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WANDERSERIE: Urs Althaus: «Hier sind meine Wurzeln»

Urs Althaus hat in Paris, New York und Mailand als Model gearbeitet. Auf dem Weg der Schweiz erzählt der Urner, der sich selbst als «Neger» bezeichnet, warum es zu Hause am schönsten ist.
Stefan Dähler
Urs Althaus planscht in einer Pause in Flüelen beim Reussdelta im Vierwaldstättersee. (Bild Philipp Schmidli)

Urs Althaus planscht in einer Pause in Flüelen beim Reussdelta im Vierwaldstättersee. (Bild Philipp Schmidli)

Es ist ein Heimspiel für Urs Althaus (60). Praktisch jeder grüsst ihn, viele Passanten halten einen Schwatz mit dem Mann, der in die Welt auszog, um als Model und Schauspieler zu arbeiten. «Hier sind meine Wurzeln, meine Freunde, hier kann ich sein, wie ich bin», schwärmt Althaus, der in Altdorf aufgewachsen und vor sieben Jahren zurück in den Kanton Uri, nach Flüelen, gezogen ist.

Wir treffen uns bei seiner Wohnung, die in Bahnhofsnähe direkt am See auf dem Weg der Schweiz liegt. Von dort aus geht es los in Richtung Seedorf. Gleich nach dem Bahnhof Flüelen und der Schiffsstation durchqueren wir ein Wohn- und das Industriequartier, bald folgen Wiesen und Strandabschnitte, auf denen die Leute ihre Hunde spazieren führen, Feuer machen und grillieren. Althaus kennt praktisch alle.

Erinnerungen aus der Kindheit

Beim Reussdelta kommen ihm Erinnerungen aus seiner Kindheit. Die Landschaft mit Wiesen, kleinen Wäldern, Sandbänken und Inseln im See sei für ihn wie ein kleines Paradies gewesen. Er war damals der einzige «Neger» in Uri, wie er selbst sagt. Darunter habe er aber nie gelitten – er sei sogar eher bevorzugt behandelt worden. «In den Läden erhielt ich ein Geschenkli, in der Schule wollte man mit mir befreundet sein.» Das habe aber sicher auch daran gelegen, dass seine Mutter in der Region stark verankert gewesen sei. Seinen Vater, der aus Nigeria stammt, hat Urs Althaus nie kennen gelernt, einen Bezug zum Land hat er nicht.

Bestseller-Autor

Seine Hautfarbe ist dennoch immer wieder ein Thema. Althaus’ 2009 erschienene Bestseller-Biografie heisst nicht umsonst «Ich, der Neger». «Das ist nicht negativ gemeint», betont er. «Mein Ziel war, das Wort wieder positiv zu besetzen.» Er verwende das Wort mit Stolz. Neger, Farbige, Schwarze – im Verlauf der Jahrzehnte habe die Bezeichnung stets gewechselt. «Ich will mir aber von niemandem vorschreiben lassen, wie ich mich bezeichne.»

Inzwischen ist es heiss geworden, das Thermometer klettert in Richtung 30-Grad-Marke. Nach etwas weniger als einer Stunde sind wir verschwitzt und etwas abgekämpft. Um 11 Uhr ist es Zeit für eine ausgedehnte Pause beim Seerestaurant Seedorf. Der ursprüngliche Plan, von Flüelen über Seedorf, Isleten hinauf nach Seelisberg und wieder runter zum Rütli zu wandern, erweist sich als unrealistisch. Der Plan B: Bei der Station Isleten-Isenthal nehmen wir das Schiff zurück nach Flüelen. «In diesen Belangen spüre ich, dass ich 60 Jahre alt bin», sagt Althaus mit einem Augenzwinkern. Sonst fühle er sich aber nicht alt. «Ich habe noch Träume, und wer Träume hat, ist noch jung.»

