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Sommerserie «Mein Lieblingsplatz»:
Wie das Leben die (Aus)Sicht verändert

Seit ihrer Kindheit ist Carmen Epp, Redaktorin der «Urner Zeitung», mit den Eggbergen verbunden.
Carmen Epp
Der Blick zum Rophaien hat die Kindheit und die Jugend von UZ-Redaktorin Carmen Epp geprägt. (Bild: Nico Infanger, Eggberge, 26. Juni 2019)

Der Blick zum Rophaien hat die Kindheit und die Jugend von UZ-Redaktorin Carmen Epp geprägt. (Bild: Nico Infanger, Eggberge, 26. Juni 2019)

Als wir an einer Redaktionssitzung den Beschluss fassten, den Lesern über den Sommer im Rahmen einer Serie unsere ganz persönlichen Lieblingsplätze im Kanton Uri näherzubringen, stand für mich sofort fest: Ich schreibe über die Eggberge. Erst später, als ich mich damit auseinandersetzte – und schliesslich mit meinem Göttibub die Seilbahnfahrt und den anschliessenden Fussmarsch bis 1630 Meter über Meer in Angriff nahm – wurde mir bewusst: Es ist kompliziert mit meinem Lieblingsplatz und mir. Schliesslich haben wir eine sehr lange gemeinsame Geschichte.

Die erste, wenn auch indirekte, Erinnerung an meinen Lieblingsplatz liegt 28 Jahre zurück. Damals war ich mit meinen Eltern und meiner ältesten Schwester und deren damaligem Freund auf einer Wanderung via Eggberge auf den Rophaien. Ich erinnere mich deshalb noch so gut daran, weil sich mir mehrere Bilder bis heute ins Gedächtnis gebrannt haben: Der schmale Weg über den Grat kurz vor dem Gipfel, das riesige Kreuz und die erste Kiwi, die ich als mäkelige Sechsjährige nur deshalb ass, weil der Freund meiner Schwester mir sagte, das Weisse in der Mitte sei Banane.

Viele tolle Momente auf der Wiese vor dem Haus

Auch wenn dies die einzige Besteigung des imposanten Berggipfels über dem Urnersee war, gewann zumindest sein Name und auch die Sicht auf ihn schon bald an Bedeutung. Dann nämlich, als mein Vater ein Haus mit der Bezeichnung «Rophaien-Hütte» auf den Eggberge bezog. Fortan war ich regelmässig auf den Eggberge – und das gerne. Ich erinnere mich an unzählige tolle Momente auf der Wiese vor dem Haus, selber gepflückte Heidelbeeren im Mund, an den Händen und im Gesicht, an die meterhohen Schneewände und das Knuspern des Schnees unter den Skiern der Menschen am Skilift, der keine zwei Meter an der «Rophaien-Hütte» vorbeiführte. In dieser Zeit machte auch ich die ersten Schritte als Skifahrerin; zuerst im Dauerstemmbogen zwischen den Beinen meines Vaters, dann auf dem Stiefelknecht rutschend vor den letzten weissen Flecken vor dem Haus und schliesslich mit meinem ersten Snowboard, das mir meine Schwester zum zwölften Geburtstag schenkte.

Im Teenageralter kam der Bruch mit dem Paradies von damals

Mein Göttibub Nico, der mich für diesen Text kürzlich auf die Eggberge begleitete, wird Ende Monat ebenfalls zwölf. «Ich bin gerne bei Grossdädi», sagt er auf der Seilbahnfahrt. «Das glaube ich Dir gerne», erwidere ich – und werde nachdenklich. Auch ich ging als Kind immer gerne zu meinem Vater in die Höhe, nahm auch gerne den 30-minütigen Fussmarsch von der Bergstation bis zum Haus auf mich – auch wenn er mich wohl ehrlicherweise zum grossen Teil auf den Schultern trug. Und mit dem Umzug ins Haus neben der «Rophaien-Hütte» kam neben zusätzlichem Platz auch ein Sitzplatz mit Garten und Bäumen zum Klettern hinzu.

Als ich aber allmählich ins Teenageralter kam, kippte die Stimmung. Ohne Fernseher und Internet – auch wenn das damals im Vergleich zu heute noch extrem langsam war – wurden die Wochenenden auf den Eggbergen für mich zu einer Art Strafe. Konnte mich mein sieben Jahre jüngerer Bruder zu Beginn noch mit seiner Freude über unser gemeinsames Zelt- oder Schneehöhlenbauen anstecken, war meine Lust auf die Wochenenden auf den Eggbergen spätestens dann dahin, als meine Kollegen in den Ausgang gingen. Alle hatten sie Spass, ausser mir, die auf 1630 Metern über Meer die Stunden zählte. Und konnte ich meine Mutter am Telefon doch noch erweichen, einen Tag früher nach Altdorf kommen zu können, machte mir bestimmt der Föhn einen Strich durch die Rechnung, indem die Seilbahn nicht fahren konnte.

