«Was nicht passte, wurde ausgeblendet»

Freispruch für Ignaz W. und Sasa S.: Das verlangen die Verteidiger. Die Anklage habe elementare Untersuchungsgrundsätze missachtet.

Merken
Drucken
Teilen

Sasa S. versucht am 12. November 2010 im Auftrag von Ignaz W., dessen Ehefrau Nataliya K. zu erschiessen: So sieht es die Staatsanwaltschaft. Für Hansjörg Felber, den Verteidiger des 24-jährigen Kroaten, und Linus Jaeggi, Verteidiger von Ignaz W., liegt der Fall allerdings nicht so klar. Beide sind überzeugt: «Beim Untersuchungsverfahren wurden elementare Grundsätze missachtet.» Felber nahm gestern kein Blatt vor den Mund: «Die Staatsanwaltschaft schildert uns einen Tatablauf, der auf einer vorgefassten Meinung beruht und dem gesunden Menschenverstand widerspricht.» Das Gesamtkonstrukt weise zahlreiche gravierende Widersprüche und Ungereimtheiten auf, und es würden zahlreiche «Beweise» präsentiert, die einer genauen Überprüfung nicht standzuhalten vermöchten. Die Strafverfolgungsbehörden hätten in diesem Fall ihre Objektivitätspflicht massiv verletzt. Das Opfer Nataliya K. habe die Richtung, in der zu untersuchen sei, schon am Tattag vorgegeben - indem sie den Verdacht auf Sasa S. gelenkt habe. «Die Untersuchungsbehörden haben dies dankbar aufgenommen», so Felber. «Sie glaubten, die Täter bereits gefunden zu haben und haben praktisch ausschliesslich nur noch in Richtung meines Klienten und Ignaz W. untersucht», bemängelte Felber. Unterstützt worden seien die Behörden dabei von der Vorverurteilung durch den «Blick».

Sachverhaltsvariante konstruiert

«Die Aktivitäten der Untersuchungsbehörden bestanden praktisch ausschliesslich darin, Beweise für die Täterschaft von Ignaz W. und Sasa S. zu suchen», zeigten sich beide Verteidiger überzeugt. Linus Jaeggi: «Hier wurde nur die ‹Blick›-Hypothese kolportiert und ergebnisorientiert weiterverfolgt. Was nicht dazu passte, wurde ganz einfach ausgeblendet. Da ist doch etwas komplett faul.» Die Grundprinzipien eines wissenschaftlichen Vorgehens und des logischen Denkens seien klar missachtet worden. Und Felber hielt fest: «Entlastende Aspekte sind kaum berücksichtigt worden, andere Hypothesen nicht einmal in Betracht gezogen worden, obwohl sie sich angesichts der konkreten Verhältnisse geradezu aufdrängten.» Die Staatsanwaltschaft habe aus Indizien, die auch in ihrer Gesamtheit keinen rechtsgenüglichen Beweiswert zu erreichen vermöchten, ihre Sachverhaltsvariante konstruiert. Und diese sei völlig absurd. Es gebe nämlich auch ganz andere Varianten des Tathergangs. Felber schilderte in der Folge sieben Beispiele, wie sich das Ganze abgespielt haben könnte.

Felber und Jaeggi zogen vor allem die Glaubwürdigkeit der Kronzeugen respektive die Glaubhaftigkeit der entsprechenden Aussagen in Zweifel. Felber sagte etwa: Beim deutschen Unternehmer, der die Täter belaste, handle es sich um «einen notorischen Angeber, Hochstapler und Wichtigtuer», dessen Aussagen «schlichtweg wertlos» seien. Und was die «Kronzeugin», eine ehemalige Freundin von Sasa S., angehe, meinten die beiden übereinstimmend: «Sie wollte sich rächen, weil sie von Sasa S. wiederholt belogen und betrogen worden ist.» Ihren Willen, Sasa S. zu zerstören, habe die «Kronzeugin» in einer E-Mail an die Ehefrau von Sasa S. aktenkundig zum Ausdruck gebracht. Dass sie Kenntnisse über den Tathergang gehabt habe, die nur vom Täter hätten stammen können, liessen die Verteidiger ebenfalls nicht gelten: «Wäre Sasa S. der Täter gewesen, und hätte er mit ihr über die Tat gesprochen, müssten seine Äusserungen mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmen», zeigte sich Felber überzeugt. «Sie machte aber keine Aussagen über den Tatverlauf oder die Tatumstände, die sie nicht der Presse entnommen haben kann oder die ihr durch Personen zugetragen wurden, die Kenntnisse der Akten des Strafverfahrens haben.» Felber und Jaeggi sprachen damit unter anderem einen mehrere Tage vor der Verhaftung von Sasa S. erschienenen «Blick»-Artikel an, der Details zur Tatnacht enthielt. Als mögliche Kolporteure wurden das Opfer und deren heutiger Freund ins Spiel gebracht.

