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Schwerverkehrszentrum in Erstfeld: Betreiber möchten noch mehr «Besucher»

Das Schwerverkehrszentrum Erstfeld besteht seit zehn Jahren. Über 150'000 Lastwagen wurden seither kontrolliert – für manche zu wenig.
Lucien Rahm
Rund 70'000 Quadratmeter Land wurden vor zehn Jahren für das Schwerverkehrszentrum überbaut. (Bild: Urs Hanhart, Erstfeld, 7. März 2017)

Rund 70'000 Quadratmeter Land wurden vor zehn Jahren für das Schwerverkehrszentrum überbaut. (Bild: Urs Hanhart, Erstfeld, 7. März 2017)

Momentan sind sie fast alle leer, die knapp 500 Lastwagen-Parkplätze im 70'000 Quadratmeter grossen Schwerverkehrszentrum (SVZ) in Erstfeld. «In Italien waren bis vor kurzem noch Sommerferien», sagt Stefan Simmen, Chef des Zentrums. Und das wirke sich noch aus. Der Polizeioberleutnant leitet das SVZ seit fünf Jahren – der Hälfte des Bestehens der Einrichtung, welche nächste Woche Jubiläum feiern kann. Rund einmal im Monat, nach einem Unfall oder anderen Zwischenfällen auf der Autobahn A2, fülle sich der 70-Millionen-Franken-Bau bis auf den letzten Platz. Je rund 100 Lastwagenchauffeure nutzen das Areal in der Nacht oder am Wochenende als Rastplatz.

Zentrumschef Stefan Simmen. (Bild: Lucien Rahm, Erstfeld, 27. September 2019)

Zentrumschef Stefan Simmen. (Bild: Lucien Rahm, Erstfeld, 27. September 2019)

Was im SVZ aber vor allem passiert, ist die Überprüfung des Zustands der schweren Fahrzeuge, die täglich auf der A2 nach Süden fahren. «Wir kontrollieren heute pro Tag 60 bis 80 Lastwagen und Cars», so Simmen. Diese Fahrzeuge – stichprobenartig aus den durchschnittlich 1650 Lastwagen herausgefischt, die täglich die Gotthardachse passieren – werden einer genaueren Überprüfung unterzogen. Auch, wenn sich bei der Durchfahrt durchs SVZ – dieses müssen bis auf wenige Ausnahmen alle Lastwagen durchqueren, die auf der A2 Richtung Süden unterwegs sind – an Fahrzeug oder Fahrer Auffälligkeiten beobachten lassen, schauen die Kontrolleure genauer hin.

In den letzten neun Jahren überprüften die Kontrolleure – speziell dafür ausgebildete Experten – fast 157'000 Fahrzeuge. Dabei kam es zu knapp 102'000 Beanstandungen. «Dazu zählt dann auch, wenn ein Fahrer an einem unerlaubten Ort seine Notdurft verrichtet oder Abfälle nicht richtig entsorgt», so Simmen. Gröbere Mängel weist im Schnitt ein Drittel der kontrollierten Fahrzeuge auf. «In den letzten fünf Jahren lag diese Quote immer etwa bei 33 bis 36 Prozent», sagt Simmen. Die meisten Mängel werden dabei im Bereich der Fahrzeugtechnik festgestellt: Beispielsweise sind die Reifen oder die Bremsen nicht in Ordnung.

Überladung und Übermüdung nehmen ab

Ebenfalls oft nicht regelkonform sind die Ladungen der Laster. Entweder sind sie falsch verteilt oder gesichert, oder schlicht zu schwer. Auch Arbeits- und Ruhezeitverstösse begehen die Chauffeure regelmässig. Sie machen rund einen Zehntel der entdeckten Mängel aus. In den beiden letztgenannten Bereichen hätten sie in den letzten neun Jahren aber einen Rückgang von 50 bis 70 Prozent beobachten können, sagt Simmen. «Das heisst für mich, dass die Lastwagenunternehmen mittlerweile wissen, worauf wir schauen – und dementsprechend handeln.»

Zum zehnjährigen Bestehen des SVZ zieht Simmen daher ein positives Fazit: «Durch unsere Kontrollen konnten wir die Sicherheit auf den Strassen steigern.» Zur Illustration zieht er eine Unfallstatistik des Bundesamts für Strassen (Astra) heran. Sie weist die Anzahl Unfälle seit 2001 aus, die sich auf der A2 zwischen Erstfeld und Airolo Richtung Süden ereignet haben und woran mindestens ein Schwerfahrzeug beteiligt war. 2001 kam es zum bislang schwersten Unfall im Gotthardtunnel: Ein betrunkener Lastwagenlenker kollidierte mit einem entgegenkommenden Laster. Die beiden Schwerfahrzeuge entzündeten sich. Elf Menschen starben – die meisten an einer Rauchvergiftung. Insgesamt kam es in jenem Jahr zu 14 Unfällen mit Schwerverkehr. In den darauffolgenden neun Jahren schwankte diese Zahl zwischen 8 und 23. Ab 2011 – etwas über ein Jahr nach der Eröffnung des SVZ – scheint sich die Unfallzahl dann zu stabilisieren. Sie bewegt sich seither zwischen 8 und 11 (Stand 2016).

Zwar lagen bei den beiden Unfalllastern von 2001 keine technischen Defekte vor. Die häufigste Ursache für Fahrzeugbrände bei Lastwagen seien aber dennoch Motor-Überhitzungen oder mangelhafte Abgasanlagen. Letztere hätten sie in den vergangen zehn Jahren einige aus dem Verkehr gezogen, sagt Simmen. «So haben wir wohl einige Tunnelbrände verhindert.» Zusätzlich stehen seit ein paar Jahren Thermomesser am Nord- und Südportal. Sie messen per Infrarotkameras die Temperatur der in Richtung Tunnel fahrenden Laster.

