Vor dem Boom war Misstrauen

Wie kam es zur heutigen wirtschaftlichen Hochblüte des Kantons Schwyz? Ein Zürcher Fachmann hat dafür überraschende Erklärungen.

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Als die Kühne+Nagel (Bild) 1966 in den Kanton Schwyz zog, war diese Ansiedlung noch eine Ausnahme. (Bild: Keystone)

Als die Kühne+Nagel (Bild) 1966 in den Kanton Schwyz zog, war diese Ansiedlung noch eine Ausnahme. (Bild: Keystone)

«Der Kanton Schwyz trug bis zum Ersten Weltkrieg die Züge eines Entwicklungslandes.» Das schreibt der Zürcher Professor und Historiker Tobias Straumann. Er verfasste zum Thema Wirtschaft gleich zwei Kapitel in der soeben erschienenen «Geschichte des Kantons Schwyz». Straumann erinnert auch an die christlichsoziale Kantonsratsfraktion, die 1952 festhielt: «Wir sind einer der ärmsten Kantone.» Eine Aussage, die inzwischen längst überholt ist: Schwyz gehört heute zu den reichen Kantonen. Kanton und Gemeinden boomen und haben zusammen fast eine Milliarde Franken auf der hohen Kante, tiefste Steuersätze und eine krisenresistente Wirtschaft.

«Staatsmisstrauen»

Landläufig wird die heutige Situation auf die Steuerpolitik des Kantons in den letzten paar Jahrzehnten zurückgeführt. Tobias Straumann allerdings sieht dies differenzierter. «Interessanterweise beruht der Boom der letzten Jahrzehnte zu einem grossen Teil darauf, dass Schwyz lange Zeit ein armer und konservativer Kanton war», schreibt er in der Kantonsgeschichte. «Erstens gab es wegen der verbreiteten Armut keine Erbschaftssteuer.» Eine solche hat Schwyz auch heute noch nicht. «Zweitens blieb die Steuerbelastung wegen des tief sitzenden Staatsmisstrauens und der bedeutenden gemeinwirtschaftlichen Leistungen von Korporationen sowie kirchlichen und privaten Institutionen stets sehr moderat.» Die Schwyzer Bevölkerung mit ihrer konservativen Grundhaltung habe den Staat immer möglichst klein halten wollen.

Grosse Baulandreserven

Und drittens, so Straumann, verfügte der Kanton noch in den Sechziger- oder Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts über grosse Baulandreserven. «Hätte die Industrialisierung schon früh eingesetzt, wie zum Beispiel in Glarus, wären diese Vorteile bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts verschwunden.» Noch 1975 wirkten im Kanton nur vier grössere industrielle Betriebe der Metall- und Maschinenindustrie, keiner davon hatte mehr als 500 Arbeitsplätze.

Die Autobahn A 3

Aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde Schwyz zumindest im äusseren Kantonsteil am 11. Dezember 1968. Damals wurde der Anschluss Pfäffikon an die Autobahn A 3 eröffnet, 1973 das Teilstück von Pfäffikon bis zum Walensee. Die Fahrdistanz im Auto nach Zürich schmolz auf eine gute Viertelstunde zusammen. Die Zahl der Pendler nahm schlagartig zu. Sie brachte den Bezirken Höfe und March aber auch einen Bevölkerungszuwachs: Leute, die auf der Suche nach billigem Bauland nicht weit weg vom Arbeitsort Zürich wohnen wollten. Was den Ausserschwyzer Gemeinden gleichzeitig auch neue und gute Steuerzahler brachte. Straumann: «Bereits 1975, noch bevor der Kanton mit Steuersenkungen vermögende Privatpersonen anzog, war die Steuerkraft in Tuggen, Lachen, Freienbach, Küssnacht und Wollerau deutlich höher als in den meisten übrigen Gemeinden des Kantons.» Firmenansiedlungen wie jene des Bremer Logistikkonzerns Kühne+Nagel 1966 in Schindellegi blieben damals aber noch die Ausnahme.

