«Stille Nacht»

Weihnachten findet statt – einfach anders: Das ist die Weihnachtsbotschaft von Abt Urban Federer

Für Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln, gleicht die gegenwärtige Situation jener, die Maria und Josef mit ihrem Kind vor gut 2000 Jahren erlebten.

Urban Federer
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«Einsam wacht.» Diese Worte sagen uns an Weihnachten nur etwas, wenn im «Stille Nacht» folgt, wer da einsam wacht. Gefühlsbetont nennen wir diese Wachenden «das traute hochheilige Paar». Und gefühlsbetont ist dieses Lied ja wirklich. Nicht das einsame Wachen, aber das traute Paar lässt Gefühle in uns aufsteigen, denn «traut» heisst so viel wie «geborgen», «gemütlich». Und so singen wir an Weihnachten von einem Paar, das sich gemütlich aneinanderschmiegt und das sich am Schlaf seines Knaben im lockigen Haar erfreut.

Abt Urban Federer in der Klosterkirche Einsiedeln.

Abt Urban Federer in der Klosterkirche Einsiedeln.

Bild: Manuela Jans-Koch (11. Dezember 2020)

An diesen Weihnachten dürfte das Bedürfnis nach trautem Zusammensein und Geborgenheit noch grösser sein als in anderen Jahren. Ob aber das «Stille Nacht» überhaupt erklingen kann? In der Kirche höchstens gesummt. In der eigenen Stube nur, wenn eine sichere Stimme führt. Zusammen singen mit vertrauten Menschen aus verschiedenen Haushalten um den Christbaum herum? Das geht nicht. Also dürfte das Aneinander-Schmiegen schwierig werden. Ob das noch Weihnachten ist? Könnten wir dann nicht gerade ganz auf Weihnachten verzichten?

Immerhin: Weihnachten hat stattgefunden. Und mit Gemütlichkeit hatte es nicht viel zu tun. Weder war die Reise mit der hochschwangeren Maria von Nazareth nach Betlehem angenehm noch das Getrenntsein von der eigenen Familie. Denn in dieser Kultur gab es nicht einfach Mutter, Vater und Kind. Sie waren eingebettet in eine Grossfamilie, wie diese in den biblischen Schriften auch für Jesus angedeutet ist. Maria riskierte also eine Geburt fernab von allen, die ihr helfen konnten, und das Kind erlebte so von Beginn weg Distanz und Einsamkeit. Kommt dazu, dass in Bethlehem Schutz in einer Futterkrippe in einem Viehstall gefunden werden musste, weil in der Herberge für sie kein Platz war.

Die Erfahrung der Ausgrenzung gehört zu Weihnachten.

Diese erste Nacht mit dem Neugeborenen war darum für Josef und Maria alles andere als wohltuend gemütlich. An Schlaf war wohl nicht zu denken. Die Worte, die darum aus dem «Stille Nacht» zu Weihnachten am besten passen, sind: Einsam wacht.

Distanz, Ausgegrenztheit, Einsamkeit – wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass wir einzeln und als Gesellschaft diese Wörter mit ganz neuen Erfahrungen füllen würden. Menschen sind allein und erhalten keinen Besuch, Menschen sterben isoliert, Menschen können die Liebsten nicht besuchen, Menschen bangen um ihre Arbeit oder haben sie bereits verloren, Menschen können nicht feiern und vermissen den Sport und die Kultur.

Viele Marias und Josefs sind heute unterwegs, ohne zu wissen, wie sie alle Ansprüche unter einen Hut bringen können.

Wir verzichten so gesehen gar nicht auf Weihnachten. Weihnachten findet statt, auch heute, einfach anders. Aber deswegen ist Weihnachten 2020 nicht weiter weg von dem, was Maria, Josef und das Kind erlebten.

Zur Person

Urban Federer (52) ist seit 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Er wuchs in Zürich auf und besuchte als Jugendlicher die Klosterschule in Einsiedeln. Danach trat er der Ordensgemeinschaft der Benediktiner bei. Er studierte Philosophie, Theologie, Germanistik sowie Geschichte und liess sich in Gregorianischem Choral ausbilden. (cpm)
Bild: Manuela Jans-Koch (Einsiedeln, 11. Dezember 2020)
Urban Federer (52) ist seit 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Er wuchs in Zürich auf und besuchte als Jugendlicher die Klosterschule in Einsiedeln. Danach trat er der Ordensgemeinschaft der Benediktiner bei. Er studierte Philosophie, Theologie, Germanistik sowie Geschichte und liess sich in Gregorianischem Choral ausbilden. (cpm)

Dabei hat im März alles gut begonnen: Grosse Solidarität wurde gezeigt, das digitale Zeitalter hatte einen weiteren Schub erhalten, damit professionelle und private Beziehungen gelebt werden konnten. Ein paar Monate später sind wir dünnhäutiger geworden, die Ängste grösser. Erstaunt es da, dass die ersten gesprochenen Worte in der Weihnachtsgeschichte lauten: «Fürchtet euch nicht!»? Bevor die Hirten zum Sohn Gottes eilen konnten, mussten sie gegen die eigene Angst ankämpfen. Denn Furcht ist auch an Weihnachten gegenwärtig. Und ohne Hoffnung wäre der Weg zu Krippe nicht zu gehen. An Weihnachten bestand also schon immer die Gefahr, dass Menschen durch Angst gelähmt werden und die Hoffnung verlieren.

Wenn Weihnachten sowieso stattfindet, bleibt für uns die Frage nach dem Wie. Wenn uns die Kinder die Weihnachtsgeschichte nicht vorspielen können, dann müssen wir sie uns gegenseitig erzählen. Wenn wir nicht wissen, wie das mit diesem «Fürchtet euch nicht» geht, dann müssen wir einander befragen und beistehen. Wenn um uns herum Menschen unter Distanz, Ausgegrenzt-Sein und Einsamkeit leiden, dann müssen wir unsere Fantasie walten lassen, wie wir Grenzen überwinden und Distanzen verkleinern können. Die Hoffnung kommt an Weihnachten nicht, weil die Hirten sich verkriechen. Erst als sie sich aufmachen, geben sie einander Hoffnung. Erst als sie sich auf Gottes Wege einlassen, spüren sie, dass es in ihrem Leben jenseits der Angst eine Hoffnung gibt. Erst wenn wir einander beistehen, kann in mir und in den anderen eine Hoffnung keimen. Wenigstens an Weihnachten sollte niemand einsam wachen müssen.

Die Klosterkirche von Einsiedeln.

Die Klosterkirche von Einsiedeln.

Bild: Manuela Jans-Koch (11. Dezember 2020)

Suchen Sie einen Gottesdienst, können aber nicht hingehen? Nehmen Sie bei uns im Kloster Einsiedeln online teil: www.kloster-einsiedeln.ch. Suchen Sie nach kreativen Ideen, wie Weihnachten doch noch gefeiert werden kann? Dann lassen Sie sich unter www.trotzdemlicht.ch inspirieren. Dort werden wir nach draussen geschickt: «Auf dem Balkon um 18.00 Uhr mit dem ganzen Quartier ‹Stille Nacht, heilige Nacht› singen. Menschen am Rand der Gesellschaft einen Punsch bringen. Wärme schenken. Zusammen sein, so gut es mit Abstand geht.»
Weihnachten findet statt, auf jeden Fall. Selten waren wir dem Weihnachtsgeschehen so nah wie in diesen Zeiten. Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten.