Kolumne
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Ürner Asichtä: Stefan Fryberg über seine Generation

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Stefan Fryberg.

Stefan Fryberg.

Bild: PD

So wie Hunderttausende gehöre auch ich neuerdings zur Risikogruppe. Ich bin jetzt definitiv im Kreis der älteren Generation gelandet. Ob mir das passt oder nicht. Das mickrige, fiese Coronavirus hat mich schlagartig zwar nicht zum Greis, aber immerhin zum älteren Herrn gemacht.

Ich kenne niemanden, der gerne alt ist. Deshalb hat der Herrgott in kluger Voraussicht zwei Besonderheiten geschaffen, die uns das Älterwerden erleichtern. Zum einen spüren wir nicht, wie wir Tag für Tag älter werden. Der Prozess ist derart schleichend, dass sich viele mit über 70 noch genauso körperlich und geistig fit wie als Vierzigjährige fühlen. Zum andern schätzen wir uns im Alter oft viel jünger ein, als wir tatsächlich sind. Nichts beleidigt uns Ältere mehr, als wenn uns jemand 70 Jahre gibt, obwohl wir erst kürzlich den 69. gefeiert haben.

Seit einigen Wochen werden wir von höchster Stelle immer aufs Neue an unser Alter erinnert. Gleichzeitig werden wir eindringlich ermahnt, die Anordnungen des Bundes strikt zu befolgen. Für einige der über 65-Jährigen grenzen die Aufrufe an Bevor-, wenn nicht gar Entmündigung. Allein schon deswegen tun sie sich schwer, zu Hause zu bleiben und für den Einkauf die Hilfe anderer anzunehmen. Schliesslich ist man noch selber Herr und Meister, um ein Vielfaches besser «zwäg» als mancher Junge und überhaupt: Wir Ältere haben schon vieles überstanden und werden mit Sicherheit auch diese Krise meistern.

Ich weiss, für viele ist es bitter, ihre Enkelkinder nicht mehr «gaumen» zu können oder auf das abendliche Bier am Stammtisch verzichten zu müssen. Aber was sind diese Einschränkungen, gemessen an den Sorgen jener zahlreichen Handwerker, Gewerbetreibenden oder Angestellten, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen und grosse Angst haben, ihren Job zu verlieren, und beim besten Willen nicht wissen, wie sie künftig über die Runden kommen wollen?

Hand aufs Herz: Uns Älteren geht es trotz des momentanen Verlusts an liebgewonnen Gewohnheiten und der Begrenzung unserer persönlichen Freiheit nach wie vor gut. Die AHV ist gesichert, ebenso die Renten aus den Pensionskassen und um das Ersparte auf den Banken müssen wir nicht bangen.

Und das Schönste ist, wie besorgt sich die Jüngeren um uns Ältere kümmern. Wetten, auch Sie wurden in letzter Zeit wiederholt von Leuten angerufen, die sich nach Ihrem Befinden erkundigt und Ihnen ihre Hilfe angeboten haben.

Jetzt ist es nicht zuletzt auch an uns Älteren, dafür zu sorgen, dass das Coronavirus bald besiegt wird. Im Gegensatz zu vielen anderen, die etwa in Spitälern, Pflegeheimen oder in Verkaufsläden trotz der grossen Ansteckungsgefahr bis an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Kräften im Einsatz stehen, besteht unser Beitrag hauptsächlich darin, den Anordnungen von oben geschlossen Folge zu leisten. «Am schönsten ist es halt immer noch zu Hause», höre ich öfters von Leuten nach ihrer Rückkehr aus den Ferien sagen. Setzen wir Ältere dieses Bonmot für ein paar Wochen buchstäblich um: Bleiben wir zu Hause und lassen uns nicht anstecken – weder vom Coronavirus noch von den ebenfalls krank machenden Viren des Unmuts, der Ungeduld und der Nachlässigkeit.

Stefan Fryberg, ehemaliger Regierungsrat