«Vielleicht sind junge Frauen mutiger»

Hans Peter Maier (60), Schausteller

Roger Rüegger
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Schausteller Hans Peter Maier vor dem Swiss Tower an der Määs in Luzern. (Bild Nadia Schärli)

Schausteller Hans Peter Maier vor dem Swiss Tower an der Määs in Luzern. (Bild Nadia Schärli)

Der Schausteller Hans Peter Maier ist an der Luzerner Määs mit dem «grössten transportablen freien Fall» der Welt vertreten. Der 60-jährige Thurgauer erzählt, warum der 80 Meter hohe und 115 Tonnen schwere Gigant Swiss Tower eher bei jungen Frauen als bei Burschen der Renner ist und wie er sich im nächsten Jahr selber übertreffen wird.

H. P. Maier, allein der Aufbau Ihres Swiss Towers ist spektakulär. Sie legen selber Hand an. Wie wohl fühlen Sie sich persönlich in 80 Metern Höhe?

H. P. Maier: Sehr wohl. Ich mache fast jeden Tag die erste Fahrt mit. In wenigen Minuten setze ich einen Probelauf an. Sie können gleich mitkommen.

Lieber nicht. Ich habe mich an der Expo 2002 in Neuenburg auf ein ähnliches Experiment eingelassen. Aber nur, weil ich einem Fräulein imponieren wollte. Das ist nicht mein Ding.

Maier: Imponieren muss ich glücklicherweise niemanden mehr.

Damals musste ich. Doch zurück zum Thema: Was testen Sie genau beim Probelauf?

Maier: Ich gehe eine Checkliste durch. Die Bügel, die Bremse und die Geschwindigkeit werden nach gewissen Betriebsstunden kontrolliert.

Und wenn etwas in die Hosen geht?

Maier: Da geht nichts in die Hosen. Bei der Fahrt mache ich mir ein Bild. Wenn eine Rolle ausgewechselt oder geschmiert werden muss, höre und sehe ich dies. Das sind normale Wartungsarbeiten. Die Bahn ist mehrfach gesichert und wird jedes Jahr vom TÜV geprüft. Wer in der Stadt zu Fuss die Strasse überquert, hat grössere Chancen, von einem Velo angefahren zu werden, als bei mir zu verunglücken.

Kennen Sie kein Schwindelgefühl?

Maier: Nein, ich bin absolut schwindelfrei. Ab einer gewissen Höhe spielt es ohnehin keine Rolle mehr.

Ein freier Fall aus 80 Metern Höhe ist unnatürlich. Warum tun sich Menschen so etwas freiwillig an?

Maier: Die wollen sich im wahrsten Sinn des Wortes fallen lassen und lieben das Schweben. Es ist ein grossartiges Gefühl und ein Adrenalinkick. Da wirken Kräfte des zweieinhalbfachen eigenen Körpergewichts. Das ist das Geile daran.

Wer lässt sich am häufigsten fallen?

Maier: Glauben Sie es oder nicht. Junge Frauen sind die besten Kunden.

Warum ausgerechnet?

Maier: Wer weiss. Vielleicht haben sie mehr Mut oder mehr Geld. Viele kommen in Begleitung junger Männer. Ich beobachte oft, dass die Burschen die Fahrten bezahlen, selber aber nicht mitfahren.

Vielleicht weil sie Angst haben. Kann ich zwar verstehen, ist aber für einen Typen ziemlich uncool, nicht wahr?

Maier: Vielleicht vermögen sie es auch nicht, zwei Fahrten zu bezahlen, weil sie ihr Geld lieber in ihre tiefergelegten BMW stecken.

Naja, 8 Franken sind nicht die Welt. Aber für das kurze Vergnügen ist es auch nicht billig. Liege ich falsch?

