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Wenn die Menschen da sind, erlischt meist der Widerstand

Christian Peter Meier

Protestdörfer «140 nie!» Dies postulierten vor rund fünf Jahren die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Freiämter Gemeinde Bettwil. Mit Erfolg. Aufgrund des starken Widerstands rückte der Kanton Aargau von seinen Plänen ab, auf dem Gelände einer ehemaligen Flugabwehrstellung der Armee bis zu 140 Asylbewerber unterzubringen.

Ähnlich wie nun in Seelisberg kulminierte der Protest der Bevölkerung an einer tumultartig verlaufenden Informationsveranstaltung, an der die Appelle der zuständigen Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli (Grüne) «mehrfach mit Gelächter, Buhrufen und Pfiffen quittiert» wurden, wie unsere Zeitung damals schrieb. Der damalige Gemeindeammann Wolfgang Schibler erhielt sogar eine anonyme Morddrohung. Nicht in erster Linie dieses Verhalten führte freilich zur Kehrtwende. Vielmehr half den Bettwilern die Gesetzeslage. Denn für die Umnutzung der Liegenschaft hätte laut einem nachträglich vom Kanton eingeholten Gutachten ein Baubewilligungsverfahren durchgezogen werden müssen. Zu viel Aufwand befanden die Behörden und bliesen das Projekt ab.

Die aktuellen Ereignisse in Seelisberg wecken auch bei Dieter Studer Erinnerungen. Der Bettwiler Gemeindeschreiber betont, dass sein Dorf die Aufnahmepflicht stets erfüllt habe: «Selbst zum Zeitpunkt der Proteste beherbergten wir Asylbewerber.» Derzeit leben in Bettwil laut Studer zehn Asylsuchende, die vom Kanton betreut werden. Gemäss der im Kanton Aargau geltenden Kontingentregelung müsste die Gemeinde bloss zwei Personen beherbergen. Das Zusammenleben zwischen Dorfbewohnern und Asylbewerbern verlaufe völlig problemlos, versichert Studer.

Bis vor Bundesgericht

In anderen Gemeinden dagegen verpuffte aufkommender Protest gegen Asylunterkünfte. Im zugerischen Menzingen etwa blieb 2012 eine Heuballenaktion («Asylanten, Gubel, nie») ohne weitere Folgen. Die Dorfbewohner fanden sich schnell mit den Plänen des Bundes ab, in der Militäranlage auf dem Gubel eine Bleibe für über 100 Personen einzurichten. Dabei mag die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass die ehemalige Truppenunterkunft weit vom Dorfkern entfernt liegt.

Deutlich heftiger, aber letztlich ebenfalls ohne Erfolg, protestierten die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Luzerner Landgemeinde Fischbach – dies, nachdem der Kanton schon 2011 bekannt gegeben hatte, er wolle ein seit Jahren kaum mehr genutztes Altersheim in eine Unterkunft für 35 bis 55 Asylsuchende umwandeln. Jahrelang sollten sich in der Folge die Gerichte mit diesen Plänen beschäftigen. Erst im vergangenen Mai fand der Fall vor Bundesgericht seinen Abschluss – im Sinne des Kantons und gegen die Interessen des Dorfs. Das ehemalige Altersheim steht allerdings noch immer leer: Denn noch hat der Kanton keine Asylbewerber in der Liegenschaft einquartiert, wie Gemeindepräsident Josef Vogel gestern auf Anfrage bestätigte.

Mit aller Kraft – und einem vermeintlich raffinierten Kniff – stemmten sich auch Bewohnerinnen und Bewohner der bündnerischen Gemeinde Laax gegen die Unterbringung von Asylbewerbern. Der Kanton hatte im Dorf ein Hotel gemietet, um rund 100 Asylbewerber unterzubringen. Diesen Plan versuchte die Gemeinde zusammen mit den Bergbahnen, einem ortsansässigen Hotelier sowie einigen Chaletbesitzern auszuhebeln, indem sie eine Kaufofferte für die betroffene Liegenschaft einreichten.

«Überhaupt keine Probleme»

Der Plan ging nicht auf – und der Kampf somit verloren. Doch trotzdem hat sich die Aufregung gelegt, wie der Bündner Abteilungsleiter für Asyl und Rückkehr, Georg Carl, gegenüber dem «Blick» versichert: «Der Widerstand dauerte nur so lange, bis die Leute dort waren. Wir haben heute überhaupt keine Probleme mit dem Zentrum in Laax.» Auch bei der Eröffnung von drei weiteren Bündner Asylunterkünften habe die Bevölkerung ähnliche Ängste geäussert. «Das geschieht halt oft in Regionen, die noch nicht direkt mit der Thematik konfrontiert wurden», so Carl.

Anti-Asyl-Grillparty

Ähnliche Erfahrungen machen die Behörden mit Blick auf Aarburg im Kanton Aargau und Amden im Kanton St. Gallen. In beiden Dörfern reagierten die Einwohnerinnen und Einwohner zunächst mit Protesten auf die geplante Unterbringung von Asylbewerbern. In Aarburg wurde gar eine «Anti-Asyl-Grillparty» anberaumt. Tempi passati. Heute geben die neuen Bewohner in beiden Dörfern kaum mehr zu reden.

In Amden hat sich sogar eine Arbeitsgruppe namens «Ammler Brugg» gebildet. Wie es der Name andeutet, versucht sie die Brücke zwischen Asylsuchenden und der Bevölkerung zu schlagen – mit Ausflügen, Malkursen, Kinderveranstaltungen und anderen Projekten.

Christian Peter Meier

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