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Interview

Frauenstreik in Uri: «Wir fordern den Fünfer und das Weggli»

Am Freitag, 14. Juni, setzen sich Frauen in der Schweiz gemeinsam für Gleichberechtigung ein. Rebekka Wyler, Erstfelder Gemeinderätin und Co-Generalsekretärin der SP Schweiz, erklärt im Interview, was es mit der Aktion auf sich hat.
Carmen Epp
Rebekka Wyler, Co-Generalsekretärin der SP Schweiz und Gemeinderätin in Erstfeld. (Bild: Archiv UZ, Dezember 2018)

Rebekka Wyler, Co-Generalsekretärin der SP Schweiz und Gemeinderätin in Erstfeld. (Bild: Archiv UZ, Dezember 2018)

Rebekka Wyler, für Sie als Co-Generalsekretärin dürfte die Teilnahme am Frauenstreik Pflicht sein. Wie und wo verbringen Sie den Tag?

Da ich einen politischen Job habe, ist die Situation bei mir speziell, der Streik gewissermassen Teil meiner Arbeit. Vor dem Apéro der SP Uri im Restaurant Schützenmatte ab 15.30 Uhr in Altdorf werde ich mit den Frauen des SP-Sekretariats in Bern Weggli und Schokomünzen an Passantinnen und Frauen verteilen, die am arbeiten sind – stellvertretend dafür, was wir Frauen fordern.

Das da wäre?

Dass wir nicht mehr länger mit billigen Versprechungen abgespeist werden, sondern wie auch die Männer beides haben und vereinbaren können: Familie und Beruf – oder eben den Fünfer und das Weggli.

Am 14. Juni 1991 wurde schon mal gestreikt. Hat sich denn seither nichts getan?

Natürlich gab es Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung, allerdings hat die Entwicklung in den vergangenen 15 bis 20 Jahren stark stagniert. Erst durch Bewegungen auf den sozialen Medien haben feministische Anliegen in den vergangenen Jahren wieder an Öffentlichkeit gewonnen. Das ist wohl der grösste Schritt in die richtige Richtung der letzten Zeit.

Wie meinen Sie das?

Lohnungleichheit und Gewalt an Frauen werden oft totgeschwiegen. Sobald ein Thema aber öffentlich debattiert wird, hält es auch Einzug in die Diskussionen am Küchentisch und damit in die Köpfe der Menschen. Das hat die sogenannte Me-Too-Bewegung gezeigt, bei der Schauspielerinnen sexuelle Gewalt in der Filmbranche offenlegten. Erst durch die öffentliche Debatte getrauten sich weitere Frauen, ihr Schweigen zu brechen und die Missstände anzuprangern. Dieser Geist soll auch durch den Frauenstreik weitergetragen werden.

Dabei sind doch aber die wenigsten Frauen von sexueller Gewalt betroffen?

Hier ist es wichtig, das Thema in einem breiten Kontext anzuschauen und nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gewalt zu berücksichtigen. Abschätzige Bemerkungen und dumme Sprüche gehören genau so zu sexueller Gewalt wie ungewollte Berührungen. Und da gibt es wohl fast keine Frau, die nicht schon mit solchen Verhaltensmustern konfrontiert war. Dasselbe gilt für die zwei anderen Themen, die beim Frauenstreik im Zentrum stehen: Care-Arbeit und Lohnungleichheit.

Inwiefern?

Die Frage, wie man sich die Care-Arbeit aufteilt, also wer wie viel kocht, bügelt und aufräumt, stellt sich in jedem Haushalt, auch kinderlosen Paaren. Dasselbe gilt für die Frage, wer wie viel verdient. Insofern spricht der Streik viele Frauen an: Von der Hausfrau und Mutter, die den ganzen Haushalt alleine schmeisst und am Ende mit wenig Rente auskommen muss, bis hin zur kinderlosen Frau, die als Berufstätige weniger verdient als ein Mann.