Der elfjährige Nico beim Fotografieren. (Bild: Carmen Epp, Eggberge, 26. Juni 2019)

Der elfjährige Nico beim Fotografieren. (Bild: Carmen Epp, Eggberge, 26. Juni 2019)

Klettern und entdecken statt mit dem Handy spielen

«Es gab eine Zeit, da war ich nicht mehr so gerne hier», eröffne ich Nico auf dem Fussmarsch zum Haus meines Vaters, etwas beschämt. Wieso das, will er wissen. «Na weil es halt keinen Fernseher gab und auch kein Internet.» Das mache doch nichts, erwidert er. Es sei doch auch toll, mal einfach nur Radio zu hören, dem Feuer im Kamin zuzuschauen und vor allem: draussen zu spielen, zu klettern, zu entdecken. «Da hast Du natürlich Recht», sage ich und verkneife mir das «Aber». Ich hoffe, dass er sich diese Einstellung beibehalten kann. Da das Internet heute deutlich präsenter und die Handys viel leistungsfähiger sind als zu meiner Teenagerzeit, würde ich jetzt nicht allzu viel Geld darauf verwetten, dass nicht auch Nico und sein zwei Jahre jüngerer Bruder mal den Ausgang mit Freunden dem Besuch auf den Eggberge vorziehen werden. Das ist der Lauf der Zeit, der mir durch den Ausflug erst so richtig bewusst wird. Und solange er die Liebe zu den Eggbergen als Erwachsener wiederentdeckt, wie ich es tat, besteht auch kein Grund zum Jammern oder gar zur Sorge.

Vom Tisch bis zu den Fragen: 
Alles bleibt beim Alten

Denn beim Haus meines Vaters angekommen, scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Seine Haare sind zwar etwas grauer geworden, in der Stube steht ein neuer Kamin und an der Hauswand prangt neu eine Hausnummer, an die die Post nun adressiert wird. Sonst ist vieles beim Alten geblieben. Mein Vater füllt denselben Krug mit Sirup wie damals, als ich noch Kind war, und stellt ihn auf denselben roten Tisch, mit dem ich vor über 20 Jahren mit meinem Bruder ganze Festungen gebaut habe. Und während sich Nico mit der Fotokamera auf die Suche nach dem perfekten Sujet für Gottis Zeitungsartikel macht, stelle ich meinem Vater die Frage, die ich jedes Mal stelle, wenn ich das Panorama betrachte: «Wie weit sagtest Du, sieht man hier?» Und er antwortet geduldig wie immer, dass man rechts in der Ferne bei guter Sicht bis zur Jurakette und am linken Ende des Panoramas den Badus im Bündnerland sehen kann. Genauso wie die Namen der zahlreichen Gipfel, die sich dazwischen auftürmen und mein Vater in- und auswendig kennt, werde ich die Antwort bis zum nächsten Mal wieder vergessen haben. Obwohl es längst eine App gäbe, die einem zeigt, welchen Gipfel man vor sich hat, werde ich weiterhin meinen Vater fragen.

In der Zwischenzeit habe ich die Eggberge nämlich wieder lieb gewonnen. Anders als zu meiner Zeit als Teenager hält mich nicht mehr der Mangel an Fernseher und Internet davon ab, öfters hierher zu kommen. Im Gegenteil:

Gerade dass hier Dinge wie Fernsehen, Internet und Smartphones automatisch in den Hintergrund rücken, macht den Sitzplatz vor dem Haus meines Vaters zu meinem Lieblingsplatz.

Es ist vielmehr die fehlende Zeit, die dazu führt, dass ich nur noch selten den Weg hierher finde. Bleibt zu hoffen, dass Nico mich ab und an dazu animiert, «uf d’Eggä» mitzukommen – sei es in naher Zukunft, als Teenager oder später. Dass er ein gutes Auge für meinen Lieblingsplatz hat, beweisen die Fotos, die er geschossen hat und ich für den Artikel verwenden darf. Im Gegensatz zu meinem Blick auf die Eggberge haben sich meine Fotos im Vergleich mit Nicos nicht zum Besseren verändert.

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