Weniger Viehwirtschaft?

Bauernverband erteilt Idee der Urner Grünen eine Absage

Ist die Viehwirtschaft in Uri noch zeitgemäss? Die Grünen Uri werfen eine brisante Frage auf. Beim Bauernverband zeigt man sich irritiert.

Christian Tschümperlin
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Die Grünen Uri haben in ein Wespennest gestochen: «Kein Wort verliert der Regierungsrat zu einem weiteren Verursacher von klimaschädigenden Gasen – der Landwirtschaft», kritisierte die Partei am Montag das neue Regierungsprogramm. Die Branche bestehe in Uri fast vollständig aus der Viehwirtschaft. «Das von Rindern und Schafen erzeugte Methan wirkt weit stärker schädigend auf das Klima als das CO2.» Die Partei erwartet deshalb von der Regierung, dass die Landwirtschaft im Kanton zu einem wesentlichen Teil auf pflanzliche Nahrungsproduktion mit einem Biostandard umgestellt wird.

Soll es diese Kühe künftig in Uri weiterhin geben? Eine Forderung der Grünen sorgt für Aufsehen.

Soll es diese Kühe künftig in Uri weiterhin geben? Eine Forderung der Grünen sorgt für Aufsehen.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Kein Verständnis für die Forderung hat Wendelin Loretz. Er ist Präsident des Bauernverbandes Uri. «Die Forderung ist jenseits der Realität», sagt er gegenüber unserer Zeitung. Er wehrt sich dagegen, dass ein Thema, das auf die nationale Ebene gehöre, auf den Kanton Uri begrenzt werde.

Wendelin Loretz ist Präsident des Bauernverbandes Uri.

Wendelin Loretz ist Präsident des Bauernverbandes Uri.

Bild: PD

In Uri sei der Vorschlag nicht umsetzbar, so Loretz. Dies habe geologische, topografische und klimatische Gründe. «Im Kanton Uri besteht kein oder fast kein Boden, den man überhaupt als Acker pflügen kann.» Dies liege an den Flächen, die meist wenig Bodentiefe und wenig Humus aufweisen würden und oft an steilen Hängen lägen. «Sobald der Regen kommt, spült er den wenigen Humus in den steilen Hängen weg.»

Seit es sie gibt, macht die Viehwirtschaft in Uri den Hauptbestandteil der Landwirtschaft aus. Dies liegt daran, dass das Gras für das Vieh weniger Humus benötigt als der Ackerbau. Über den Daumen gerechnet vermutet Loretz, dass in Uri 80 Prozent des Landes zu steil und die übrigen 20 Prozent zu humusarm sind für die pflanzliche Nahrungsproduktion.

Die Zahl der Gemüsebauern ist überschaubar

Im Kanton Uri existieren zwei Betriebe, die professionell Gemüse anbauen. «Diese betreiben aber daneben noch eine Viehwirtschaft», so Loretz. Die pflanzliche Nahrungsmittelproduktion in Uri diene lediglich dem Eigengebrauch oder der Förderung der Biodiversität. «Der Föhn ist ein weiterer Gegner für Obst-, Gemüse- und Ackerbau.» Grosse Plantagen wie im Thurgau seien in Uri undenkbar. «Die Klima- und Bodenbedingungen geben das nicht her.»

Den Kühen scheint es im Kanton Uri zu gefallen.

Den Kühen scheint es im Kanton Uri zu gefallen.

Bild: PD

Der Präsident des Bauernverbandes betont, man habe in den vergangenen Jahren in der Landwirtschaft enorme Anstrengungen unternommen, diese umweltfreundlicher zu gestalten. Er verweist auf den stark abnehmenden Gebrauch von Antibiotika und Pestiziden. Und er will auch weiterhin umweltfreundlichen Anliegen Hand bieten. Aber: «Die CO2- und Methan-Thematik gehört auf die nationale Ebene, wo Lösungen gefunden werden müssen, die den regionalen Gegebenheiten Rechnung tragen.»

Existenzgrundlage nicht gefährden

Er betont: «Sollte der Vorschlag umgesetzt werden, würde dies das Aus der Urner Landwirtschaft bedeuten und die gepflegten Wiesen, Weiden und Alpen gehören der Vergangenheit an.» In der Konsequenz müssten Nahrungsmittel von geringerer Qualität importiert werden, was letztlich den CO2-Ausstoss vermehren werde.

Eveline Lüönd, Vorstandsmitglied der Urner Grünen.

Eveline Lüönd, Vorstandsmitglied der Urner Grünen.

Bild: PD

Auf Anfrage stellt Eveline Lüönd, Vorstandsmitglied der Grünen Uri, klar: «Wir wollen nichts erzwingen, was die Existenzgrundlage unserer Bauern gefährdet.» Ihrer Partei gehe es darum, dass auch die Landwirtschaft einen Beitrag für die Klimaziele leisten könne. Man wolle Denkanstösse geben und verschiedene Varianten geprüft sehen.

In den Augen von Lüönd sollte sich die Urner Regierung bei ihrer Klimastrategie nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern aktiv weitere Bereiche prüfen. «Bevor man Nein sagt, wäre es interessant, sich anzuschauen, welche Möglichkeiten bestehen.» Sie denkt etwa an den Zweiten Weltkrieg, als schweizweit sehr viele Kartoffeln angebaut wurden, oder an ein aktuelles Beispiel aus dem Kanton Graubünden, wo auf 800 Metern über Meer die Thusis-Melone angebaut und an Starköche verkauft wird. «Das Klima erwärmt sich und da muss sich auch die Landwirtschaft bewegen.»

Ausnahme für Uri?

«Den Grünen liegt das lokale Produzieren und die Kreislaufwirtschaft am Herzen. Es kann nicht sein, dass unsere Bauern gegen billige Konkurrenzprodukte aus dem Ausland keine Chancen haben.» Auch Lüönd kann sich vorstellen, dass das Thema letztlich auf gesamtschweizerischer Ebene angegangen wird. «Es ist denkbar, dass Kantone, die für Plantagen besser geeignet sind als Uri, sich vermehrt der pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion zuwenden und dass man Uri aussen vorlässt.»

Ihr ist es aber wichtig, dass in einem künftigen Regierungsprogramm der Fokus nicht ausschliesslich auf die Wasserkraft und Gebäudesanierungen gelegt wird. «Wenn man wie angekündigt Vorreiterin sein will, muss man mehr tun.» Im Bereich der Landwirtschaft sieht sie beispielsweise das Potenzial darin, dass Betriebe vermehrt auf Bioprodukte umstellen, sagt Lüönd. «Der Kanton könnte proaktiv werden und Bio stärker unterstützen. Wir wollen das Feld öffnen und verschiedene Ideen diskutieren.»