WAHLEN: Roger Nagers Investition in die Zukunft

Roger Nager (FDP) gehört zu den prominentesten Gemeindepräsidenten. Er ist stolz auf die Entwicklung von Andermatt. Jetzt will er sich in der Regierung einbringen.

Sven Areggersven Aregger
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Roger Nager sieht im Kanton Uri noch grosses Potenzial für den Tourismus. (Bild Sven Aregger)

Roger Nager sieht im Kanton Uri noch grosses Potenzial für den Tourismus. (Bild Sven Aregger)

2007, Bodenschulhaus Andermatt. Samih Sawiris lässt sich über Architekturpläne für sein Tourismusresort informieren, als er plötzlich Hunger bekommt. Ab ins Hotel Aurora! Dort krempelt Sawiris die Ärmel seines Hemdes zurück, bestellt eine währschafte Fleischplatte und prostet mit einem Kübel Bier seinen Begleitern zu. «Damals habe ich erstmals den Menschen Samih Sawiris wahrgenommen – und nicht den Geschäftsmann», erinnert sich Roger Nager, einer der Begleiter.

Neun Jahre sind seither vergangen. Neun Jahre, die das Urserntal einschneidend verändert haben. Das Tourismusprojekt von Investor Sawiris existiert nicht mehr nur auf Plänen, sondern prägt mittlerweile das Landschaftsbild im Tal. Und Roger Nager ist vom Mitglied des Gemeinderates zum ersten vollamtlichen Gemeindepräsidenten in Uri aufgestiegen. Der Rummel um das von Abwanderung und vom Rückzug der Armee gebeutelte Bergdorf Andermatt, dem die Vision eines milliardenschweren Ägypters neues Leben einhauchte, hat ihn zu einem der prominentesten Vertreter seiner Zunft gemacht. «Ich habe in den vergangenen Jahren viel gelernt», sagt Nager. «Jetzt möchte ich meine Erfahrungen und mein Wissen dem ganzen Kanton zur Verfügung stellen. Nach elf Jahren Exekutiverfahrung bringe ich einen guten Leistungsausweis mit für das Amt als Regierungsrat.»

Der Anspruch eines Tals

Nager bestreitet den Wahlkampf um einen Sitz in der Regierung als «wilder» Kandidat. Am Parteitag schaffte er es nicht aufs Dreierticket der FDP Uri. Davon lässt er sich nicht beirren. Er ist durch und durch Optimist, der in jedem Rückschlag neue Chancen sieht. «Ich habe viel Zuspruch erhalten. Das hat mich bestärkt, trotzdem zu kandidieren», so Nager. Auch dem Umstand, dass er ohne offizielle Unterstützung seiner Partei für die gesamten Kosten seines Wahlkampfs selber aufkommen muss, kann er Positives abgewinnen. Er sagt: «Ich sehe es als Investition in die Zukunft.»

Laut Nager darf das Urserntal nach über 60 Jahren wieder einen Anspruch auf einen Sitz in der Regierung erheben. «Nach dem wirtschaftlichen Entwicklungsschub in Andermatt ist es Zeit dafür», glaubt der 45-Jährige. Zudem sei in der Kantonsverfassung verankert, dass bei der Wahl der Regierung auf die verschiedenen Landesteile Rücksicht zu nehmen sei. Und nicht zuletzt verweist Nager auf das Tourismusresort samt Ausbau des Skigebiets Andermatt-Sedrun, das er jahrelang eng begleitet hat. «Wir müssen sicherstellen, dass die Projekte so umgesetzt werden, wie sie auf kantonaler und kommunaler Ebene ausgehandelt wurden. Hier kann ich mit meinem Wissen einen wichtigen Beitrag leisten.»

Der Wandel zum Vorzeigekanton

Überhaupt ist der Tourismus für Nager ein zentrales Anliegen. Das Potenzial sei noch nicht ausgeschöpft, glaubt er. Uri hat dank des Sawiris-Projekts weit über die Kantonsgrenzen hinaus Interessen geweckt. «In der Aussenwahrnehmung haben wir uns von einem Jammerer- zu einem Vorzeigekanton gewandelt», sagt Nager. Er will die Gunst der Stunde nutzen. In erster Linie soll der Kanton mit seiner Vielfalt besser vermarktet und die Hotellerie im Unterland gestärkt werden. Dazu brauche es aber finanzielle Mittel für die beiden Urner Tourismusorganisationen, betont der FDP-Politiker. Gleichzeitig legt er Wert auf eine intakte Landschaft. «Es darf nicht auf jedem Hügel ein Skilift stehen. Wir brauchen naturbelassene Bereiche.»

Eng verknüpft Nager den Tourismus mit der Wirtschaft: «Wenn es dem Tourismus gut geht, geht es auch dem Gewerbe gut.» Chancen sieht er vor allem für innovative KMU, die in Nischenbereichen tätig sind. «Wir müssen mit attraktiven Rahmenbedingungen dafür Sorge tragen, dass unsere KMU leistungsfähig bleiben.» Dazu gehören gemäss Nager auch Ausbildungsplätze mit Weiterbildungsmöglichkeiten. Gerade im touristischen Arbeitssektor vermisst er die Wertschätzung. «Da können wir einiges von den Österreichern lernen. Sie sind stolz darauf, im Tourismus arbeiten zu können.»

Der volksnahe Politiker

Stolz ist auch Roger Nager. Auf die Entwicklung von Andermatt. Auf die vielen Planungsphasen für das Resort, die für Schweizer Verhältnisse «schnell wie ein Formel-1-Rennen» bewältigt werden konnten. Auf die Urschner Bevölkerung, der er «offen und ernsthaft» begegnet. Nager, der bis 2018 als Gemeindepräsident gewählt ist, möchte berührbar sein, nah am Bürger. Er sagt: «Ich sitze nicht in einem Glashaus, ich habe die Menschen gern.» So kann es vorkommen, dass er auf dem 400 Meter langen Weg von seiner Wohnung zum Büro 15 Minuten braucht, weil ihm Anwohner unterwegs ihre Alltagssorgen und Wünsche anvertrauen.

Vertrauenswürdig will Nager auch in der Regierung wirken. Er beschreibt sich als «kommunikativen und authentischen Menschen, der Niederlagen nicht persönlich nimmt, seiner Linie treu bleibt und seine Ziele beharrlich verfolgt».

Auf diesen Werten beruht übrigens auch seine Beziehung zu Samih Sawiris. «Es ist nicht so, dass ich mich ständig mit ihm im Dorf zeige und immer als Erster weiss, dass sich Sawiris in Andermatt aufhält», betont Nager. Aber der gegenseitige Respekt ist dennoch gross. Das zeigte sich beispielsweise einmal, als Roger Nager dem Investor eine geschäftliche SMS schrieb. Sawiris antwortete umgehend, auch wenn er gerade ziemlich beschäftigt war – auf Elchjagd in Schweden.

Sven Aregger

Zur Person

Alter: 45.
Wohnort: Andermatt.
Partei: FDP.
Zivilstand: Geschieden.
Beruf: Vollamtlicher Gemeindepräsident.
Ausbildung: Lehre als Elektromonteur; Weiterbildung zum diplomierten Wirtschaftsfachmann, Ausbildung in Betriebswirtschaft und Kommunikation.
Hobbys: Berge und Natur, Kochen, Architektur, Lesen, kulturelle Veranstaltungen.
Politische Tätigkeiten: 2004 bis 2007: Mitglied des Gemeinderats Andermatt; 2007 bis 2011: Vizepräsident der Gemeinde Andermatt; seit 2011: Gemeindepräsident, Mitglied der kantonalen Verkehrskommission; Vorstandsmitglied des Urner Gemeindeverbandes.

«Die Auswahl für das Stimmvolk wird grösser»

Roger Nager, nehmen Sie als «wilder» Kandidat bewusst eine Schwächung der FDP Uri in Kauf?
Roger Nager: Das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Die FDP hat sehr gute Kandidaten, die Auswahl für die Urner Bevölkerung wird somit grösser.

Der Bau des Tourismusresorts rückt voran. Aber das Dorf hält nicht Schritt damit, weil die Einheimischen wenig Eigeninitiative ergreifen. Haben Sie diesen Aspekt als Gemeindepräsident vernachlässigt?
Nager: Da gibt es zwei Entwicklungen. Einerseits haben wir eine Gruppe von innovativen und jungen Einheimischen, die sich im Zuge des Tourismusprojekts positionieren wollen. Anderseits hat der Gemeinderat gemeinsam mit der Urner Kantonalbank und dem Gewebeverein Hand geboten, einheimische Betriebe zu unterstützen – beispielsweise bei einem allfälligen Geschäftsausbau. Wir stellten also die notwendigen Instrumente zur Verfügung. Aber bisher haben wir relativ wenige Rückmeldungen erhalten. Im Moment besteht eine eher abwartende Haltung.

Müssen die Wähler damit rechnen, dass mit einem Urschner Vertreter im Regierungsrat künftig noch mehr Geld nach Andermatt fliesst?
Nager: Sicher nicht. Für das Urserntal ist es wichtig, dass es einen regionalen Vertreter in der Urner Regierung hat. Damit kann das Know-how – insbesondere in Bezug auf die weitere Entwicklung des Tourismusprojekts – sichergestellt werden. Jetzt geht es darum, das Wissen und die Möglichkeiten, die wir in Andermatt wahrnehmen konnten, auf den gesamten Kanton zu übertragen. Ob dies letztendlich machbar ist, wird sich zeigen. Aber mein grosses Ziel ist es, den ganzen Kanton Uri touristisch weiterzubringen.

Sven Aregger