Das entscheidende Jahr 1988

Über die starke Zunahme der Pendler aber wuchs jetzt plötzlich das Steuersubstrat: Da waren jetzt mehr Steuerzahler, das durchschnittliche Einkommen der Schwyzer stieg an. Aber erst in den Achtzigerjahren, als Schwyz bereits auf der Überholspur fuhr, schaltete sich auch die kantonale Politik ein. Sie schuf schrittweise Steuererleichterungen für Privatpersonen und Unternehmen. «Nach einer grossen Steuergesetzrevision im Jahr 1988 explodierte das Wachstum förmlich», hält Straumann weiter fest (siehe Box unten). Innerhalb von nur vier Jahren wuchs die Anzahl der juristischen Personen, also der Firmen, um 40 Prozent auf mehr als 3200. Gleichzeitig verdreifachten sich die Einnahmen aus den Firmensteuern von 36 auf 104 Millionen Franken. Und nebst den Firmen begannen damals auch sehr reiche Leute in den Kanton zu ziehen: Pierre Arnold, Stephan Schmidheiny, Dieter Bührle.

«Diese Entwicklung wiederum hat erlaubt, die steuerlichen Bedingungen weiter zu optimieren», hält Straumann fest. Und er wagt die Prognose: «Wegen der mittlerweile eingetretenen Bodenknappheit in Ausserschwyz dürfte sich der Schwerpunkt des Wachstums zunehmend in Richtung Einsiedeln und Innerschwyz verlagern.» Womit sich wiederholen würde, war sich in den Siebzigerjahren zwischen Zürich und Ausserschwyz abspielte.

Bert Schnüriger / Neue SZ

Steuerliche Entlastung von 1988 war enorm

s. Tobias Straumann beschreibt in der «Geschichte des Kantons Schwyz» die Steuergesetzrevision von 1988, die grosse Erleichterungen brachte. Damals kannte der Kanton Schwyz zwar bereits seit 1958 ein Holdingprivileg, gehörte aber bei der Unternehmensbesteuerung noch keineswegs zu den Niedrigsteuerkantonen. «Kern der Vorlage war ein limitiertes Recht auf Sofortabschreibung», schreibt Straumann. «Daneben bot die Revision Steuererleichterungen für praktisch alle Bevölkerungsschichten (Ausgleich der kalten Progression, reduzierter Steuertarif für Familien, Vereinfachung der Abzugsregelung über Berufsauslagen, Entlastung der Altersvorsorge).

Laut Straumann war die steuerliche Entlastung von 1988 enorm: «Bei Verheirateten betrug sie 19 Prozent, bei Alleinstehenden 12 Prozent. Mit der Steuergesetzrevision von 1988 wurde sogar bewusst ein vorübergehender Rückgang der Steuereinnahmen im Umfang von 13,6 Millionen Franken in Kauf genommen.
Das Steuergesetz kam am 25. September 1988 zur Volksabstimmung. Es wurde mit einem Ja-Mehr von 77 Prozent angenommen, nämlich mit 10 873 Ja gegen 3256 Nein. Im Vorfeld hatte sich lediglich die SP-Fraktion gegen die Vorlage ausgesprochen. Die Stimmbeteiligung lag bei nur gerade 19,8 Prozent.

Tobias Straumann zieht in seinen Ausführungen zur jüngeren Wirtschaftsgeschichte des Kantons auch einen Vergleich mit dem Nachbarkanton Zug, der wie Schwyz heute durch Niedrigsteuern Firmen und Private anzieht. «Die Entwicklung beider Kantone verlief weniger parallel, als dies auf den ersten Blick scheint», so Straumann. Denn Zug war schon 1970 dank des Erfolgs der Firma Landis & Gyr ein eigentlicher Industriestandort. «Zudem dürfte die Kleinstadt Zug als Wohnort für ausländische Manager in den Fünfziger- und Sechzigerjahren attraktiver gewesen sein als die kleinen Ausserschwyzer Gemeinden oder der Bezirk Küssnacht», findet Straumann. «Und drittens begann der Kanton Zug besonders früh seine Steuergesetze zu optimieren, um ausländische Unternehmen anzulocken. Bereits 1921 hatte er ein Holdingprivileg eingeführt, das 1930 weiter optimiert wurde.»

So richtig los gings im Kanton Zug ab 1956, als mit Philipp Brothers das erste Rohstoffhandelsunternehmen nach Zug kam, was der Anfang einer nicht mehr abreissenden Serie von Unternehmensansiedlungen war.