VERKEHR: Polizei hält Standorte von Radarfallen geheim

Die Kantonspolizei St. Gallen kündigt im Internet die Standorte der Radargeräte an. In der Zentralschweiz will man davon nichts wissen und übt Kritik an den St. Gallern.

Yasmin Kunz und Raphael Gutzwiller
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Die Kantonspolizei SG warnt im Internet vor Radaranlagen. Gibt es die auch bald in LU? 

Radaranlage bei der Langesandstrasse in Luzern fotografiert am 06. Oktober 2014.

Blitzer, Blitzkasten, Radar (Bild: Corinne Glanzmann (Neue Luzerner Zeitung))

Die Kantonspolizei SG warnt im Internet vor Radaranlagen. Gibt es die auch bald in LU? Radaranlage bei der Langesandstrasse in Luzern fotografiert am 06. Oktober 2014. Blitzer, Blitzkasten, Radar (Bild: Corinne Glanzmann (Neue Luzerner Zeitung))

Wer gerne etwas zu schnell Auto fährt, aber trotzdem keine Busse riskieren will, ist in St. Gallen am richtigen Ort. Denn die Kantonspolizei St. Gallen veröffentlicht sowohl auf ihrer Homepage wie auch via Facebook die Standorte der sogenannten semistationären Geschwindigkeitsmessanlagen, wie das «St. Galler Tagblatt» am 1. Oktober schrieb. Das sind Messanlagen, die über mehrere Tage an einem neuralgischen Punkt angebracht werden und nicht manuel bedient werden müssen. In der Zentralschweiz verfügen nicht alle kantonalen Polizeidienststellen über eine semistationäre Geschwindigkeitsmessanlage (siehe unten). Jene Kantone, die solche Anlagen einsetzen, geben die Standorte nicht bekannt.

Luzern informiert beim Schulstart

Die Luzerner Polizei verfügt über drei solche Radargeräte. Zwei davon kommen in der Stadt Luzern zum Einsatz und eines auf der Nationalstrasse A 2/A 14. Gemäss Kurt Graf, Mediensprecher der Kantonspolizei Luzern, würden die detaillierten Standorte aber nicht kommuniziert. Es gibt auch Ausnahmen: «Beim diesjährigen Schulanfang haben wir die Bevölkerung informiert, dass in der Nähe von Schulen vermehrt Kontrollen durchgeführt und solche semistationären Radaranlagen eingesetzt werden», sagt Graf. Der exakte Standort allerdings blieb unbekannt. Ob sich das in Zukunft ändern wird, steht derzeit nicht zur Diskussion, so Graf. Die Luzerner Polizei kommentiert das Vorgehen der St. Galler nicht.

«Falscher Ansatz»

Im Nachbarkanton Obwalden findet man hingegen, dass der St. Galler Vorgang ein falscher Ansatz sei, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, sagt Marco Niederberger, Leiter Verkehr und Sicherheit der Kantonspolizei Obwalden. «Was bringt es, wenn ich weiss, wo ich bei einer Geschwindigkeitsübertretung geblitzt werden könnte?» Radargerät hin oder her, man müsse sich immer an das Geschwindigkeitslimit halten, meint Niederberger. Die Kantonspolizei Obwalden verfügt erst seit Mitte September über eine eigene semistationäre Geschwindigkeitsmessanlage. Laut Niederberger habe man nicht vor, die Einsatzstandorte vorgängig publik zu machen.

Auch David Mynall, Mediensprecher der Schwyzer Kantonspolizei, will sich zum Vorgehen der St. Galler Polizei nicht äussern. Im Kanton Schwyz steht aktuell eine solche Anlage im Einsatz. Diese befindet sich im Bereich der Mositunnel-Baustelle und wurde vom Bundesamt für Strassen (Astra) zur Erhöhung der Sicherheit auf der Baustelle gewünscht. Ob sie demnächst selber Messanlagen auf Anhängern anschaffen würden, sei nicht auszuschliessen, so Mynall.

