Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

URSCHWEIZ: Der Ungehorsame aus Erstfeld

Wenn Bischof Huonder abtritt, muss auch Generalvikar Martin Kopp (70) gehen. Dass er überhaupt noch im Amt ist, hat er einem Umstand zu verdanken: der Macht des Volks. Die verbleibende Amtszeit nutzt er dafür, den Papst auf seine Seite zu bringen.
Christian Hodel
Der Aufmüpfige aus Erstfeld: Generalvikar Martin Kopp (70) beim Essen mit Zivildienstleistenden und einer Sozialpädagogin im Clubhüüs, einer Anlaufstelle für Jugendliche in Not. (Bild: Nadia Schärli (Erstfeld, 9. Mai 2017))

Der Aufmüpfige aus Erstfeld: Generalvikar Martin Kopp (70) beim Essen mit Zivildienstleistenden und einer Sozialpädagogin im Clubhüüs, einer Anlaufstelle für Jugendliche in Not. (Bild: Nadia Schärli (Erstfeld, 9. Mai 2017))

Christian Hodel

christian.hodel@zentralschweizamsonntag.ch

«Herrgott noch mal!», sagt er, hupt und drückt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Martin Kopp (70) wechselt auf die Gegenfahrbahn und überholt nicht ungefährlich. Er ist im Schuss – und wieder einmal spät dran. In wenigen Minuten wird er vor zwölf angehenden Religionspädagogen der Universität Luzern stehen und referieren: «Moses brach auf, trotz Widerstand des Volkes.»

Bei Kopp ist es umgekehrt: Das Volk trägt den Gesandten des Churer Bischofs beinahe bedingungslos. Und vor allem darum ist der Generalvikar der Urschweiz auch nach 14 Dienstjahren noch im Amt. Gründe für eine Entlassung hätte sein Chef genug. Sein verlängerter Arm in der Urschweiz ist ausser Kontrolle geraten. Absetzen kann er den Aufmüpfigen aber nicht, zu gross wäre der Volksaufstand in der Innerschweiz. Das weiss der Bischof, und das weiss Kopp. Und darum kann er Kritik, wo er es für angebracht hält, laut anbringen. So laut, dass man seine Worte – so seine Hoffnung – bis nach Rom hören wird.

Gebote des Bischofs werden stillschweigend ignoriert

Bis Ostern 2019 hat Kopp Zeit, um sich beim Papst Gehör zu verschaffen. Dann wird Franziskus seinen Bischof in Chur ersetzen. Nicht mehr ganz zwei Jahre also, um ihn von seinen Plänen zu überzeugen. «Einen Administrator soll der Papst einsetzen anstelle eines neuen Bischofs», sagt Kopp. «Einen Externen, der endlich wieder Frieden stiftet im konservativen und gespaltenen Bistumsland.»

Die Amtsverlängerung von Vitus Huonder, die der Papst Anfang dieses Monats aussprach, ist in der Urschweiz auch Tage danach omnipräsent. Überall, wo Kopp hingeht, wird er darauf angesprochen. «Was wird aus Ihnen? Wie ist der Entscheid des Papstes zu deuten? Wie weiter?» Kopp antwortet den Studenten, besorgten Seelsorgern und Gläubigen jeweils: «Der Papst will Zeit gewinnen und alles sorgfältig abwägen. Solange halten wir noch durch.» Man mache weiter wie bisher. Will heissen: Laien werden weiterhin predigen, und wer eine Kommunion will, erhält diese – auch wenn er dafür nicht berechtigt ist. Wer sich politisch äussern will, macht dies, obwohl Vitus Huonder davon abrät (Ausgabe vom Mittwoch). Kurzum: Gebote des Churer Bischofs werden stillschweigend ignoriert.

Kopp hat hier in der Urschweiz sowieso andere, wichtigere Sorgen, als den Gläubigen die konservativen Ansichten aus Chur einzutrichtern. An jeder Ecke fehlt das Personal. Kamen in der Urschweiz vor 15 Jahren noch gut 2500 Gläubige auf einen Priester, sind es heute 4000. Fusionen stehen an. Grosse und reiche treffen auf kleine und arme Pfarreien. Es kommt zu Reibereien. Kopp muss schlichten, Lösungen und Kompromisse suchen. Sein Wort hat bei den Katholiken in Schwyz, Uri, Ob- und Nidwalden Gewicht. Er wird an Pfarreifeste ein­geladen. Vitus Huonder indes meidet man lieber. Vor einigen Jahren war er mal zu Besuch bei einem Gottesdienst in Erstfeld, der Bischof von Chur. Er hätte damals seinem Stellvertreter zuwinken können. Nur ein paar Meter trennen die katholische Kirche von Kopps Wohnhaus, wo er mit fünf Flüchtlingen und drei Schweizer Jugendlichen zusammenwohnt, die mit dem Leben nicht mehr klarkommen. Ein Katzensprung wäre es, wenn da nicht der tiefe Graben des Flussbetts der Reuss dazwischenläge.

