Weltenbummler zieht es nach Uri

Der Arzt Ariele Fabris und seine Frau Lisa sind in Schattdorf sesshaft geworden. Ihre gemeinsame Geschichte spielt auf der halben Welt.

Claudia Naujoks
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Als der angehende Arzt Ariele Fabris in einer Kneipe in Köln mit einem Freund den Tag ausklingen lassen will, weiss er noch nicht, dass sein Leben im nächsten Augenblick eine neue Wendung nehmen würde. Der damals 30-Jährige steht da mit zwei Bier in der Hand, als sich sein Kollege Hals über Kopf verabschiedet. Dann geht die Tür auf ...

Ariele Fabris stammt aus dem venezianischen Thiene, Italien. Von seiner Heimat aus besucht er schon als Kind mit seinem Vater, einem Handelsreisenden, oft Indien. «Ich fühle mich zwar auch als Italiener, aber ich wurde schon sehr geprägt von der indischen Kultur durch diese regelmässigen Aufenthalte», resümiert er. Als Patient kommt er mit den ayurvedischen Heilmethoden in Kontakt. Sein Interesse daran rührt aus der Bewunderung für die jahrtausendealte, ununterbrochene Erfahrungsgeschichte dieser Medizin. So ist es für ihn heute in der eigenen Praxis eine Selbstverständlichkeit, die Schulmedizin mit der ayurvedischen zu ergänzen, wo es möglich ist und die Patienten es wünschen. «Das war mit ein Grund, warum ich mich selbstständig machen wollte», sagt er.

Medizin vereint die interessanten Disziplinen

Bevor es aber soweit ist, zieht er als 9-Jähriger mit seiner Familie auf die geschichtsträchtige Insel Elba, bis er mit 18 Jahren zur Uni will. Nach dem Start in Molekularbiologie merkt er, dass es die Medizin ist, die alle Fachgebiete vereint, die ihn besonders interessieren: Physik, Biologie, Chemie. Das Erasmus-Austauschprogramm, das Studenten erlaubt, im benachbarten Ausland weiterzustudieren, ermöglicht dem Reiselustigen ein Jahr in Berlin und ein weiteres halbes Jahr in Göttingen. Nachdem er nach sechs Jahren sein Medizinstudium in Florenz 2010 und gleichzeitig das Studium an dem Istituto Italiano di Ayurveda erfolgreich abgeschlossen hat, führen ihn die darauffolgenden Weiterbildungen nach Nordrhein-Westfalen.

An verschiedenen Kliniken in Solingen lässt er sich gerade zum Facharzt ausbilden, nimmt am Notfalldienst der Berufsfeuerwehr in Solingen teil und besucht parallel die dreijährige Weiterbildung zum Thema «Traditionelle indische Medizin» an der Essener Universität, als an diesem schicksalhaften Abend in einer Kölner Kneipe die Tür aufgeht: Lisa Selander betritt den Raum ...

Die Abitur-Absolventin hält sich zu diesem Zeitpunkt als Au-pair-Mädchen in Deutschland auf. Just an diesem Tag ist sie von Bonn, wo sie arbeitet, nach Köln gekommen, um sich die Stadt anzusehen. Ariele Fabris mit zwei Bier in der Hand, zunächst wie vom Donner gerührt von ihrem Anblick, packt kurzerhand die Gelegenheit beim Schopf und fragt sie: «Willst du ein Bier?» Sie kommen ins Gespräch – auf Englisch, denn sie stammt aus dem schwedischen Trollhättan («Stadt der Trolle») in der Nähe von Göteborg.

Ein schmerzhafter Prozess mit vielen Tränen

Aber was so spektakulär und hoffnungsvoll beginnt, erweist sich als Komplikation: Die Pläne der beiden jungen Menschen hätten eine Fernbeziehung mit sich gebracht. Beiden ist klar, dass ihre Verbindung dann vielleicht nicht halten würde. Ariele Fabris. erinnert sich:

«Es war ein schmerzhafter und sehr emotionaler Prozess, der uns viele Tränen gekostet hat.»

Lisa Selander will eigentlich in Schweden studieren und der junge Mediziner hat noch ein halbes Jahr bis zum Abschluss seines Facharztes. Er wäre der Liebe wegen nach Schweden gegangen, obwohl er noch überhaupt kein Schwedisch konnte. Seine Freundin dagegen konnte etwas Deutsch, auch weil das Fach in der Schule unterrichtet wird. So schieben sie die Argumente hin und her.