Judith Aklin, Mediensprecherin der Kantonspolizei Zug, und Gustav Planzer, Mediensprecher der Kantonspolizei Uri, wollen das Vorgehen der St. Galler Kantonspolizei ebenfalls nicht kommentieren. In Zug informiert man nicht über die Standorte.

St. Galler Vorgehen ist «heikel»

Das Veröffentlichen der Radarstandorte, wie es die St. Galler Polizei tut, bleibt aber nicht unkommentiert. Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamts für Strassen, sagt: «Es könnte heikel sein, wenn Zeit und Ort präzise angegeben ist.» Mit dem vom ­Parlament im Rahmen von Via sicura beschlossenen Verbot von Radarwarnungen würden öffentliche Vorwarnungen den Absichten des Gesetzgebers widersprechen, erklärt Rohrbach. Das Verbot sei allerdings nicht klar definiert.

Die St. Galler Kantonspolizei gibt auf ihrer Homepage sowohl das Datum der Kontrolle als auch die Strasse an. Mit der Veröffentlichung wolle man die Verkehrssicherheit erhöhen, sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Weiter wolle man den Vorwürfen, die Polizei würde durch Radaranlagen Mehreinnahmen generieren, entgegenwirken, sagte Krüsi vergangenen Dienstag gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». Es gehe um mehr Transparenz.

Unangekündigte Kontrollen bleiben

«Gegen diese Transparenz ist grundsätzlich nichts einzuwenden», sagt Stefan Krähenbühl, Mediensprecher von Road-Cross Schweiz. «Wenn man die Radargeräte an Unfallschwerpunkten aufstellt und die Bevölkerung im Vorfeld darüber informiert, kann es durchaus einen positiven Effekt haben.» Unangekündigte Geschwindigkeitskontrollen seien dennoch wichtig, sagt Krähenbühl. «Die Lenker müssen das Gefühl haben, dass auch neben vorangekündigten Kontrollen ihre Geschwindigkeit überprüft wird. Schliesslich müssen Radargeräte in erster Linie dafür sorgen, dass das Tempo überall eingehalten wird.»

Dieser Meinung ist auch Stefan Holenstein, Generaldirektor des Automobil-Clubs der Schweiz. «Es muss weiterhin unangemeldete Geschwindigkeitskontrollen geben.» Er begrüsst aber das St. Galler Vorhaben als Pilotprojekt. Holenstein: «Nach einer Weile kann dann beurteilt werden, ob eine Veröffentlichung auch in anderen Kantonen Sinn macht.»

Semistationäre Radaranlagen in den Zentralschweizer Kantonen

Luzernhat drei solche Anlagen. Zwei Geräte befinden sich in der Stadt Luzern, eine weitere kommt auf der Nationalstrasse A 2/A 14 zum Einsatz.

Nidwaldenhat noch keine solche Radaranlage, könnte sich aber vorstellen, eine anzuschaffen.

Obwaldenverfügt seit diesem Jahr über ein semistationäres Radargerät und hat vier fixe Blitzkästen.

In Zugsind aktuell eine semistationäre Radaranlage und zehn fixe Messanlagen (zwei wurden schon abgebaut) im Einsatz. Bis 2018 will die Kantonspolizei Zug alle fixen Radaranlagen durch zwei weitere semistationäre Messgeräte ersetzen.

Schwyzhat zwei fixe Radaranlagen auf der Autobahn A 4. Eine semistationäre Anlage steht im Bereich der Mositunnel-Baustelle. Die Polizei hat acht Geschwindigkeitsmess geräte, die periodisch an fixe Standorte versetzt werden können. Schwyz ist in einer Umrüstungsphase.

Urihat eine semistationäre Anlage und ein Messgerät, das in mehreren fixen Gehäusen eingesetzt wird.

