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Altdorf: Berufsschüler lernen, wie sich Umgangsformen verändert haben

Kommunikationstrainerin Corinne Staub klärte an der Berufsschule in Altdorf über moderne Umgangsformen auf. Dabei brach sie mit Veraltetem.
Christian Tschümperlin
Corinne Staub thematisierte auch das Outfit an ihrem Benimm-Crash-Kurs: Im Vordergrund stand dabei die Frage, wie formell die Kleidungsstücke wirken. (Bild: Christian Tschümperlin (Altdorf, 2. Oktober 2019)

Corinne Staub thematisierte auch das Outfit an ihrem Benimm-Crash-Kurs: Im Vordergrund stand dabei die Frage, wie formell die Kleidungsstücke wirken. (Bild: Christian Tschümperlin (Altdorf, 2. Oktober 2019)

«Höflichkeit ist ein Kapital, das wächst, wenn man es ausgibt», besagt ein persisches Sprichwort. Doch was zu Grossmutters Zeiten als höflich galt, ist heute längst nicht mehr das Mass aller Dinge. Das sagt Kommunikationstrainerin Corinne Staub am Mittwochnachmittag im Kurs «Benimm ist in» an der Berufsschule Altdorf mit Detailhandelslernenden. «Früher galt: Kleider machen Leute, weil nur reiche Leute sich den Stoff leisten konnten», sagt sie. Das sei heute nicht mehr so. Als «in» gälte es eher, wenn man sich Lockerheit leisten könne. Der Wirkung von Lockerheit müsse man sich aber bewusst sein: «Wenn ein Kundenberater sich leger anzieht, sagt er damit, dass er auch mal den Fünfer gerade sein lässt. Es ist ihm also egal, wenn ich fünf Minuten zu spät komme und er darf sich dann auch nicht darüber beklagen», sagt sie. Die Kleiderwahl als bewusste Entscheidung, als Imageträger und Signal.

Der Knigge mit seinen klassischen Umgangsformen hält Staub für ein Relikt. «Für mich ist es nicht mehr zeitgemäss, über Regeln zu sprechen. Es gibt Wichtigeres.» «Richtig» und «falsch» sei von gestern. In der Kommunikation gehe es heute vielmehr um verschiedene Werte, die verschiedene Wirkungen erzielen.

Klartext statt politisch korrekte Floskeln

Tatsächlich hat sich die Schweizer Kultur stark gewandelt. Grosse Städte wurden zu kulturellen Schmelztiegeln. «Alles ist heute völlig individuell, die Umgangsformen hängen von der Kultur ab, vom Milieu, vom Beruf», sagt sie. Wer im Geschäftsleben erfolgreich sein wolle, müsse Small Talk beherrschen, Kunden gewinnen können. Es gehe ums Netzwerken und habe mit Klartext zu tun: «Gerade in unserer Zeit, in der alles politisch korrekt sein muss, redet man vielfach komisch.» Das zeige sich beispielsweise in Firmen bei Feedback-Gesprächen. Den Grund ortet Staub in dem Umstand, dass man heute schnell Klagen am Hals habe.

«Das sind schon fast amerikanische Verhältnisse.»

Trotzdem sieht sie gerade die amerikanische und deutsche Kultur als Vorbild für die Schweiz: «Leute aus diesen Kulturkreisen können sich einfach viel selbstbewusster verkaufen», sagt sie. Die Kehrseite sei aber, dass dies auf Schweizer leicht arrogant wirke. Hier gälte es, die Balance zu finden.

Ganz ohne Regeln ging es am Mittwochnachmittag dann aber doch nicht: Als die Schüler eintrudeln, nimmt fast niemand in der ersten Reihe Platz. «Die Coolen sitzen immer vorne», sagt Staub in die Runde und motiviert einige Hinterbänkler nach vorne zu kommen. Als Staub beginnt, wird in den hinteren Reihen noch geflüstert. «Ruhe, Jungs», ruft Abteilungsleiter Peter Schmidli. Richtiges Benehmen sei nun genau das Thema dieses Nachmittags.

Gegenspieler von James Bond versus Schwiegersohn

Staub gelingt es dann aber schnell, die Aufmerksamkeit der Klasse zu fesseln. Sie ruft zwei Kappenträger nach vorne. Maurizio trägt den Sonnendeckel über dem Gesicht, Mateo hat ihn nach hinten gedreht. «Auf wen gehe ich als Kundin zu?» fragt Staub ins Publikum. Die Meinungen sind schnell gemacht: «Mateo», meint das Publikum. Warum? Staub erklärt: «Bei Mateo sieht man das ganze Gesicht. Er wirkt zugänglicher. Maurizio könnte der Gegenspieler von James Bond sein. Mateo der Schwiegersohn für meine Tochter.» Es wird gelacht. Staub:

«Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.»

Im Englischen spricht man vom sogenannten Primacy-Effekt: Vom ersten Eindruck schliessen Kunden auf das Können des Verkäufers.

Nach diesem Intermezzo sind die Detailhandelsfachangestellten weiter gefordert. Sie erhalten eine halbe Stunde Zeit, um sich in Gruppen Gedanken zum Thema «gewinnend & professionell auftreten» zu machen und diese in einer kreativen Form zu präsentieren. Die Gruppen kommen mit zahlreichen Ideen wie Quiz oder Pantomime-Spiel zurück und diskutieren über Punkte wie Respekt, Vertrauen, Sympathie, Blickkontakt und Lächeln.

Staub spickt den Unterricht mit zahlreichen Anekdoten. Kürzlich habe sie auf der Post einen Brief aufgeben wollen. «Die Postangestellte hat mit ihrem Kollegen gesprochen, statt sich um mich zu kümmern», sagt sie. Sie habe gesagt: «Ich bin mir ja bewusst, dass man bei ihnen eine Nummer ziehen muss, aber ich bin keine Nummer.» Ob sie eine mühsame Kundin sei, fragt sie rhetorisch ins Publikum und gibt sich die Antwort selber: «Ich bin keine mühsame Kundin.» Aber es gäbe natürlich mühsame Kunden. Hier gälte: «Der Kunde ist König, aber nur solange er sich auch wie ein König benimmt.»

Feines und glattes Material wirken professioneller

Dass man die Kleider noch nicht ganz abschreiben darf, das wurde zum Schluss klar: Mehrere Lernende wurden nach vorne gebeten. Das Publikum sollte die Gruppe nach dem Grad der Formalität ihrer Kleider anordnen. Von links «Chef» bis nach rechts «Mitarbeiter». Ganz nach links schafften es Eldina und Abdi. Staub erklärt: «Es geht um die Dreiteiligkeit der Kleider: Beide tragen Hose, Shirt und Jacke beziehungsweise Blazer.» Je feiner und glatter das Material sei, desto distanzierter und professioneller wirke es.

Mit vielen guten Erkenntnissen entliess Staub die Detailhandelsangestellten daraufhin in den Feierabend. «Ich nehme mit, dass der erste Eindruck sehr viel ausmacht. Vor allem die Optik und dass man sich wohl fühlt. Das ist super wichtig», sagt Deria Meger aus Altdorf.

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