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Vibrationen auf der Opernhaus-Bühne

Im Opernhaus Zürich ereignete sich am Samstag die Ballettpremiere «Nijinski». Wobei Nijinski auch Goecke war. Der deutsche Starchoreograf liess den polnisch-russischen Jahrhunderttänzer aufleben – einzigartig, dramatisch, erotisch bis zu den Zungenspitzen.

(sda) Ein Tänzer springt diagonal über die Bühne, um gleich wieder ein paar Schritte zurückzugehen und von der Mitte aus den leeren Raum zu erforschen. Der Ballettkörper beginnt zu zucken, wellen, propellern. Sein Motor läuft auf Hochtouren. Die repetitiven Bewegungen haben auch etwas Roboterartiges. Doch alles wird von virtuosen Menschen gesteuert: Hinter dem hautfarbenen Kopfstrumpf steckt Jan Casier. Aus dem Orchestergraben steigen die Chopin-Klänge der Philpharmonia Zürich hoch.

Für die Premiere war zunächst Esteban Berlanga als Vaslav Nijinski vorgesehen. Wegen einer Verletzung verzögert sich der Auftritt. Doch Jan Casier wird während 80 Minuten ohne Pause beeindrucken. Vor drei Jahren kam «Nijinski» durch Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart zur Uraufführung. Das Stück feierte dann an der Opéra Monte Carlo Erfolge. Nun studierte es das Ballett Zürich ein.

Ein Nijinski-Darsteller müsse «eitel sein in grosser Verzweiflung», verlautet Marco Goecke im Opernhaus-Magazin. Und wie Nijinski wisse er genau, was es heisse zu tanzen, zu springen, zu fliegen, zu träumen. Seine Themen seien ihm nicht fremd: Erfolg, Misserfolg, Applaus – und der Wahnsinn auch nicht. Der Choreograf spricht druckreif. Er pflegt Extravaganzen wie dunkle Brille oder funkelnder Cartier-Panther-Ring, ständiger Begleiter ist Dackel Gustav. Der Wuppertaler gibt immer alles auf höchstem Niveau. Sein Mantel mit Pelzkragen erscheint gleich auf der Opernhaus-Bühne.

Sergei Diaghilew trägt den offenen Mantel auf nacktem Oberkörper. Der Impresario will die russische Ballettkunst bekanntmachen. Mit dem Stock dirigiert er Tänzer und Tänzerinnen herum. Er wird auf den jungen Nijinski aufmerksam. Dieser liegt auf dem Boden. Neben ihm werden Rollen performt, die ihn bald berühmt machen: «Petruschka», «L’Après-midi d’un faune» etc. Auf der Bühne flackert das Licht: Geistesblitze!

Erotische Szenen

Auch die Erotik nimmt ihren Lauf. Im Traum trifft Nijinski auf Isajef. Zwischen den Männern funkt es ungehemmt. Ihre Hände gehen zur Sache. Die Zungen werden spitz. So homoerotisch ist es im Opernhaus vor Zuschaueraugen noch nie zu und her gegangen. Oder? Rhythmisches Atmen wird hörbar. Dafür artet die Hassliebe zwischen Nijinski und Diaghilew aus.

Es ist ein Kommen und Gehen auf der Bühne. Doch die kompliziertesten Bewegungen verlaufen synchron. Kalkül, Liebe? Auf einmal taucht Romola auf. Die künftige Ehefrau spielt eine Nebenrolle. Sie ist von hinten auf einem Fauteuil zu sehen. Distanzierte Küsse deuten irgendetwas an. Immerhin begleitete sie Vaslav durch seine Schizophrenie. Auf zehn Jahre Weltruhm folgen 30 Jahre Krankheit.

In und um Nijinski wird es dunkel. Ein schwarzes Wesen fesselt mit seinen Armen den Körper des Tänzers. Schreie durchdringen das Opernhaus. Es sind Laute, von denen man ahnt, dass sie sich im echten Leben ereignen könnten. In kurzer Zeit verliert der Jahrhunderttänzer seine Bewegungskunst. Er schleppt sich, gerade noch im Rhythmus, über die Bühne. Dann fliegt er zu Boden, einen Stift in der Hand: In Zeichnungen nehmen seine Bewegungen ihren Lauf. 30 Jahre dauert sein Dämmerungszustand. Er hält sich mitunter in der Klinik Bellevue in Kreuzlingen auf. 1950 stirbt er in London.

Im Opernhaus Zürich ist die Bühne über 80 Minuten lang dunkel in Schattierungen. Was bei Marco Goecke erhellend wirkt. Seine Bewegungssprache ist variantenreich, ästhetisch und humorvoll in berauschendem Tempo. Das Bühnenbild können sich die Zuschauer selber vorstellen. Ein Glück, wer seinen einzigartigen «Nijinski» erleben darf! Das Publikum bedankte sich mit virtuosem Applaus.

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