Experte über den Voluntourismus: «Es gibt auch dubiose Projekte»

Der Nischenmarkt des Voluntourismus floriert gemäss der Einschätzung des Tourismus-Experten Urs Wagenseil. Als Konsument solle man aber kritisch sein, rät er.

Sandra Peter
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Urs Wagenseil, Leiter des Competence Centers Tourismus am Institut für Tourismuswirtschaft (ITW) in Luzern.

Urs Wagenseil, Leiter des Competence Centers Tourismus am Institut für Tourismuswirtschaft (ITW) in Luzern.

«Im Kontext der globalen Reisetätigkeit betrachtet, ist der Voluntourismus eine Nische. Es ist aber ein Wachstumsmarkt», erklärt Professor Urs Wagenseil, Leiter des Competence Centers Tourismus am Institut für Tourismuswirtschaft (ITW) in Luzern. «Immer mehr kommerzielle Anbieter kommen auf den Markt. Das ist ein Zeichen dafür, dass dieses Geschäft floriert», bilanziert der Experte. Eine Studie des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung schätzt, dass allein in Deutschland im Jahr 2014 rund 15'000 bis 25'000 Menschen solche Freiwilligen-Einsätze wahrgenommen haben, Tendenz weiter steigend. Eine vergleichbare Studie für die Schweiz liegt bisher nicht vor. Wagenseil geht wegen ähnlicher Voraussetzungen davon aus, dass die Nachfrage auch in der Schweiz wächst.

«Besonders beliebt sind Hilfseinsätze für Kinder oder Tiere in Verbindung mit Fernreisen nach Afrika, Asien oder Südamerika», weiss der Tourismus-Experte. Oft handelt es sich bei diesen Freiwilligen um junge Erwachsene, die gerade eine Ausbildung abgeschlossen haben und ein Zwischenjahr machen wollen. Dabei fielen das Ziel, die Welt zu erkunden und der Idealismus, sie ein Stück besser zu machen, zusammen mit einem begrenzten Budget. Kritiker monieren, dass vor allem in Entwicklungsländern die Einsätze nicht immer sinnvoll sind.

«Der Himmel wird etwas blauer gemacht, als er ist», sagt auch Wagenseil. Vor allem wenn es darum gehe, Kinder in schwierigen Lebenssituationen zu betreuen, seien Einsätze von ein bis vier Wochen zu kurz und die Vorbereitung darauf bescheiden. «Bei uns im Kindergarten würden wir ja auch nicht einfach einen unerfahrenen Helfer mit der Verantwortung alleine lassen», sagt Wagenseil.

Für kommerzielle Anbieter im Voluntourismus gibt es bisher aber kaum Kontrollen, wenig Transparenz und keine internationalen Standards. Dazu sei der Markt noch zu wenig organisiert. «Zertifizierungssysteme wie etwa von ‹TourCert› sind aber in Arbeit, um die Spreu vom Weizen zu trennen», weiss Wagenseil. Denn wo ökonomische Ziele dominieren würden, werde häufig dem Hilfenutzen weniger Beachtung geschenkt. «Es gibt tatsächlich dubiose Projekte.» Als Konsument solle man daher kritisch sein und dem Vorhaben ausreichend Zeit widmen (siehe Tipps unten).

Tipps für einen Freiwilligen-Einsatz

Prüfen und vergleichen Sie verschiedene Angebote.

Checken Sie Referenzen: Ehemalige Teilnehmer, andere Projekte der Organisation und des Anbieters.

Prüfen Sie im Internet auch kritischen Stimmen zur Organisation.

Ziehen Sie bei Projekten mit Kindern mindestens ein bis zwei Monate für den Einsatz in Betracht.

Führen Sie persönlich ein Gespräch mit dem Anbieter.

Brechen Sie im Zweifelsfall einen Einsatz vor Ort ab, wenn sie ein ungutes Gefühl haben.