Martin Kopp und Vitus Huonder haben sich damals aber weder getroffen, noch einander zugewinkt. Der Generalvikar hatte andere Termine. So wie viele Pfarrer und Priester in der Urschweiz, wenn ihr Bischof zu Besuch kommt. «Eini­ge richten ihre Agenda explizit nach Vitus Huonder aus», sagt Kopp. Sie setzen ihre Firmungen dann an, wenn der Bischof nicht abkömmlich ist. «Andere bitten mich, ja keine Einladung nach Chur zu schicken.» Und bei jeder zweiten Beerdigung eines älteren Priesters muss Kopp nach Chur telefonieren und mitteilen: Der Bischof müsse nicht extra vorbeikommen. Anders gesagt: Er ist unerwünscht – beim Gros der 200 000 Gläubigen in der Urschweiz wie auch bei seinen Seelsorgern.

«Wenn ich von Chur zurückkomme, atme ich durch»

«Der Bischof glaubt, dass Geistliche und Laien vom wahren Glauben abgekommen sind. Wir hier in der Urschweiz sind aber schon katholisch.» Solche Worte kommen schlecht an am Bischofssitz. Und das lässt man Kopp spüren. Alle paar Wochen muss er seinen Chef besuchen und Rapport abgeben. Öfters kassiert er Seitenhiebe. Nicht vom Bischof – Huonder bleibe stets höflich – aber von seinen Unterstellten. «Wenn ich von Chur zurückkomme, atme ich jeweils tief durch.»

An der Bergluft liegt das nicht. Die ist sich Kopp gewohnt. Vielmehr werde ihm die Welt am Bischofssitz immer fremder. Weit weg vom realen Leben sei sie. Weit weg von seiner Wohngemeinschaft Clubhüüs in Erstfeld, wo er in Not geratenen Jugendlichen unterschiedlichster Religionen eine Art Vater ist. Auf die Zukunft will er sie vorbereiten. Werte gibt er ihnen mit, damit sie einen Job finden, auf eigenen Füssen stehen. Ehrlichkeit. Respekt. Und vor allem eins: Vertrauen. Jene Eigenschaft, die er am Bischof so sehnlichst vermisst. «Er nimmt keinen Rat an. Er will kontrollieren. Das geht nicht als Führungsperson.»

So wie Kopp denken viele im Bistum, auch hochrangige Kirchenvertreter. Aber nur die wenigsten stehen öffentlich dazu. «Ich habe nicht den Eindruck, dass man der Sache dient, wenn man auf der Schnorre hockt», sagt Kopp und steuert seinen Fiat Richtung Kerns. Es ist kurz nach 19.30 Uhr und der letzte Termin für heute. Der Kirchgemeinderat tagt. Es geht um Jugendförderung und auch darum, woher man künftig einen Priester nehmen soll. Dies, nachdem man den einstigen Pfarrer abwählte. Einen riesigen Aufschrei gab das – und Ungemach für Martin Kopp. Nachdem er sich einmal mehr in klaren Worten äusserte, hat ihn der Seelsorger wegen Ehrverletzung angezeigt (wir berichteten). Das Verfahren läuft. Kümmern tut ihn das wenig. «Im schlimmsten Fall gibt es eine Busse», sagt er, wechselt auf die Gegenfahrbahn und überholt mit reichlich Schuss. Er habe während seines Studiums in Rom Autofahren gelernt, sagt Kopp. Dort müsse man «etwas flotter fahren», um ans gewünschte Ziel zu kommen.

Hinweis

Martin Kopp (70) ist seit 2003 Generalvikar der Urschweiz, dem die Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden angehören. Er ist in Zürich aufgewachsen, heute lebt er in Erstfeld in einer Wohngemeinschaft, wo er nach seiner Amtszeit bleiben will.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.