Am Ende entschliesst sich die damals erst 20-jährige Schwedin, in Deutschland zu bleiben und das Studium der Betriebswirtschaftslehre in Köln zu beginnen. Eine aufregende Sache sei es gewesen, weil sie beschlossen hätten, sofort zusammenzuziehen. Beide sind in der Arbeit sehr eingespannt, sodass sie sich immer nur kurz sehen: «Sechs Stunden, und das war nachts», sagt Lisa Fabris voller Ironie. Vor allem der junge Arzt ist sehr wenig zu Hause, einerseits wegen der sehr anstrengenden Arbeitsbedingungen, anderseits wegen seiner gutmütigen Art, wegen der er nicht «Nein» sagen könne. Aber das hätte auch etwas Gutes gehabt. So hätten sie sich langsam aneinander gewöhnen können. Schliesslich sei es für beide die erste Wohngemeinschaft auch im emotionalen Sinn gewesen.

Wieder macht der Zufall neue Türen auf

Während seine Lebensgefährtin noch für ein Jahr in Köln bleibt und ihr Studium abschliesst, nimmt der fertige Facharzt eine Stelle in einer Gemeinschaftspraxis in Schwyz am Zürichsee an. Kaum ist Lisa Selander auch in Schwyz, ergibt es sich, dass sie auf einer Wanderung einen Mann trifft, dem sie erzählt, dass sie Arbeit sucht. Dieser vermittelt den Kontakt zu einem Finanzunternehmen, dessen Kunde er ist. Prompt wird Lisa Selander eingeladen und eingestellt. Das multinationale Unternehmen ist in der ganzen Welt tätig: Saudi Arabien, Indien, Israel, Sri Lanka. Für sie stellt diese Aufgabe eine Herausforderung dar. Aber sie findet sie auch interessant und kann in dem halben Jahr viel lernen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Und dann wird sie auch noch die allererste schwangere Frau in diesem Unternehmen. Beide sehen sich versonnen an: «Vielleicht hätte es länger gedauert, wenn wir in Deutschland geblieben wären.» Der Umzug in die Schweiz habe sie einander näher gebracht, alles konnte sich hier auf natürliche Weise entfalten, ist sich der junge Arzt rückblickend sicher. «Das war ein Geschenk der Schweiz an uns.» So ist die Hochzeit im Sommer 2018 der logische Schritt für beide.

Wieder Liebe auf den ersten Blick

Schon lange träumt der Facharzt für Innere Medizin von der eigenen Praxis. Und seine Frau fühlt sich am Zürichsee noch nicht richtig wohl. So machen sie sich in der gesamten Schweiz auf die Suche. Als sie zum Kennenlernen zum Urner Arzt Beat Knoll nach Altdorf fahren, ist es für die hochschwangere Lisa Fabris sofort klar, dass sie hier bleiben will. Und wieder ist es Liebe auf den ersten Blick:

«Der Kanton Uri erinnert mich an die Gegend, aus der ich stamme, und Altdorf kommt mir in gewisser Weise vor wie Bonn.»
Ariele und Lisa Fabris fühlen sich in Uri wohl. Bild: Claudia Naujoks (Altdorf, 5. Juli 2019)

Ariele und Lisa Fabris fühlen sich in Uri wohl. Bild: Claudia Naujoks (Altdorf, 5. Juli 2019)

Es sei ein starkes Bauchgefühl gewesen, meint sie mit einem Augenzwinkern. Auch jetzt gehe es ihr so, dass sie von hier nicht mehr weg möchte, im Vergleich zum vorherigen Wohnort. Nach einer sehr herzlichen Aufnahme hier vor allem auch durch das Ehepaar Beat und Leontina Knoll, die ihnen sehr geholfen hätten, gut anzukommen, arbeiten beide zunächst in der Praxis mit. Lisa Fabris allerdings nur bis März, da im April 2019 ihr Sohn das Licht der Welt erblickt.

«Hier werden die Steuergelder sinnvoll eingesetzt»

Da die jungen Eltern die Schattdorfer Praxis in der Adlergartenstrasse 15 übernehmen, steht gerade eine Renovierung an. Diese wird einige Wochen in Anspruch nehmen, deshalb verbringt die junge Familie diese Zeit bei den Familien in Italien und Schweden. «Ich freue mich sehr auf den schwedischen Sommer, aber ich kehre auch gerne wieder hierher zurück», strahlt Lisa Fabris. Beide freuen sich auf ihre Zukunft im Kanton Uri, denn sie schätzen die Stabilität in der Bevölkerung und das Engagement in allen Bereichen des Zusammenlebens. «Hier werden die Steuergelder sinnvoll eingesetzt», meint die 25-jährige Betriebswirtin. Und da sind noch die fortschrittliche Hightech-Industrie, die internationale Vernetzung und die daraus resultierende Weltoffenheit in der Region.

Claudia Naujoks porträtiert in einer losen Serie Zugezogene, die in Uri Fuss gefasst haben.