Verkehrsexperte empfiehlt: Öffentlichen Verkehr stärken

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LUZERN Immer mehr Autos, immer öfter Stau. Die Stadt Luzern ist bereits am Anschlag, sagt Timo Ohnmacht, Verkehrssoziologe und Dozent beim Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern.

Timo Ohnmacht, fährt man zu Stosszeiten mit dem Auto durch die Stadt Luzern, steht man oft im Stau. Grund: Es gibt immer mehr Autos.

Timo Ohnmacht*: Das ist nur das subjektive Empfinden. In der Stadt Luzern hat die Zahl der Autos, welche die Seebrücke überqueren, gemäss Verkehrszählung in den vergangenen Jahren nicht zugenommen. Trotzdem: Die Stadt ist eigentlich schon jetzt mit dem Verkehrsaufkommen am Anschlag. Der Verkehr reguliert sich so auch von selbst. Das heisst, die Lenker nehmen andere Routen, um die Stadt zu umfahren. Ergo kommt es auch auf den umliegenden Strassen zu mehr Verkehr. Zugenommen hat in der Stadt Luzern in den letzten Jahren vor allem der Mischverkehr. Es gibt mehr Busse und Velos. Dadurch ist die Dichte des Verkehrs gestiegen.

Es schleckt aber keine Geiss weg, dass jährlich mehr Autos auf den Luzerner Strassen fahren.

Ohnmacht: Das stimmt. Schweizweit und kantonsweit steigt die Zahl der immatrikulierten Autos von Jahr zu Jahr. Dieser Anstieg betrifft im Kanton Luzern vorwiegend die ländlichen Gegenden. Dies liegt daran, dass diese Orte nicht gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen sind und die Menschen auf dem Land oft ein Auto brauchen, um von A nach B zu kommen. Spannend: Die durchschnittliche Distanz von 24 Kilometern, die Herr und Frau Schweizer pro Tag mit einem Auto zurücklegen, hat zwischen den Jahren 2000 und 2010 nicht zugenommen. Es ist also die Masse, die den Mehrverkehr ausmacht.

Landesweit gibt es so viele Autos wie noch nie. Liegt das nur an der demografischen Entwicklung?

Ohnmacht: Das ist sicher ein Grund für die Zunahme. Aber auch der starke Franken hat zu mehr Autokäufen geführt, weil die Garagisten die Wagen günstiger anbieten. Im Moment spielt sicher auch der tiefe Ölpreis eine Rolle, weil der Unterhalt dadurch billiger wird. Ein weiterer Faktor ist der Wohlstand. Während in den 60er- und 70er-Jahren vornehmlich in einem Haushalt nur der Mann ein Auto hatte, besitzen immer mehr Frauen ein eigenes Auto. Dies, weil sie heutzutage vermehrt am Erwerbsleben teilnehmen. Gemäss Bundesamt für Statistik besassen 2010 rund 79 Prozent der Haushalte mindestens ein Auto, 30 Prozent nannten sogar zwei oder mehr Autos ihr Eigen. Und wenn man eines hat, dann wird es auch gefahren – egal, welche öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stünden.

Wo muss der Hebel angesetzt werden?

Ohnmacht: Es gilt zu sagen, dass das Problem des Mehrverkehrs nicht erst seit kurzem auf dem Tapet ist. In den vergangenen Jahren hat es sich aber zugespitzt. Auch an den Lösungsansätzen hat sich in den letzten Jahren prinzipiell nichts geändert. Wichtig ist, dass man die öffentlichen Verkehrsmittel stärkt und attraktiver macht. Dies gelingt, indem man auch die Tangentialverbindungen, also von einem Punkt am Stadtrand zum nächsten Ort am Stadtrand, fördert und Busse im Verkehr priorisiert. Es geht heute nicht mehr um ein «Entweder-oder» – also öffentliche Verkehrsmittel oder Auto –, sondern um das Finden einer Kombination.

Zum Beispiel?

Ohnmacht: Sehr gefragt sind Fahrgemeinschaften wie etwa das Taxito in den Gemeinden Luthern, Willisau und Zell. Dabei fahre ich zwar nach wie vor mit dem Auto, aber mehrere Personen nutzen denselben Wagen. Das Gleiche gilt für Mobility oder Carsharing im Allgemeinen. Man besitzt kein eigenes Auto, kann sich aber eines leihen, wenn der Bedarf besteht. Ansonsten steigt man auf öffentliche Verkehrsmittel um. Weiter könnte man in der Stadt Luzern noch die Velowege ausdehnen. Ein gutes Vorbild dafür ist die Stadt Bern. Dort verfolgt der Stadtrat das Ziel, in den nächsten Jahren den Anteil an Velofahrern von 11 auf 20 Prozent zu erhöhen. Bern will so zur Velo-Hauptstadt werden. Dafür werden vermehrt Velospuren und überdachte Standplätze geschaffen. Das wäre grundsätzlich auch in Luzern möglich, wobei die Voraussetzungen wegen der topografischen Lage etwas schwieriger sind.

INterview Yasmin Kunz

* Timo Ohnmacht (36) ist seit 2012 Dozent am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Er forscht und doziert zu den Themen Raum, Verkehr und Gesellschaft.