Einer dieser Träume hat mit ebendiesem Rütli zu tun. Dort will Althaus ab Sommer 2018 die Rossini-Oper «Wilhelm Tell» als Freilichtaufführung unter dem Namen «Grand Opéra Wilhelm Tell» aufführen lassen. Es sei die einzige weltberühmte Oper mit einem Schweizer Thema. «Das Rütli ist ein symbolischer Ort der Kraft. Die Oper soll dort aufgeführt werden, wo sie ihren Ursprung hat.» Geplant ist eine Arena mit 2500 Plätzen. Das nächste Ziel ist nun, das Geld für das Vorprojekt zu beschaffen. Der Kanton Uri und die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, die das Rütli verwaltet, haben dem Förderverein Grand Opera Wilhelm Tell total 40 000 Franken gesprochen. Nun muss der Förderverein noch 255 000 Franken sammeln. «Tell» soll auch in den darauf folgenden Jahren auf dem Rütli aufgeführt werden. Althaus’ Ziele sind hoch. «Mein Traum ist, dass das Stück zur Nationaloper wird.»

Während wir reden, wird aus dem Zwischenhalt im Restaurant eine Mittagspause. Danach ist es Zeit weiterzuwandern – damit wir immerhin das nun weniger ambitionierte Ziel erreichen. Der nächste Abschnitt entlang der Seestrasse in Richtung Norden wird bei grosser Hitze zum Leidensweg. Dass nicht immer alles wie gewünscht verläuft, ist Urs Althaus jedoch gewohnt.

Zweimal verprügelt

Als er mit 21 in die USA kam, wurde er – trotz privilegiertem Be- ruf – mit Rassismus konfrontiert. «Schwarze Models verdienten weniger, weil Weisse keine Werbung mit Schwarzen vorgesetzt erhielten.» Generell sei das Rassenbewusstsein in den USA sehr stark ausgeprägt. «Ich war nicht mehr der Urs, sondern der schwarze Schweizer Urs.» Später erlitt er mit seiner Modelagentur Xtazy Schiffbruch und wurde drogenabhängig. Zweimal wurde er spitalreif geprügelt – einmal um die Jahrtausendwende in Zürich, das letzte Mal 2009 in Altdorf. Der erste Vorfall hatte rassistische Hintergründe. «Beim zweiten war ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt Althaus. Er fühle sich deswegen nicht weniger wohl in Uri. «Das kann überall auf der Welt passieren.» Dennoch leide er nach wie vor an den Spätfolgen der Schläge vor sieben Jahren. «Der Glaube an Gott, aber auch das richtige Umfeld haben mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.» Es brauche aber viel Selbstdisziplin. Und Wille zur Veränderung: «Um von Drogen fortzukommen, muss man seine Gewohnheiten ändern.»

Auf der Titelseite des «GQ»

Nach kurzer Zeit verläuft der Weg der Schweiz glücklicherweise wieder getrennt von der Strasse am Seeufer. Dort geniessen wir den prächtigen Ausblick in die Urner Bergwelt. Althaus, der protestantisch erzogen worden ist, dankt auch heute noch Gott dafür, dass er «in solch einer schönen Gegend» leben darf. «Früher wollte ich die Welt sehen.» Althaus lebte unter anderem in New York, Paris oder Rom. 1977 schaffte er es als erstes männliches schwarzes Model auf die Titelseite des Magazins «GQ».

Er arbeitete mit Designern wie Calvin Klein und Yves Saint Laurent, und als Agent vertrat er Supermodels wie Kate Moss oder Claudia Schiffer. In Italien ist Althaus, der in seiner Jugend selbst Fussballer werden wollte seit dem Fussballfilm «L’allenatore nel Pallone» aus dem Jahr 1984, Kult. Noch heute erhalte er Medienanfragen. Weiter spielte er mit Sean Connery in «Der Name der Rose» mit. Der Schotte hat ihn besonders beeindruckt. «Sobald er in den Raum tritt, spürt man seine Ausstrahlung. Diese ist unglaublich.»

Dennoch sagt Althaus: «Je mehr ich gesehen habe, desto mehr wurde mir klar, dass das hier einer der schönsten Flecken auf der Welt ist.» Langsam nähern wir uns der Schiffsstation Isleten. Schon von weitem ist die Strasse nach Isenthal zu sehen, die sich eine fast senkrecht ansteigende Felswand hochschlängelt. Es duftet nach Tannennadeln, die Szenerie mit den hellen Felsen und dem türkisfarbenen Wasser erinnert an das Mittelmeer – eine fremdländisch anmutende Landschaft, die aber doch mitten im Herzen der Schweiz beheimatet ist.

Stefan Dähler

Bild: Grafik Lea Siegwart / Neue LZ

Bild: Grafik Lea Siegwart / Neue LZ

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