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Wo der Anwalt neben dem Polizisten zeltet

Eine Altdorfer Ehemaligen-Jungwacht hat alte Zeiten wiederaufleben lassen und in Oberwald für eine Woche die Zelte gespannt. Ein Besuch im Oberwallis zeigte, warum «Alt-Wacht» keine alternative Bezeichnung ist.
Remo Infanger
Von links: Michael Arnold, Philipp Walker, Markus Walker und Alexander Egli geniessen das Lagerleben. (Bild: Remo Infanger, Oberwald, 25. Juli 2018)

Von links: Michael Arnold, Philipp Walker, Markus Walker und Alexander Egli geniessen das Lagerleben. (Bild: Remo Infanger, Oberwald, 25. Juli 2018)

Zwischen Bäumen und Sträuchern, Zeltschnüren und Campingstühlen spielte die Uhrzeit für eine Woche keine Rolle. Weg vom Alltag, im Wald neben dem idyllischen Dörfchen Oberwald im Kanton Wallis, haben sich ehemalige Altdorfer Jungwächtler zusammengefunden, um alte Zeiten wiederaufleben zu lassen. Das einwöchige Lager, das heute zu Ende geht, erlebte in diesem Jahr bereits seine sechste Auflage.

«Eine Uhr trägt hier kaum jemand – weder am Handgelenk, noch auf dem Handydisplay», erklärt Toni Muheim, Mitorganisator des Lagers. «Wir brauchen auch keine, denn das Horn ist unsere Uhr.» So wissen jeweils bloss die Gestalter des Tagesprogramms oder das Küchenteam, wie spät es gerade ist.

Lagerleiter Stefan "Cheesy" Gerber beim Fassen von "Stocki" mit Gulasch. (Bild: Remo Infanger)

Lagerleiter Stefan "Cheesy" Gerber beim Fassen von "Stocki" mit Gulasch. (Bild: Remo Infanger)

Sogar internationale Vertretung

Das Horn bläst Mittag: Ausgerüstet mit Tellern und Besteck, reihen sich rund 95 Teilnehmer vor den Tischen ein, an denen «Stocki» mit Gulasch und Couscous geschöpft wird. Auch Kinder mit ihren Müttern stehen an. Lagerleiter Stefan Gerber erklärt: «Es nehmen nicht nur die ehemaligen Jungwächtler am Lager teil», sagt der Altdorfer. «Auch Familienangehörige, Bekannte und Verwandte sind immer willkommen.» So seien anfangs Woche auch Verwandte eines Jungwächtlers aus Grossbritannien auf einen Kurzbesuch gekommen. «Jetzt können wir sagen, dass unser Lager sogar international vertreten ist», scherzt Gerber.

Während der jüngste Lagerteilnehmer vor ein paar Monaten auf die Welt gekommen ist, ist die älteste Teilnehmerin 60 Jahre alt – und gleichzeitig die Sous-Chefin der Lagerküche: «Es ist etwas schade, dass wir kein offenes Feuer machen dürfen», so Pia Marty aus Altdorf. «Ansonsten hätten wir mal ein Raclette über der Glut gemacht, wenn wir schon im Wallis sind.» Aufgrund der anhaltenden Hitze gilt nämlich seit zwei Wochen ein kantonales Feuerverbot.

Kurt Gisler (links) und Alex Egli stossen bei der Weindegustation mit einer Walliser Perle an. (Bild: Remo Infanger)

Kurt Gisler (links) und Alex Egli stossen bei der Weindegustation mit einer Walliser Perle an. (Bild: Remo Infanger)

Feuerverbot erlaubt nicht alles

Auch Schlangenbrot und Servelat-«Bräteln» oder Singen am Lagerfeuer sei deshalb leider nicht möglich. Natürlich gehe es aber auch ohne offenes Feuer. «Kulinarische Alternativen haben wir genug, und singen tun wir so oder so», sagt die Sous-Chefin. Küchenchefin Susanne Arnold ergänzt: «Das Wallis hat viele Spezialitäten zu bieten. Es ist uns ein Anliegen, das wir mit unseren Einkäufen auch die regionalen Kleinbetriebe unterstützen.»

In Gesprächen mit Ehemaligen wird spürbar, dass sich der Alltag und das Leben in der Jungwacht in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich kaum gross verändert haben. Der 48-jährige Kurt Gisler, ein ehemaliger Gruppenleiter der Jungwacht Altdorf, der heute in Oberarth und mit seiner Tochter Jasmin für zwei Tage das Zelt auf dem Platz aufgeschlagen hat, meint etwa: «Vieles ist gleich geblieben. Doch gerade das macht es eben aus.» Selbst heutzutage werde man kaum ein Smartphone auf dem Lagerplatz entdecken – weder bei alt noch jung. Und tatsächlich: Statt Elektronik halten die Kinder etwa angespitzte Holzstöcke in den Händen. Beim sogenannten «Stäckämättlä» rammt man mit Schwung den Stock in den Boden, um ein gegnerisches Holz niederzuschlagen. «Das ist ein Lagerklassiker – schon wir haben das früher gespielt», sagt Gisler. Bloss der gefühlte Komfort beim Übernachten im Zelt habe sich über die Jahre etwas geändert. «Man wird halt nicht kleiner und leichter», meint er mit einem Schmunzeln. «Beim nächsten Mal werde ich sicherlich eine dickere Unterlage mitnehmen.»

Dass es sich um ein Ehemaligen-Lager handelt, ist auch in anderer Hinsicht feststellbar, etwa beim Tagesprogramm. «Wir schauen natürlich darauf, dass wir ein gewisses Rahmenprogramm durchführen, besonders für die Kinder», erklärt Gerber. «Doch verglichen mit anderen Lagern ist das Programm etwas aufgelockert.» Das erlaube auch mal eine spätere Tagwache, sollte der Abend im Leiterzelt etwas länger werden. Eine Weindegustation käme in einem herkömmlichen Jungwachtlager wohl ebenfalls nicht in Frage. «Die Weindegustation hat bei uns fast schon Tradition», sagt Gerber.

«Hier sind wir alle wieder jung»

Auf die Frage, ob die Bezeichnung Alt-Wacht in einem Ehemaligenlager nicht mehr Sinn machen würde, antwortete Alex Egli, Mitorganisator des Lagers: «Hier sind wir alle wieder jung, oder zumindest Junggebliebene.» Auch gehe es ums Beisammensein und alte Freundschaften zu pflegen. «Wir arbeiten in den verschiedensten Berufen – vom Handwerker bis zum Anwalt ist beinahe alles vertreten», so der Polizist aus Brunnen. Deshalb komme auch unterschiedlichstes Know-how zusammen, wovon jeder profitiere.

Heute Samstag hiess es für die Lagerteilnehmer zurück in den Alltag, wo es wohl wieder nötig sein wird, auf die Uhr zu schauen, statt nur auf ein hupendes Horn zu warten.

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