Aber auch den Aussagen der Zeugen, die Sasa S. auf dem Phantombild, anhand von Videowahlkonfrontationen oder auf Fotowahlbogen erkannt hätten, sei jeder Beweiswert abzusprechen. «Eine der Zeuginnen hat insgesamt drei Personen als diejenige bezeichnet, die an ihr vorbeigelaufen ist», erklärte Felber. Und jener Zeuge, mit dessen Hilfe das Phantombild erstellt worden sei, habe Sasa S. auf einem Fotowahlbogen gar nicht erkannt. Für Felber sind die Zeugen aufgrund der «Blick»-Berichterstattung «förmlich auf das von der Staatsanwaltschaft gewünschte Endergebnis hingeführt worden». Und schliesslich sei die von Sasa S. abgegebene Darstellung betreffend Waffenübergabe von Ignaz W. an den mutmasslichen Schützen weder bestätigt noch widerlegt worden.

Das Tatverhalten des Opfers sei ebenfalls «eigenartig» gewesen. Statt zu fliehen, habe sie sich umgedreht und sei stehen geblieben, als sie gemerkt habe, dass sie nicht verfolgt werde. Dann habe sie die Polizei angerufen. «Hat sie gewusst, dass keine Schüsse mehr fallen werden?» fragte der Verteidiger.

«Zentrale Säule des Strafrechts»

Felber erinnerte die Richter an die Bestimmung «im Zweifel für den Angeklagten», die «als zentrale Säule unseres Strafrechts gilt». Und er gab zu bedenken: «Es bestehen derart gravierende Zweifel in Bezug auf die Täterschaft meines Mandanten, dass der Gerechtigkeit nur Genüge getan werden kann, wenn er von der Anklage des versuchten Mordes freigesprochen wird.»

«Opfer mit Wahnbildungen»

Der Verteidiger von Ignaz W. plädierte ebenfalls auf Freispruch. «Wer einen Auftragskiller engagiert, organisiert eine solche Tat besser», so Jaeggi - von der Wahl des Tatorts und der Waffe über die Vorbereitung und Durchführung der Tat selber bis hin zur Flucht. Der Verteidiger von Ignaz W. nahm neben der Wertlosigkeit der Aussagen der Kronzeugen vor allem das Opfer und das vom Staatsanwalt geäusserte Motiv ins Visier. «Nataliya K. leidet unter einer psychischen Störung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen», sagte er. «Überall vermutet sie Ignaz W., bei allem sieht sie Verschwörungen, hinter denen Ignaz W. steckt», so Jaeggi. Er unterstrich diese These mit Aussagen, die das Opfer zu Protokoll gegeben hat.

Auch habe Ignaz W. gar kein plausibles Motiv gehabt. «Die Angst, das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu verlieren, hat bei Ignaz W. sicher nicht mitgespielt», betonte er. «Er wollte nur das Besuchsrecht für seinen Sohn und daneben seiner Frau möglichst wenig Unterhaltszahlungen leisten.» Dies sei auch der Grund gewesen, weshalb Sasa S. für ihn habe ausspionieren müssen, wie viel Nataliya K. arbeite. Ignaz W. habe zudem genau gewusst, dass er auch im Falle des Todes von Nataliya K. nicht auf das Erbe seines Sohnes werde zugreifen können. «Dafür gibt es die Vormundschaftsbehörde. Geglaubt hat dies höchstens das Opfer selber. Und eine allfällige Auszahlung der Lebensversicherung wäre so oder so ans Betreibungsamt geflossen.»

Bruno Arnold