Zwei Urnerinnen gewinnen Schreibwettbewerb

Evelyne und Nicole Aschwanden haben nicht gerne Deutsch. Beim Klub der jungen Dichter siegten aber beide.

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Evelyn Aschwanden. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

Evelyn Aschwanden. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

4287 Texte sind für den Schreibwettbewerb Klub der jungen Dichter eingegangen. Erstaunlich, dass gleich beide Gewinnerinnen in Seelisberg wohnen und erst noch beide Aschwanden heissen: Nicole ist elfjährig, Evelyne fünfzehnjährig. Allerdings sind die zwei jungen Schriftstellerinnen nicht miteinander verwandt.
Nicoles Geschichte handelt von einem Marathon in New York. Erst am Schluss des Textes stellt sich heraus, dass die Sportlerin, von der die Geschichte handelt, im Rollstuhl sitzt. Nicole liess sich von einem Porträt über Edith Hunkeler, der berühmten Rollstuhlfahrerin, inspirieren. «Ich bin noch nie in New York gewesen», erzählt die Elfjährige. Doch für die Geschichte hat sie genaustens recherchiert und sich im Internet über die Grossstadt schlau gemacht.

Massarbeit geleistet

Man müsste meinen, Deutsch sei ihr Lieblingsfach. «Aufsätze schreibe ich gern», sagt die Sechstklässlerin. «Aber sonst habe ich lieber Mathe.» Die Kurzgeschichte hat sie in ihrer Freizeit verfasst. Nicole hat dabei Massarbeit geleistet. 600 Wörter war die Vorgabe, die Seelisbergerin hat exakt 599 Wörter eingereicht.
Vergangene Woche durfte Nicole in Luzern ihre Geschichte vorlesen und den Siegerpreis entgegennehmen. «Ich war sehr aufgeregt», erinnert sie sich. Mit dem Sieg hatte sie nicht gerechnet. Umso mehr Freude hatte sie, als sie den Check über 1000 Franken entgegennehmen durfte. Die Hauptfigur in ihrer Geschichte kauft sich am Schluss ein neues Rollstuhlmodell. Nicole selber weiss aber noch nicht, was sie mit dem Preisgeld anstellen wird.

Auch die fünfzehnjährige Evelyne Aschwanden hat noch keine genaue Verwendung für ihr Preisgeld. Wahrscheinlich werde sie sich damit Bücher kaufen. «Seit ich lesen kann, lese ich extrem viel», sagt die zweite Urner Siegerin. «Schreiben, das kann ich auch», habe sie sich irgendwann gesagt. Seit der fünften Klasse schreibt sie praktisch täglich Geschichten, und das hat sie zu ihrem grössten Hobby gemacht. Das sei für viele unverständlich. «Die meisten verbinden Schreiben mit Deutschaufsätzen», sagt Evelyne. Ihr Hobby sei aber viel anders. «Probleme kann ich am besten verarbeiten, wenn ich Gedichte schreibe», erzählt die Seelisbergerin. Evelyne interessiert sich sehr für Sprachen, aber sie sagt: «Deutsch ist langweilig.» Sie wolle schreiben, und nicht die Grammatik analysieren.

Leser ziehen falsche Schlüsse

Evelynes Geschichten sind meist sehr fantasievoll. «Es gibt Leute, die sagen, ich sei verrückt.» Doch das rühre davon, dass viele Leser falsche Rückschlüsse aus den Geschichten ziehen würden.
Evelyne schreibt aber nicht nur Geschichten, sondern auch ganze Romane. Im November hat sie beim «National Novel Writing Month» mitgemacht, einem Projekt, bei dem die Teilnehmer während eines Monats ein Buch mit 50 000 Wörtern schreiben.

«Am besten spontan»

Für den Klub der jungen Dichter musste sie sich jedoch kurzhalten. «Meistens schreibe ich einfach drauflos», erzählt die Gymnasiastin. Eigentlich habe sie vorgehabt, ihren Text für den Klub der jungen Dichter vorgängig zu planen. Doch sie weiss: «Die besten Ideen kommen spontan.» So hat sie kurzerhand ihren Plan über den Haufen geworfen und am letzten Abend vor Abgabeschluss ihre Geschichte geschrieben, die ihr den Sieg brachte.

Vielleicht war es gerade diese Spontanität, die ihrer Geschichte den nötigen Witz verpasst hat. Die Siegergeschichte unter dem Titel «Kommunikationsprobleme» erzählt mit viel Humor von einer Familie, die in Italien Urlaub macht. Der Vater gerät dort in eine peinliche Situation. «Es bestehen gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Vater», verrät Evelyne schmunzelnd.

Evelyne Aschwandens Traum ist es, einmal ein Buch herauszugeben. Mit ihrem Sieg ist sie vielleicht dem Ziel nähergekommen.

Florian Arnold / Neue UZ