Reportage

«Weniger ist mehr, wenn man es gut macht»: So feiert Andermatt den 1. August

Bei der Nationalfeier im Bergdorf ging es unkompliziert zu und her. Ein Besuch zum 1. August.

Christian Tschümperlin
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1. August Feier in Andermatt: Jonas (3) aus Andermatt bekommt einen Herzchenballon von Ballonkünstlerin Enle Jannichsen aus Nordfriesland.
11 Bilder
Manfred Oberbillig vom Gastro zum Sternen verkauft viele Biere.
Kaitlyn und Andrew Quinn bestellen Getränke bei Hotelier Thomas Kirchhübel vom Schlüssel.
Alin Riabouchkin aus Andermatt mag den Sound des DJs.
Die Fahnenschwinger haben ihre Kunst trotz Wind im Griff.
Das Quartett Gemmsstock blast den Gitsche Höreli.
Rede zum Nationalfeiertag von Landratspräsident Ruedi Zgraggen.
Das Publikum lauscht der 1. August Rede.
Die Kinder lassen auch bei Regen nicht vom Gumpischloss ab.
Szenen im Bergdorf.
Ein Paar tanzt zur Musik von Echo vom Muotaland.

1. August Feier in Andermatt: Jonas (3) aus Andermatt bekommt einen Herzchenballon von Ballonkünstlerin Enle Jannichsen aus Nordfriesland.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

An der leicht abgespeckten 1.-August-Feier in Andermatt hat es an nichts gefehlt: Einheimische wie Touristen schlendern durch den autofreien Dorfkern, es gibt gepressten Orangensaft und würzige Hotdogs. Die Gastronomen haben rausgetischt und die Musikanten geben ihre Ständchen zum Besten. Es kommt zu vielen spontanen Begegnungen. So verwundert es nicht, dass niemand das Festzelt vermisst hat. «Alle Beizen zusammen sind das Festzelt», wie Tourismusdirektor Thomas Christen etwas später sagen wird. Es seien mehr Leute gekommen als in anderen Jahren. Nicht weil andere Events abgesagt wurden, sondern weil es kühl und unkompliziert sei in den Bergen. «Weniger ist mehr, wenn man es gut macht». Gemeinderat Peter Baumann habe mit dem OK einen tollen Entscheid gefällt und den Dorfkern im Sommer erstmals autofrei gestaltet. «Das schreit nach mehr davon.»

1.-August-Feier in Andermatt: Kaitlyn Quinn bestellt bei Hotelier Thomas Kirchhübel vom Schlüssel.

1.-August-Feier in Andermatt: Kaitlyn Quinn bestellt bei Hotelier Thomas Kirchhübel vom Schlüssel.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Andrew und Kaitlyn Quinn aus Vevey sind zum ersten Mal an einem 1. August in Andermatt. Sie bestellen Getränke an der Ecke vor den Hotels Schlüssel und Zum Sternen. «Wir sind nach Andermatt gekommen, um zu Klettern. Dass hier eine kleine Feier stattfindet, war ein Plus auf der Rechnung, bei der wir uns letztlich für Andermatt entschieden haben», sagt Andrew Quinn. In Vevey sei nämlich alles abgesagt worden. Und Kaitlyn Quinn verrät: «In den Bergen können wir Corona vergessen».

Alphornbläser verjagen den Regen

1.-Augus-Feier in Andermatt: Robin (15) spielt bereits bei den Grossen mit.

1.-Augus-Feier in Andermatt: Robin (15) spielt bereits bei den Grossen mit.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Jäh setzt ein Regenschauer ein. Doch die Kinder beim Gumpischloss lassen sich davon nicht abhalten, hüpfen munter weiter. Es sind die Alphornklänge des Quartetts Gemsstock, die den Regen pünktlich zur Ansprache des Landratspräsidenten Ruedi Zgraggen zum Verschwinden bringen. Alphornbläser René Briker verrät mit einem Augenzwinkern: «Manchmal können wir die Wolken wegjagen.» Seit 36 Jahren spielt er am Donnerstag um 20.15 Uhr an ausgewählten Plätzen in Andermatt. Seit vier Jahren mit von der Partie ist auch Robin (15): Dank ihm wurde aus dem Trio ein Quartett. «An die Auftritte habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Danach treten wir noch im ‹The Chedi auf›», sagt er.

1.-Augus- Feier in Andermatt: Rede zum Nationalfeiertag von Landratspräsident Ruedi Zgraggen.