Maier: Die Preise in Luzern und auch in Basel haben wir nun auf Ende Saison nach unten angepasst. Es gibt Leute, die finden die Fahrt billig. Andere meckern, es sei zu teuer. Die würden aber auch schreien, wenn sie nur 2 Franken bezahlen müssten. Einigen kann man es nie recht machen. An anderen Messen kostet der Spass auf dem Swiss Tower 10 oder gar 12 Franken. Aber selbst bei diesen Preisen muss ich kein schlechtes Gewissen haben. Die Maschine hat 3 Millionen Franken gekostet, die muss ich amortisieren, und meine fünf Angestellten wollen auch ihren Lohn.

Warum ist die Fahrt in Luzern dann billiger als an anderen Standorten?

Maier: Die Määs und die Herbstmesse sind Familienmessen, die 16 Tage dauern. Ich komme den Leuten entgegen und verlange etwas weniger. Dafür fährt vielleicht der eine oder andere ein zweites Mal hoch.

Bauen Sie in die Höhe, weil Sie dadurch weniger Standgebühr bezahlen müssen?

Maier: Nein, die Platzverhältnisse in der Schweiz sind nun mal beschränkt. Daher ist es geschickter, mit Bahnen aufzukreuzen, die wenig Fläche einnehmen. Eine vernünftige Achterbahn zum Beispiel kann man fast nirgends aufbauen.

Mussten Sie schon Fahrten abbrechen, weil jemand ausrastete?

Maier: Es kommt vor, dass eine Person im letzten Moment Platzangst bekommt. Dann erlösen wir sie natürlich. Wenn es bereits hochgeht, ist es aber zu spät. Dann können die Leute schreien, wie sie wollen.

Überträgt sich das ständige Auf und Ab auch auf Ihren Gemütszustand?

Maier: Die Hochs und Tiefs richten sich nach dem Wetter. Wenn es regnet, bleibt der Umsatz aus. Die verpassten Einnahmen holen wir auch bei schönem Wetter nicht wieder herein. An diesen Tagen geht es mit meiner Laune abwärts.

Sie sind mit Bahnen aufgewachsen. Welches ist Ihre Lieblingsbahn?

Maier: Am Anfang habe ich Zuckerwatte gemacht. Als Bahn hatte ich die Dragon, meine erste kleinere Achterbahn, gerne, und auch an die Chaos, meine erste Schiffschaukel, erinnere ich mich immer wieder. Aber ich bin nicht sentimental. Ich besitze keine Bahn sehr lange, das würde mir zu langweilig.

Die Bahnen müssen ja immer grösser, schneller und verrückter werden. Kann man einen Turm von 80 Meter Höhe überhaupt noch toppen?

Maier: Die Höhe ist mit 80 Metern praktisch erreicht. Vernünftig einen draufsetzen kann man eigentlich nicht mehr. Höchstens noch indem man eine Bewegung wie Schaukeln oder Drehen hinzufügt. Im nächsten Jahr bin ich mit einer neuen Attraktion, einem Kettenflieger mit einer Höhe von 85 Metern, unterwegs. Der Swiss Tower steht dann in Hongkong, den habe ich verkauft.

Was ist Ihr zweitliebster Chilbiplatz?

Maier: Vier Städte besuche ich gerne. Tatsächlich ist Luzern neben Zürich, Basel und Olten einer meiner Lieblingsorte. Wenn ich auf dem Swiss Tower sitze und über die Stadt und den See blicke, ist das schon speziell. Ich glaube, das saubere Seewasser würde ich sogar trinken.

Ist Ihr Job schwieriger geworden in den letzten Jahren?

Maier: Klar, alles muss immer zügiger vonstattengehen. Wir haben Probleme mit Strassen, und es wird immer schwieriger, einen Platz für die Materialwagen zu finden. Die Sicherheitsvorschriften werden immer drastischer, und wenn eine Bahn einen Defekt aufweist, darf man nicht einmal mehr selber reparieren.

Sesshaft werden ist aber für Sie trotzdem kein Thema?

Maier: Nie. Ich reise mit meiner Frau im Wohnwagen gerne in die Städte, wo Messen und Chilbenen stattfinden. Aber ich reise auch gerne wieder ab.

Roger Rüegger