Und wie sind Sie persönlich betroffen von den Themen?

Da ich keine Kinder habe, stellt sich mir die Frage, wie ich Beruf und Familie vereinbaren kann, nicht. Hätte ich jedoch Kinder gehabt, hätte ich nicht den Weg einschlagen können, den ich gewählt habe. Vor allem im Kanton Uri, wo es zu wenig externe Betreuungsangebote gibt. Das ist die Ungerechtigkeit, der ich persönlich begegne: Dass man sich als Frau entscheiden muss zwischen Beruf und Kindern. Einem Mann stellt sich diese Frage meist gar nicht; es ist klar, dass er beides haben kann.

Sie teilen das Co-Generalsekretariat der SP Schweiz mit einem Mann. Wie steht es da um die Lohngleichheit?

Da wir im selben Alter sind, ist unser Grundlohn derselbe. Innerhalb der SP kennt jeder die Lohntabelle und kann einschätzen, wo er im Vergleich zur Kollegin oder zum Kollegen steht.

Wieso sollte mich interessieren, was meine Kollegen verdienen, solange ich mit meinem Lohn zufrieden bin?

Das muss einen nicht zwingend interessieren. Oft kennt man ja auch in etwa seinen Marktwert und kann abschätzen, ob man da im Rahmen liegt. Wer aber den Verdacht hat, dass er oder sie viel weniger verdient als andere in vergleichbaren Positionen, sollte die Möglichkeit erhalten, Transparenz einzufordern.

Gehen Sie davon aus, dass Chefs Frauen absichtlich weniger Lohn zugestehen als Männern für dieselbe Arbeit?

Nein. In den allermeisten Fällen steckt hinter ungleichen Löhnen von Männern und Frauen keine böse Absicht. Meist liegt es vielmehr daran, dass die Vergleichbarkeit und auch die Übersicht über alle Löhne schwierig ist, gerade bei grösseren Unternehmen. Und ein Teil der Unterschiede ist ja erklärbar mit Berufserfahrung, Ausbildungsstand und weiteren Faktoren.

Oft heisst es auch, Frauen seien selber schuld, wenn sie weniger verdienen ...

Natürlich tragen Frauen auch einen Teil der Verantwortung, wenn sie etwa in Bewerbungsprozessen schlechter verhandeln als männliche Mitbewerber. Zum grössten Teil ist es aber einfach das System, das nicht stimmt und die Spirale weiter drehen lässt. So sind etwa jene Berufe, die zum grössten Teil von Frauen gewählt werden, vielfach schlecht bezahlt. Hinzu kommt der Gruppendruck im noch jungen Alter, in dem die erste Berufswahl getroffen wird. Wenn man diese Faktoren bedenkt, wird es schwierig, Frauen für ihre Lage einen Vorwurf zu machen.

Wie viele andere Frauen in der Zentralschweiz darf auch ich am Streik teilnehmen, muss dafür aber freinehmen. Widerspricht das nicht dem Streikgedanken?

Der Frauenstreik ist nicht wie sonstige Streiks gegen die Arbeitsbedingungen in einem bestimmten Betrieb gerichtet, sondern ein politischer Anlass, an dem unter anderem Forderungen im Zentrum stehen, welche die Arbeit betreffen. Insofern ist der Widerspruch nur auf den ersten Blick einer.

Gibt es eigentlich ein Vorbild, was die Frauenbewegung angeht? Alice Schwarzer scheint ja ausgedient zu haben ...

Da würde ich die in Erstfeld geborene und aufgewachsene Emilie Lieberherr nennen. Wie in ihrer Biografie nachzulesen ist, hat sie schon früh sehr eindrücklich aufgezeigt, wie man feministische Anliegen trotz vieler Widerstände durchsetzen kann. Ihr Engagement können sich viele Frauen zum Vorbild nehmen, am und auch nach dem heutigen Frauenstreiktag.

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