1.-Augus- Feier in Andermatt: Rede zum Nationalfeiertag von Landratspräsident Ruedi Zgraggen.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Landratspräsident Ruedi Zgraggen spricht in seiner Rede die viel bewunderte und oft beneidete Schweiz an. «Sauberkeit, Pünktlichkeit oder die Ruhe als Luxusproblem sind Bestandteile unserer Gesellschaft», sagt er. Tatsächlich seien uns seit Jahrhunderten kriegerische Verwüstungen und wirtschaftliche Kollapse erspart geblieben. Doch die Schweiz sei nicht unverwundbar, wie die letzten Monate gezeigt hätten. Deshalb: «Wir wollen zueinander Sorge tragen. Das Gemeinwesen funktioniert in der Schweiz gottlob noch immer sehr gut». Dabei stehe die Verantwortung eines jeden Einzelnen hoch im Kurs. «Wir dürfen auch auf die Schweiz als Institution stolz sein», streicht er hervor. Die Schweiz von heute sei eine der besten, freiheitsliebendsten, sichersten und friedlichsten Gesellschaften. «Der Wohlstand ist nicht selbstverständlich», so Zgraggen. Die Schweiz werde aber auch künftig stark bleiben, prognostizierte er. «Wenn wir weiterhin versuchen, nicht überheblich zu sein, weiterhin neutral bleiben und gute Dienste anbieten.» Die Rede wird abgerundet von den Fahnenschwingern des Kantons Uri, die trotz Wind ihre Kunst im Griff haben.

1.-August-Feier in Andermatt: Ständerätin Heidi Zgraggen kommt gerne nach Andermatt.

1.-August-Feier in Andermatt: Ständerätin Heidi Zgraggen kommt gerne nach Andermatt.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Am Rande der Rede trifft man auf Ständerätin Heidi Zgraggen. Sie habe sich gut eingearbeitet in Bern. «Ich bin noch kein Profi, wurde aber gut empfangen von den Kolleginnen und Kollegen», sagt sie. Trotz ihrer neuen Aufgabe findet sie noch immer genügend Zeit für Uri. «Andermatt ist ein Traum, es ist kühl und die Leute sind freundlich.»

Manfred Oberbillig vom Gastro zum Sternen verkauft viele Biere.

Manfred Oberbillig vom Gastro zum Sternen verkauft viele Biere.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung
Maler Rebsanen aus Schaffhausen kommt oft nach Andermatt.

Maler Rebsanen aus Schaffhausen kommt oft nach Andermatt.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Es sind die Hoteliers Manfred Oberbillig (Zum Sternen) und Thomas Kirchhübel (Schlüssel), die an ihrem Stand zusammenspannen. Hier hat es sich der Maler Andreas Rebsanen aus Schaffhausen mit seiner Familie gemütlich gemacht. Er ist nicht zum ersten Mal in Andermatt. «Meine Ferien verbringe ich immer in der Schweiz: Es hat eine Post, wenn man eine Post braucht, und eine Bank, wenn man eine Bank braucht», sagt er. Je besser man die Leute kenne, desto lustiger würde es. «Und hier oben kann ich gut schlafen, weil es kühl ist.»

Strassenplaner Günther aus Wien findet viele Inspirationen in Andermatt.

Strassenplaner Günther aus Wien findet viele Inspirationen in Andermatt.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Gäste aus nah und fern geniessen die friedliche Stimmung. Der Strassenplaner Günther aus Wien hat gerade einen Hotdog beim Gasthaus Tell bestellt. «Vor 20 Jahren fuhr ich mit dem Auto durch Andermatt und habe nicht angehalten, das war ein Fehler. Ich bin so glücklich hier», sagt er. Es sei ein Velo-Eldorado, an diesem Tag sei er am Gotthard, Lukmanier und Oberalp gewesen. Begeistert zeigt der Strassenplaner auf den Blättliweg, in dessen Mitte Plattstein verläuft. «In Wien will ich auch solche Wege wie in Andermatt bauen», sagt er.

Am Abend beginnt das Tanzen

Neben ihm setzt Musik ein. Als gäbe es kein morgen, tanzt ein Paar zur Musik des Quartetts «Echo vom Muotaland». Viele bleiben noch lange sitzen. Sie wollen im Bergdorf den begangenen Nationalfeiertag bis zum letzten auszukosten.

Ein Paar tanzt zur Musik von Echo vom Muotaland.

Ein Paar tanzt zur Musik von Echo vom Muotaland.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung