Wie Uri mit Millionen umging

Viele Spendengelder flossen damals nach Uri. Auf einmal standen die Geschädigten in der Kritik, sie würden die Katastrophe zu ihren Gunsten ausnutzen.

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Die unbändige Kraft der Natur im August 1987: Bei Gurtnellen rissen die Wassermassen das Bahngeleise weg. (Bild: Archiv/Neue UZ)

Die unbändige Kraft der Natur im August 1987: Bei Gurtnellen rissen die Wassermassen das Bahngeleise weg. (Bild: Archiv/Neue UZ)

Es sah auswegslos aus: Strassen waren zerstört, Telefonverbindungen unterbrochen, Hunderte von Häusern standen unter Wasser. Die ganze Schweiz hatte Mitleid mit den Urnern. Millionen von Spendengeldern kamen zusammen. Und dann hiess es im Konsumentenmagazin Kassensturz des Schweizer Fernsehens, Uri sei ein Bettler-Kanton, der die Krise zu seinen Gunsten ausnutze. «Dagegen wehrten wir uns vehement», sagt Carlo Dittli, damaliger Urner Landesstatthalter und Finanzdirektor.Eine Stellungnahme während einer Live-Sendung verwehrte das Fernsehen den Urnern. Danach gaben die Urner Regierungsräte keine Auskunft mehr, auch als der Fernsehwagen vor dem Rathaus eintraf. «Wir hatten weiss Gott genug anderes zu tun», sagt Dittli.

«Hilfe ist garantiert»

Bundesrat Leon Schlumpf hatte sich das Krisengebiet aus der Luft angeschaut. Als er aus dem Helikopter stieg, machte er der Urner Regierung Mut. «Er sagte zu uns, Hilfe sei garantiert. Und zwar ‹unbürokratisch, unkompliziert und sofort›», weiss Dittli noch genau. Mit dieser Rückenstütze sei unverzüglich mit dem Aufräumen begonnen worden. «Fragen nach Umweltverträglichkeit haben keine Rolle mehr gespielt. Wir hatten die Kompetenz, jegliche verfügbaren Baumaschinen zu benützen und Maschinenführer einzusetzen.» Aus der Not heraus habe jeder mit angepackt. Der Finanzdirektor wurde gefragt, wer das nur alles bezahlen werde. Dem sah Dittli gelassen entgegen. «Wir machten es, wie es in der Verfassung steht.» Die Regierung müsse handeln und könne Finanzkompetenzen später regeln, heisst es dort. Der Regierungsrat beschloss, den Betroffenen sofort ein Zeichen zu setzen. Allen Urnern, deren Häuser unter Wasser standen, übergab er via Gemeinden einen Betrag von 5000 bis 10 000 Franken. Auf diese Weise flossen gleich 1,4 Millionen Franken an Private. Damit die Gemeinden kein Geld aufnehmen mussten, um Infrastrukturschäden zu beheben, übergab ihnen der Finanzdirektor unverzüglich Checks in der Höhe von mehreren 100 000 Franken. Nach 4 Wochen wurde sauber nach Beleg abgerechnet. «Das war eine schöne Zeit», sagt Dittli, trotz allen Übels.

Trost spenden trotz Kummer

Neben der finanziellen Hilfe leistete die Regierung auch moralischen Beistand. Der damalige Landammann und Landwirtschaftsdirektor Hans Zurfluh, dessen Haus selber unter Wasser stand: «Es war nicht einfach für mich, Leute zu trösten, obwohl ich zu Hause selber grossen Kummer hatte.» Mut gemacht habe ihm die Unterstützung. «Die Hilfe war wirklich grossartig», so Zurfluh. Die Glückskette begann für Uri zu sammeln. Hilfe kam auch von der Caritas und dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz Heks. Der Landwirtschaftsdirektor führte die Kommission an, die sich um die Verteilung dieser Gelder an Private kümmerte. «Vieles war ungenügend, anderes gar nicht versichert», sagt Zurfluh. In diesen heiklen Fällen bewirkten die Spenden, dass rund 90 Prozent der nicht versicherten Schadensumme gedeckt werden konnte. Viele Betroffenen erhielten auch auf privatem Weg Geld. Dies musste angegeben werden und wurde von der Kommission berücksichtigt. «Hier hat vielleicht der eine oder andere etwas mehr profitiert. Das konnten wir nicht kontrollieren. Doch wir glauben, dass die Aufteilung sehr fair war», sagt Zurfluh überzeugt.

Schnapsrechnung kommt retour

Den Urnern wurde knallhart auf die Finger geschaut. Drei Wochen nach dem Unwetter wurde ein erstes Mal abgerechnet. Primär musste der Bund den Armee-Einsatz vergüten. Die Gesamtsumme betrug weit mehr als eine Million Franken. Ein einziger Beleg kam retour: Eine Rechnung für einen Liter Schnaps. «Den Soldaten wurde um 23 Uhr Kaffee aufgetischt», schrieb Dittli nach Bern. Ein Leutnant habe angeordnet, den Schnaps zu besorgen. «Auch diese Rechnung wurde schliesslich bezahlt», sagt Dittli amüsiert. Der damalige Finanzdirektor ist noch heute überwältigt von der Solidarität. «Ein paar Tage nach dem Unwetter rief mich der Jakob Stucki, der Finanzdirektor des Kantons Zürich an, er wolle mich treffen», sagt Dittli. Mit dabei waren auch die Finanzdirektoren von Graubünden, Tessin und Wallis. Auf dem Fussballplatz in Göschenen landete der Zürcher Regierungsvertreter mit dem Helikopter. Im Gepäck hatte er die Zusage, 5 Millionen Franken zu spenden. «Spontan habe ich den Verteilschlüssel vorgeschlagen: Je eine Million für Graubünden, Tessin und Wallis und für uns 2 Millionen, weil wir der am stärksten betroffene Kanton waren», sagt Dittli. «Wir gaben uns die Hand und die Checks wurden unterzeichnet.» Um 9 Uhr abends habe das Telefon erneut geklingelt. Diesmal war es Georg Stucki, Finanzdirektor von Zug, der die Garantie für eine weitere Million als Hilfe zusicherte. Ausserdem bewilligte das Parlament ein Direkthilfepaket von 13 Millionen Franken für Schäden der öffentlichen Hand.

Florian Arnold/Neue UZ