Auch alkoholisierte Chauffeure seien bei den Kontrollen in letzter Zeit eher selten anzutreffen gewesen. Im Schnitt seien in den vergangenen neun Jahren jährlich fünf bis sechs Fahrer erwischt worden, die über 0,8 Promille intus hatten. 2014 wurde die Toleranzgrenze für Schwerverkehrslenker von 0,5 auf 0,1 Promille heruntergesetzt. Die Anzahl Fahrer, bei denen ein zu hoher Wert festgestellt wurde, stieg dadurch auf durchschnittliche 30 pro Jahr. Das Problem sei also nicht weit verbreitet, so Simmen. «Dennoch ist natürlich jeder einer zu viel.»

Waage darf nicht permanent eingeschaltet sein

Doch nicht nur die täglich 60 bis 80 genau zu kontrollierenden Laster werden überprüft, etwas rascher auch alle anderen, die durchs SVZ fahren. Dabei kontrolliert eine Lichtschranke, ob sie die vorgegebenen Masse, eine Waage im Boden, ob sie das vorgeschriebene Gewicht nicht überschreiten.

Diese Waage ist allerdings nicht permanent in Betrieb. Der Bund, welcher die Betriebskosten inklusive Löhne von gesamthaft jährlich sechs Millionen Franken zahlt, gibt dem SVZ vor, wie es die Fahrzeuge zu kontrollieren hat. «Wir dürfen keine systematischen Kontrollen vornehmen», sagt Simmen. Sondern: Sie müssen «stichprobenartig, umfassend und nicht diskriminierend» erfolgen, wie es in der Leistungsvereinbarung zwischen Bund und Kanton Uri heisst. «Umfassend» heisst dabei, dass die Kontrollen gründlich sein müssen. Beispielsweise würde ein dauerhafter Betrieb der Waage eine systematische Überprüfung bedeuten.

Mängel werden zunehmend komplexer

Nebst all den «klassischen» Fahrzeugmängeln liessen sich in den letzten Jahren auch vermehrt komplexere Vergehen beobachten. «2017 hatten wir die Problematik mit den manipulierten Abgasreinigungsanlagen bei Dieselfahrzeugen, digitale Fahrtenschreiber werden verändert oder Geschwindigkeitsbegrenzungen geknackt», erzählt Simmen. Um solche Eingriffe zu erkennen, brauche es die richtigen Fachleute. Dazu sagt Simmen:

«Ein normaler Polizist erkennt diese Manipulationen nicht, da benötigt man Spezialisten. Solche Leute setzen wir bei uns nun zunehmend mehr ein.»

Da durch komplexere Problematiken die Kontrollen mehr Zeit in Anspruch nehmen, seien letztlich weniger Kontrollen möglich.

Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti. (Bild: Lucien Rahm, Erstfeld, 27. September 2019)

Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti. (Bild: Lucien Rahm, Erstfeld, 27. September 2019)

Um dereinst mehr Geld oder mehr Personal einsetzen zu können, müsste die Leistungsvereinbarung angepasst werden. «Eine Intensivierung der Kontrollen ist nur möglich, wenn der Bund mehr Personal bewilligt und in eine weitere Kontrollbahn investiert», sagt der Urner Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti (SP). Abgeneigt wäre er einer Anpassung nach oben nicht. Denn das Zentrum in Erstfeld hat dem Kanton Uri bislang viel gebracht. «Das SVZ ist für Uri eine Erfolgsgeschichte. Heute arbeiten 57 Personen aufgeteilt auf 5300 Stellenprozente.» Ausserdem fliessen die im SVZ anfallenden Bussgelder vollumfänglich in die Kantonskasse – im Schnitt 4,9 Millionen Franken pro Jahr. Auch die Garagen ringsum können vom Zentrum profitieren, wenn mangelhafte Fahrzeuge repariert werden müssen – bisher in rund 16'500 Fällen.

Ein weiterer Effekt der Kontrollen im SVZ – und nebst dem Unfall von 2001 ein weiterer Grund für dessen Errichtung – ist die Verlagerung der Lastwagen auf die Schiene. Dazu Moretti:

«Die rückläufigen Schwerverkehrsfahrten am Gotthard und die steigenden Zahlen beim Schienentransport belegen, dass die Verlagerungspolitik des Bundes mehr und mehr greift.»

Zahlen des Astra zeigen für die Gotthardachse einen Rückgang von 758'000 Fahrten im Jahr 2014 auf 677'000 im Jahr 2018.

Für den Verein Alpen-Initiative sinkt diese Zahl zu langsam. Dieser fordert vom Bund, dass «die Kontrollen im SVZ Erstfeld intensiviert werden und das Zentrum mit mehr Mitteln ausgestattet wird», wie Django Betschart von der «Alpen-Initiative» sagt. Dies zumindest, bis das im Tessin geplante SVZ in Betrieb ist, das der Bund bis 2023 eröffnen möchte.

Auch Zentrumsleiter Simmen würde die Kontrollen in den kommenden Jahren gerne «qualitativ und quantitativ verbessern». Insbesondere noch mehr technisches Fachpersonal, das für die zukünftigen Herausforderungen ausgebildet ist, wäre wünschenswert. «Da hoffe ich sehr darauf.»

Festakt mit Bundesrätin

Am 9. September 2009 weihte der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger das Schwerverkehrszentrum (SVZ) in Erstfeld ein. Sein 10-Jahr-Jubiläum feiert das SVZ wiederum mit einem Bundesrat. Am 6. September 2019 findet der offizielle Festakt mit Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga statt. Am 7. September, von 9 bis 17 Uhr, ist die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. (lur)

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