gemeinderat von Altdorf im Ressort Kultur, Bildung und Jugend tätig. Lässt sich hinsichtlich der Pensen gut miteinander vereinbaren?

Das ist kein Problem. Mein Pensum bei «Kontakt Uri» beträgt 80 Prozent. Da haben wir speziell darauf geachtet, dass sich das vereinbaren lässt mit meinem Gemeinderatsmandat. Es gibt Monate, da beträgt der Aufwand dafür eher 40 Prozent und dann gibt es Monate, da sind wir eher bei 20 Prozent. Meine Tätigkeit als Gemeinderat ist aber bisher gut mit meiner Arbeit als Sozialarbeiter vereinbar.

Gemeinderatsmandat führt zu Rücktritt aus SP-Geschäftsleitung


Seit Anfang 2019 ist Sebastian Züst als Vertreter der SP Mitglied des Altdorfer Gemeinderates. Auch in seiner Funktion als Vorsteher in den Bereichen Kultur, Bildung und Jugend beschäftigt ihn die Coronakrise, auch wenn die Möglichkeiten, einzugreifen, auf Gemeindeebene begrenzt sind. «Aber man kann die Kulturbetriebe auch unterstützen, indem man nachfragt, wie es läuft, oder klärt, ob es Arbeiten gibt, die in der Coronazeit unterstützt und durchgeführt werden können. Der nahe Kontakt und das Interesse werden geschätzt», sagt Züst. Mieterlassgesuche würden hingegen derzeit von keinem der Kulturbetriebe vorliegen.

Ansonsten widme sich der Gemeinderat wie gehabt den täglichen Geschäften. «Es ist wichtig, dass der Betrieb weiterhin funktioniert.» Die Gemeinderäte würden sich auch nach wie vor zu Sitzungen treffen, unter Einhaltung der Schutzmassnahmen. Weil an den Abenden keine Anlässe wie Essen und Apéros mehr stattfinden, ergeben sich momentan mehr freie Abende für Züst. «Das geniesse ich sehr, abends mehr Zeit für Anderes zu haben. Ich freue mich aber auch schon darauf, wenn es dann wieder losgeht.»

Höhere Beiträge für Papiersammler

Die bisherige Bilanz seiner Tätigkeit als Gemeinderat fällt für ihn positiv aus. «Ich finde es ein wunderbares Amt, man kann direkt Einfluss nehmen auf den Alltag in Altdorf.» Er lerne seinen Wohnort und den Kanton Uri nochmals aus einer anderen Perspektive kennen. In seinem Amt strebe er ein Altdorf an, das verkehrsentlastet ist, als attraktiv für Velos und Fussgänger gilt, gewerbe- und familienfreundlich, wo junge Familien gerne wohnen kommen. «Sehr vieles davon ist schon vorhanden.»

Erreicht habe er in seinen ersten eineinhalb Jahren im Amt bislang, dass die Beiträge für die Jugendvereine für ihre Papiersammlung erhöht werden. Aktuell werde in Zusammenarbeit mit Unicef auch eine Analyse zur Kinderfreundlichkeit Altdorfs durchgeführt.

Regierungsratskandidatur nicht ausgeschlossen

Im Gang sind für Züst auch Veränderungen hinsichtlich seiner politischen Mandate. Um allfälligen Interessenkonflikten künftig vorzubeugen, wird er aus der Geschäftsleitung der SP Uri zurücktreten, sobald der Parteitag im Mai oder Juni stattfinden kann. Weiterreichende Pläne hat der 32-jährige ehemalige Präsident der Juso Uri und der SP Altdorf hingegen noch nicht. «Wie mir die jetzige Situation wieder zeigt, nützt es nichts, weit hinaus zu planen.» Er mache gerne Politik und schliesse grundsätzlich nicht aus, es in einigen Jahren mit dem Gemeindepräsidium, einem Amt in der Regierung oder auf nationaler Ebene zu versuchen. Genauso sei aber möglich, dass die aktive Politik für ihn bis in einigen Jahren kein Thema mehr ist. «Es muss immer alles passen und man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.» (lur)

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