«Angekündigte Kontrollen steigern Sicherheit»

Die Kantonspolizei St. Gallen gibt seit kurzem die Standorte von neun semistationären Geschwindigkeitsmessanlagen auf ihrer Homepage und auf Facebook bekannt. Das stösst teils auf Kritik, wird aber laut Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, von der Bevölkerung mehrheitlich begrüsst. Krüsi sagt: «Die Likes auf Facebook sind innert einer Woche von 8100 auf 10 700 angestiegen.»

Uwe Ewert (55), Verkehrspsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) in Bern, sagt zum unterschiedlichen Effekt der Radargeräte: «Stationäre Anlagen sind fix. Die Leute wissen, wo sie stehen. Damit sorgen wir dafür, dass in einem bestimmten Streckenabschnitt langsamer gefahren wird.» Aber auch bei den semistationären Anlagen an neuralgischen Punkten weiss der Lenker bald, wo sie vorübergehend platziert sind.

Verlieren die semistationären Anlagen nicht den Überraschungseffekt, wenn sie wie in St. Gallen im Internet angekündigt werden?
Uwe Ewert:
Um Überraschungseffekte zu erzielen, braucht es mobile Geschwindigkeitskontrollen. Stationäre wie semistationäre Anlagen haben aber eine andere Aufgabe. Sie sorgen dafür, dass lokal begrenzt langsamer gefahren wird. Meist wissen die Leute schnell, wo die Radargeräte stehen, und passen die Geschwindigkeit an. Deshalb ist die Vorankündigung positiv, weil somit noch mehr Lenker wissen, dass sie an einem x-beliebigen Ort kontrolliert werden.

Was halten Sie davon, dass die Bevölkerung weiss, wo sie geblitzt werden könnte?
Ewert:
Das Vorgehen der St. Galler Polizei fördert die Sicherheit auf den Strassen, da mehr Leute wissen, wo kontrolliert wird, und demnach die Geschwindigkeitsvorgaben dort besser einhalten. Zudem zeigt die St. Galler Polizei, dass ihr an Mehreinnahmen durch Bussen nichts liegt, sondern dass sie die Verkehrssicherheit stärken will. Klar ist jedoch, dass unbedingt noch unangekündigte mobile Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt werden müssen – was die Polizei im Kanton St. Gallen auch tut.

Geschwindigkeitsmessungen sind immer wieder ein Thema. Passieren derart viele Unfälle wegen Geschwindigkeitsübertretungen?
Ewert:
Unangepasstes Tempo ist nach wie vor die dritthäufigste Unfallursache nach Vortrittsmissachtung und Unaufmerksamkeit. Es ist aber nicht so, dass die meisten Unfälle wegen Fahrens jenseits der Geschwindigkeitslimite passieren, sondern auch deswegen, weil die Lenker ihr Tempo nicht den Wetter-, Strassen- oder Verkehrsverhältnissen anpassen. Überhöhte Geschwindigkeit führt sowohl zu mehr als auch zu schwereren Unfällen. Deshalb sind Geschwindigkeitskontrollen absolut notwendig.

Kaum ist man am Radarkasten vorbei, beschleunigt man wieder, oder?
Ewert:
Das kommt auf den Lenker an. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass die Lenker nach den stationären Geschwindigkeitskontrollen wieder so schnell fahren wie vorher.

Braucht es noch mehr Geschwindigkeitskontrollen?
Ewert:
Ausserorts, auf den Landstrassen, ja. Dort kommt es zu den meisten schweren Unfällen wegen unangepasster Geschwindigkeit. Das Problem mit Kontrollen ausserorts ist, dass die Strecken tief frequentiert sind und der personelle Aufwand für mobile Kontrollen gross wäre. Fix installierte Radarkästen würden auf Landstrassen wenig Sinn machen, da es nur selten lokale Unfallschwerpunkte gibt.

Radarfallen in der Schweiz. (Bild: Grafik: Loris Succo, Quellen: BFS)

Radarfallen in der Schweiz. (Bild: Grafik: Loris Succo, Quellen: BFS)